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Der mächtigste Fondsmanager der Welt

Von Tobias Moerschen
Gute Leute beherrschen die Spielregeln perfekt. Spitzenleute spielen nach ihren eigenen Regeln. Bill Gross zählt zur zweiten Kategorie. Wer mit dem wohl mächtigsten Fondsmanager der Welt sprechen will, muss zu ihm ins kalifornische Örtchen Newport Beach kommen.
Gute Leute beherrschen die Spielregeln perfekt. Spitzenleute spielen nach ihren eigenen Regeln. Bill Gross zählt zur zweiten Kategorie. Wer mit dem wohl mächtigsten Fondsmanager der Welt sprechen will, muss zu ihm ins kalifornische Örtchen Newport Beach kommen, eine halbe Flugstunde von Los Angeles entfernt. Ausnahmen macht Gross keine ? weder für Journalisten noch für Kunden oder für Joachim Faber, der im Vorstand der Allianz sitzt ? und somit sein Vorgesetzter ist.?Ich reise halt nicht so gerne?, sagt der hagere Gründer des Anleihe-Fondshauses Pacific Investment Management Company, besser bekannt als Pimco. Einmal jährlich fährt Gross in die Münchener Allianz-Zentrale. Sonst räumt er nur selten seinen unscheinbaren Schreibtisch, der in Pimcos Großraumbüro steht. Dort sitzt Gross zwischen seinen meist jungen Händlern und regiert Anlagegelder in Höhe von 392 Milliarden Dollar.

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Niemand kontrolliert mehr Geld. Nicht Hedge-Fonds-Star George Soros, nicht Investment-Guru Warren Buffett. Jaimes Claire, Anleihechef beim Vermögensverwalter Evergreen Investment, sieht durchaus Ähnlichkeiten zwischen Soros und Gross: Beide hätten eine philosophische Ader, jedoch halte Soros seine Anlagestrategie geheim, während Gross monatliche Marktkommentare veröffentliche und oft im Fernsehen auftrete. ?Gross tut, als ob er alle Karten offen legt, aber als weltgrößter Bondinvestor hat er viel mehr Karten als ein normaler Pokerspieler?, sagt Claire.Der Pimco-Macher begann seine Karriere 1971 als Anleiheanalyst beim Lebensversicherer Pacific Mutual Life. Anfangsgehalt: 11 000 Dollar pro Jahr. Heute ist er nach einer jahrzehntelangen Erfolgsserie reich und unabhängig. Als die Allianz 1999 für 3,3 Milliarden Dollar die Mehrheit an Pimco übernahm, bekam Gross für seine Anteile mehr als 230 Millionen Dollar. Obendrein handelte er eine für fünf Jahre garantierte Bleibeprämie von 40 Millionen jährlich aus. Seinen Ehrgeiz hat das nicht gestillt: ?Die Herausforderung besteht jeden Tag aufs Neue darin, den Wettstreit gegen die Märkte zu gewinnen.? So viel inneres Feuer darf auch keine Krawatte bremsen: Der pinkfarbene Binder baumelt offen um seinen Hals.Der hagere, Fitness-besessene Mann mit Cowboy-Schnurrbart und Fistelstimme will stets der Beste sein. Einmal rannte er sechs Marathon-Läufe in sechs Tagen. Später musste er das Laufen aufgeben, weil seine Knie versagten. Als Psychologie-Student verschlang Gross ein Buch über die mathematischen Grundlagen des Kartenspiels Blackjack. Im März 1966 zog er mit seinem Wissen in die Glücksspielstadt Las Vegas: ?In vier Monaten habe ich aus 200 Dollar 10 000 gemacht.?Lesen Sie weiter auf Seite 2:Gross studierte während der Flower-Power-Zeit in Los Angeles.Während der Flower-Power-Zeit studierte er Wirtschaft an der UCLA in Los Angeles. Dort ging es zwar nicht so esoterisch zu wie in San Francisco, doch scheint trotzdem was vom Sommer der Liebe hängen geblieben zu sein: Die besten Anlageideen habe er nach Yogasitzungen, sagt Gross: ?Wenn ich mich versenke und alles Nebensächliche wegschiebe, tritt das Wichtige hervor.? In seinem aktuellen Marktausblick reflektiert er über einen Song der Woodstock-Heroen Crosby, Stills & Nash.Ansonsten pflegt der Pimco- Chef das Leben eines Turbo-Kapitalisten: Sein Tag beginnt oft morgens um drei Uhr kalifornischer Zeit, dann sichtet er die neuesten Nachrichten aus Asien, zählen doch Chinesen zu den größten Käufern von US-Staatsanleihen, neben Pimco. Um sieben Uhr sitzt Gross an seinem Schreibtisch in der Firmenzentrale, einem Betonklotz mit Blick auf Palmen und Pazifik. Dort beobachten schon um 4.30 Uhr die ersten Fondsmanager den Handelsstart in Chicago und New York. ?Wir leisten Knochenarbeit?, sagt ein Pimco-Mann. ?Gross stellt extreme Ansprüche an sich und seine Leute.?Aber schließlich geht es auch um viel Geld. Sehr viel Geld. Egal, ob die Anleihegelder der Allianzgruppe Bank, die Privatanleger- Fonds von Allianz oder der Dresdner-Tochter DIT, ?alle Anlageentscheidungen über festverzinsliche Wertpapiere laufen in Newport Beach zusammen?, sagt der Pimco-Macher. Schon heute zählt die Dachgesellschaft Allianz Dresdner Asset Management zu den größten Vermögensverwaltern weltweit mit einem Gesamtvermögen von fast einer Billion Dollar.Die Zugehörigkeit zur Allianz bremst nicht Gross? Streitlust. Im März 2002 kritisierte er General Electric (GE) als finanziell ?unsolide?. Niemand hatte zuvor gewagt, das nach Börsenwert mächtigste Unternehmen der Welt zu kritisieren. Nach der Attacke fiel der GE-Kurs in zwei Tagen um sechs Prozent. Der Riesenkonzern beschwerte sich zwar bei der Allianz ? Gross aber blieb unbeeindruckt. Am Ende lenkte GE ein und änderte seine Verschuldungspolitik wie von Gross gefordert.Die Allianz muss mit solchen Eskapaden ihres Stars leben. ?Die Allianz respektiert uns, und wir respektieren die Allianz?, sagt Gross. Und Deutschland mochte er schon während eines sechsmonatigen Schüleraustauschs in Zweibrücken: ?Der einzig Wermutstropfen war, dass ich kein Basketball spielen konnte.?
Vita: Bill Gross1944 wird er am 13. April in Ohio geboren.
1962 nimmt er ein Stipendium der Top-Uni Duke an und studiert Psychologie.
1966 tritt Gross den US-Marines bei. Sein Ziel, Militärpilot zu werden, erfüllt sich nicht. Stattdessen wird er stellvertretender Chefingenieur auf einem Zerstörer, der im Vietnamkrieg Einsatzkommandos transportiert.
1969 beginnt Gross das MBA-Programm der University of California in Los Angeles.
1971 wird er Analyst beim Versicherer Pacific Mutual Life
1994 spaltet das Unternehmen Pimco ab und bringt die Sparte an die New Yorker Börse.
1997 überspringt Pimco die Grenze von 100 Milliarden Dollar Anlagegeldern.
1999 übernimmt die Allianz für 3,3 Milliarden Dollar 70 Prozent der Pimco-Anteile.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.07.2004