Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der lockende Ruf des Grauen Kardinals

Von Matthias Brüggmann
Sein Spitzname klingt nach Großem: ?Grauer Kardinal?. So nennen viele Wladislaw Surkow, den stellvertretenden Leiter der Präsidialadministration im Kreml. Doch wer Surkow begegnet, ist enttäuscht, entsetzt gar.
HB MOSKAU. Doch wer Surkow begegnet, ist enttäuscht, entsetzt gar. Nicht, weil der erst 40 Jahre alte Strippenzieher so schmächtig ist. Nein, der Mann fürs Grobe von Russlands Präsidenten Wladimir Putin ist ?überraschend schlicht? gestrickt, wie Unternehmer sagen, die ihn kürzlich kennen lernten. Kein gutes Zeugnis, ist der gelernte Schauspieler, Wirtschaftslobbyist und Werbefachmann Surkow doch zuständig für die Innenpolitik von der Führung der Parteien im Parlament bis zur notorischen Gängelung abweichender Abgeordneter.Viele Entscheider aus der russischen Wirtschaft lernen Surkow derzeit kennen. In Veranstaltungen, zum Beispiel beim Mittelstandsverband Delowaja Rossija, wirbt er um Mitgliedschaft der Unternehmer in der Kremlpartei ?Einheitliches Russland?.

Die besten Jobs von allen

Zwar gesteht der Mann hinter verschlossenen Türen gegenüber den versammelten Firmenchefs das Scheitern ein: Die Einheits-Partei beschließe, was sie wolle, wenn man sie nicht eng ans Gängelband nehme, räumte Surkow ein. Ebenso, dass die entzahnten Gouverneure der 89 russischen Regionen weiter machten, was sie wollten. Doch die Firmenchefs sollten sich für ?Einheit? schlicht auch deshalb engagieren, weil sie eine Zweidrittelmehrheit in der Duma habe.Damit könnte sich mancher schwer tun. Das harte Vorgehen des Kreml gegen den inzwischen verurteilten Yukos-Öltycoon Michail Chodorkowskij hat nicht nur den Oligarchen unter Russlands Wirtschaftselite klar gemacht: Haltet euch raus aus der Politik!Lesen Sie weiter auf Seite 2: Surkows KehrtwendeNun Surkows Kehrtwende: Die Unternehmer des Riesenreichs sollten das ?verständliche Ekelgefühl? gegen die Kreml-Parteigänger abstreifen und durch massenhafte Beitritte aus der ?grauen Masse einer Stimmmaschine? ein kreatives Völkchen machen, das den Apparatschiks bisher fehle.Surkow kennt die Wirtschaft, und er kennt Chodorkowskij: Dessen Vize war er einst. ?Liebe kann man ebenso wenig kaufen wie Macht?, habe er seinem Ex-Chef kurz vor der Festnahme gesagt. ?Aber er hatte komische Vorstellungen. Wir werden keiner kleinen Gruppe gestatten, die Macht zu übernehmen.? Liberal sind Surkows Ideen trotz zehn Jahren Arbeit für Chodorkowskij, seiner Jahre als Vize der privaten Alfa-Bank und auf dem Chefposten des russischen Werbeindustrie-Verbandes nicht mehr: Künftig will er Rohstoffvorkommen vor dem Zugriff von Ausländern abschotten.Anwesende Unternehmer sprachen nach einem Treffen mit Surkow von ?nicht mehr zu überdeckender Paranoia im Kreml?. Dass die meisten Unternehmer die Mission des ?Herrn Vollstreckers? (so die Zeitung ?Feldpotschta? über Surkow) längst verstanden haben, bestätigen ?Einheits?-Generalsekretär Walerij Bogomolow. Er erzählt gern, dass ein russischer Aluminium-Baron zu ihm ins Duma-Fraktionszimmer gekommen sei ? das Geld für die Partei im Koffer gleich dabei. Und auch der Aufsichtsratschef eines börsennotierten Moskauer Konzerns berichtet: ?Bei den Wahlen müssen wir für viel Geld Parteiplakate kaufen. Kleben brauchen wir sie dann nicht, aber teuer bezahlen.?Auch die Alfa-Bank, früherer Arbeitgeber des vom Schauspiel-Studenten zum wichtigsten Regisseur des Parlaments aufgestiegenen Surkow, hat inzwischen dem Kreml Loyalität signalisiert: Sie spricht sich in einer Analyse dafür aus, dass 2008 Putin oder einer seiner Getreuen an der Macht bleibt. Denn wenn die Oligarchen einen Alternativkandidaten unterstützten, hätte dies weitere schwere Attacken des Kreml auf die Wirtschaft zur Folge. Wie teuer das werden kann, belegt der Fall Chodorkowskij: Der Yukos-Gründer hatte angekündigt, die liberale Jabloko-Partei und die Kommunisten zu finanzieren. Heute ist er zu neun Jahren Lagerhaft verurteilt.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.07.2005