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Der Löwenbändiger

Von Joachim Hofer
Banker, Sanierer und Fußballfan: Stefan Ziffzer, lange beim Münchener Kirch-Konzern tätig, will den Fußballclub 1860 München an die Börse bringen ? wenn am heutigen Montag der ?richtige? Aufsichtsrat gewählt wird.
MÜNCHEN. Der Mann mit dem leicht zerzausten Haar geht jede Position durch. Erst erläutert er die Bilanz, dann die Gewinn- und Verlustrechnung. ?Und, ist Ihnen etwas aufgefallen?? fragt der Geschäftsführer des TSV München von 1860 anschließend die Journalisten. Noch bevor jemand antworten kann, sagt Stefan Ziffzer: ?Wenn alles so weiterläuft wie bisher ? droht die Überschuldung.?Willkommen in der neuen Welt des Münchener Traditionsclubs. Wo früher die Zahlen durch Indiskretionen von Aufsichtsräten an die Öffentlichkeit kamen, herrscht nun eine schonungslose Offenheit. Die Bilanzpressekonferenz Ende September war der erste Schritt.

Die besten Jobs von allen

Aber Ziffzer hat noch mehr vor. Um den wirtschaftlich angeschlagenen Kultverein zu retten, sollen die Löwen, wie die Mannschaft von den Münchenern genannt wird, nächstes Frühjahr an die Börse. Ob es so weit kommt, ist aber noch offen. Denn heute Abend wählt die Delegiertenversammlung den neuen Aufsichtsrat des Clubs. Und Ziffzer hat gedroht, seine ?Tasche zu packen und zu gehen?, wenn die falschen Leute ans Ruder kommen.Ziffzer und die Löwen, das ist ein ungewöhnliches Duo.Auf der einen Seite der Ex-Banker und Sanierer, ein Mensch der Zahlen und Strategien, der aber sportbegeistert ist wie wenige Manager hier zu Lande. Im Medienkonzern von Leo Kirch ist er Finanzchef, dann handelt er Ende der 90er-Jahre die ganz großen Sportverträge aus. Dazwischen ein Intermezzo in der Verlagsgruppe von Holtzbrinck (?Die Zeit?, Handelsblatt), dann führt er Kirchs Sportsender DSF bis zum Verkauf an EM.TV.Auf der anderen Seite die 60er. Seit ewigen Zeiten stehen sie im Schatten des Lokalrivalen FC Bayern. Sportlich ist der Verein aus dem Arbeiterquartier Giesing nur zweitklassig. In den Schlagzeilen schaffen es die Löwen aber meist ganz nach oben. So muss Karl-Heinz Wildmoser junior, Sohn von Ex-Präsident Karl-Heinz Wildmoser, ins Gefängnis, weil er sich als Geschäftsführer der Stadion GmbH schmieren lässt.Und immer wieder wird schlecht gewirtschaftet. In diesem Frühjahr müssen die Löwen ihren Anteil an der Allianz Arena an den Konkurrenten FC Bayern verkaufen, um zu überleben. Das ist eine der ersten Amtshandlungen Ziffzers, der im März antritt und gleich Schelte einsteckt. Denn viele Löwen-Fans schimpfen über den Vertrag mit dem Erzfeind, obwohl die Pleite droht.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Für den Börsengang gibt es eine wichtige Voraussetzung.Trotz allen Ärgers: Für Ziffzer ist es ein Traumjob. Einen Fußballclub wollte er schon immer führen. ?Der liebt diese Aufgabe?, sagt ein Vertrauter, der ihn seit Jahren kennt. Ziffzer, das ist Sport, Sport und nochmals Sport. ?Wenn sie mich Samstagmorgens vor den Fernseher setzen und den richtigen Sportkanal einstellen, dann schaue ich das ganze Wochenende lang?, sagt der 54-Jährige über sich selbst. ?Er hat diesen Grad an Beklopptheit, den es braucht, um die Unprofessionalität des Sports auszuhalten?, merkt ein Ex-Kollege an.Beklopptheit, das ist es. Ziffzer bekommt es gerade hautnah mit. Da durchforsten die Wirtschaftsprüfer der KPMG die Bilanzen, um den TSV fit für die Börse zu machen. Gleichzeitig tobt eine Schlammschlacht um Präsidentenstuhl und Aufsichtsrat, die jeden nüchtern denkenden Banker abhalten müsste, sich mit den Zweitliga-Kickern zu befassen.Ziffzer hat aber klar gemacht: Sollte der aus seiner Sicht falsche, weil inkompetente Aufsichtsrat gewählt werden, dann wäre er weg vom Fenster. Mit ihm würde wohl auch Stefan Reuter gehen. Der Weltmeister von 1990 kümmert sich in der Geschäftsführung um die sportlichen Belange, Ziffzer um die Finanzen. ?Wir ziehen an einem Strang?, sagt Reuter über das Verhältnis zu Ziffzer.Sollte es jedoch wie geplant weitergehen, dann muss Ziffzer die Aktien an den Mann bringen. Den Käufern will er nichts versprechen. Es soll kein zweites Debakel wie in Dortmund geben, wo sie die Aktionäre über den Tisch gezogen haben. ?Die Menschen sollen uns Risikokapital zur Verfügung stellen?, sagt Ziffzer trocken. Als Gegenleistung erhalten die Fans farbige Schmuckaktien. Fünf bis zehn Millionen Euro sollen durch die Emission in die Kassen gespült werden. Das sollte reichen, meint Ziffzer, um die nächsten Jahre ohne Existenzsorgen zu überleben.Er sieht keine Alternative zum Börsengang. ?Ich kenne die Familie Abramowitsch nicht?, sagt er in Anspielung auf den reichen Eigentümer des englischen Clubs Chelsea. Doch mit der neuen Offenheit, so hofft er, kann er viele Fans zu Aktionären machen.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.10.2006