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Der Makel des Verdachts

Von Christoph Hardt
Die kritischen Zeiten werden noch kritischer. Noch ist Siemens-Chef Klaus Kleinfeld in der Schmiergeldaffäre außen vor. In der öffentlichen Wahrnehmung aber steht er wieder im Mittelpunkt einer negativen Aufmerksamkeit, die dem Unternehmen insgesamt schadet. Auch intern hat das eine verheerende Wirkung.
Klaus Kleinfeld spricht während der Bilanz-Pressekonferenz der Siemens AG am 9. November 2006. Foto: AP
HB MÜNCHEN. ?Quartalsgespräche? heißen im Siemens-Sprachgebrauch die Runden, in denen der Zentralvorstand die Bereichsvorstände nach Veröffentlichung der Quartalszahlen regelmäßig ins Gebet zu nehmen pflegt. Insofern schien der vergangene Mittwoch für Klaus Kleinfeld und seine Kollegen im Führungszentrum des Konzerns über dem Starnberger See ein viel versprechender Tag zu werden. Die Jahreszahlen hatten es positiv in sich, die nahe Zukunft schien prächtig zu werden wie das Wetter von Oberbayern.Doch das Frühstücksbuffet war noch nicht eröffnet im schönen Feldafing, da braute sich im 50 Kilometer entfernten München schon wieder Unheil zusammen. Morgens um zehn nach sechs begann die Großrazzia der Staatsanwaltschaft München, die vor den Türen des Konzernchefs nicht Halt machte.

Die besten Jobs von allen

Auf die massive Aktion gegen ein offenbar weltweites Netz schwarzer Kassen war die Konzernführung nicht vorbereitet. Als die Fahnder am frühen Mittwochmorgen die Konzernzentrale besuchten, waren die Büros noch menschenleer. Was die drei Fahnder in Klaus Kleinfelds Büro eigentlich gesucht haben, darüber herrscht bis heute Unsicherheit. Nur so viel scheint klar: Mitgenommen haben sie nur zwei Dokumente, eine Gehaltsliste der Bereichsvorstände und ein Strategiepapier zur Zukunft des Geschäfts mit Telefonanlagen für Geschäftskunden, für das Klaus Kleinfeld zuletzt vergeblich einen Käufer gesucht hat.Der Ertrag der Aktion steht damit wahrscheinlich in krassem Gegensatz zu der öffentlichen Wirkung. Seit vergangenen Mittwoch steht nicht nur der Siemens-Konzern als Hort schwarzer Kassen am Pranger. Erneut gerät mit der Schmiergeldaffäre auch Klaus Kleinfeld unter Druck. Und wieder hinterlässt der 49 Jahre alte Chef, der doch eigentlich als Beweger und Antreiber das Ruder übernommen hatte, den Eindruck, als sei er ein von den Umständen Getriebener. ?Schrecklichem Gegenwind? sehe sich Kleinfeld gegenüber, meint ein Aufsichtsrat, der es gut mit ihm meint.Vor wenigen Tagen hat die Konzern-Pressestelle die Mitarbeiterzeitung ?Siemens-Welt? auch an ausgewählte Pressevertreter versandt. Der Grund war augenfällig: Das Titelbild zeigt einen lächelnden Aufsichtsratschef, der neben einem lächelnden Konzernchef sitzt, die dazugehörige Geschichte berichtet von der Führungskräftetagung in Berlin, auf der Kleinfeld und sein Oberkontrolleur und Vorgänger, Heinrich von Pierer, Bestnoten bei einer spontanen Mitarbeiterbefragung erhielten.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Siemens als Hort schmutziger Geschäfte? Bei Siemens jedoch geht derzeit verdammt viel mit fast schon unheimlicher Geschwindigkeit zu Bruch, nicht nur Bilder der Harmonie. Selten zuvor ist Europas führender Technologiekonzern in so kurzer Zeit so oft und so vehement in die Kritik geraten wie zuletzt, die Schmiergeldaffäre ist da nur ein trauriger Schluss und Höhepunkt einer Serie von Pannen. Siemens, der Inbegriff deutscher Ingenieurtugend, steht da, als sei es Hort schmutziger Geschäfte.Wie viel Verantwortung Klaus Kleinfeld auch immer dafür haben mag ? manches spricht dafür, dass er in Sachen Schwarzgeld saubere Hände hat. Das traurige Bild, das Siemens derzeit abgibt, fällt aber immer auch auf ihn als Konzernchef zurück. Zum Jahresende steht die Vertragsverlängerung an, sollte jetzt auch nur ein Hauch von Verdacht gegen ihn aufkommen, könnte es eng werden.Kleinfeld und Siemens, das ist eine Geschichte wie die vom Gesellen, der nach langer Wanderschaft heimkehrt ins Haus seines Meisters, um dort im Geist der neuen Zeit aufzuräumen. Anfangs sind alle heilfroh, dass frischer Wind den Muff der alten Ära wegfegt. Doch schnell zeigt sich, dass Gewinn immer auch Verlust bedeutet. Die Geschwindigkeit, die Kleinfeld vorlegt, verwirrt die in Konsenskultur geschulten Siemensianer, dann bringt es immer mehr Beschäftigte auf. ?Vielleicht hat er zu viel Tempo an den Tag gelegt?, sagt einer, der ihn gut kennt.In Amerika hat der Manager auf Wanderschaft Anfang des neuen Jahrtausends sein Meisterstück abgeliefert und das US-Geschäft saniert. Er hat zigtausend Leute entlassen und dabei auch gelernt, was Macht anrichten kann. Es hat ihn also nicht abgeschreckt, eher im Gegenteil.Portfolio-Politik, das sei für ihn das Größte, hat Kleinfeld gesagt, als er schon Siemens führte. Er musste wissen, dass viele das als Provokation verstanden. Er hat trotzdem Ernst gemacht und den Konzern in den knapp zwei Jahren seiner Amtszeit verändert wie niemand zuvor. Heute, nach der BenQ-Pleite, würde er das mit der Portfolio-Politik allerdings nicht mehr so stur sagen. Wer ihn zuletzt gesehen hat, der hat gesehen, dass die Pleite auch bei ihm Spuren hinterlassen hat.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Wir fühlen uns, als kippe man gerade ganz viel Dreck über uns aus.?Nun also Schmiergeld. Dem Augenschein nach ist Kleinfeld da außen vor, noch ist keiner der Vorwürfe, die durch die Presse geistern, von der Staatsanwaltschaft offiziell bestätigt. Das System schwarzer Kassen, von dem Siemens länger schon wusste, scheint Anfang des neuen Jahrtausends entstanden zu sein. Da war Kleinfeld in Amerika. Für den Bereich verantwortlich waren ganz andere, die den Konzern inzwischen verlassen haben. Seine Kommunikatoren wiederholen fast schon mit Penetranz, dass Kleinfeld den Ermittlern als ?unbeteiligter Dritter? gelte, als Zeuge. Dass sein Büro durchsucht worden sei, gehöre zum üblichen Vorgehen bei derartigen Aktionen.In der öffentlichen Wahrnehmung aber steht der Chef wieder im Mittelpunkt einer negativen Aufmerksamkeit, die dem Unternehmen insgesamt schadet. Auch intern hat das verheerende Wirkung.Vor gar nicht langer Zeit war man stolz darauf in Deutschland, für Siemens zu arbeiten. Das hat sich etwas geändert: ?Wir fühlen uns, als kippe man gerade ganz viel Dreck über uns aus?, sagt ein Mitarbeiter.?Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch?, sagte Hölderlin. Ein erfahrener Unternehmenslenker und Siemens-Aufsichtsrat formuliert es so: Für den Erfolg eines Chefs sei entscheidend, dass er gerade in kritischen Zeiten selbst Haltung bewahre und Kurs halte. Auch vor diesem Hintergrund könnten die kommenden Tage für Klaus Kleinfelds Zukunft bei Siemens entscheidend sein.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.11.2006