Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der linke Pharmahändler

Von Anne Grüttner
Als Unternehmer hat der deutschstämmige Bolivianer Bernd Abendroth großen Erfolg. Nun versucht er, sein Land zu ändern. Die Sympathien der einfachen Leute für Abendroth sind umso ungewöhnlicher, weil ?Don Bernardo? viele Attribute und Titel hat, die ihn eigentlich als Klassenfeind ausweisen. Neugierige Blicke folgen ihm. Auch bewundernde.
LA PAZ. Neugierige Blicke folgen ihm. Auch bewundernde. Wenn Bernd Abendroth durch die von Indios und Mestizen bevölkerten Straßen der verarmten Millionenstadt El Alto geht, dann erkennen ihn viele. Manch einer traut sich sogar, den auffallenden Hünen mit dem leicht rötlich leuchtenden Gesicht, dem weißen Haarkranz und blonden Schnurrbart direkt anzusprechen: ?Weiter so, Don Bernardo, wir unterstützen Sie.?So etwas passiert nur wenigen Großunternehmern in Bolivien. Die Sympathien der einfachen Leute für Abendroth sind umso ungewöhnlicher, weil ?Don Bernardo? viele Attribute und Titel hat, die ihn eigentlich als Klassenfeind ausweisen: Er ist hellhäutig; er ist Chef von einem der größten Familienunternehmen des Landes; er war Staatssekretär unter dem konservativen Präsidenten ?Goni? Sanchez de Lozada, der alle Sympathien im Volk verloren hat; und er ist Präsident des Arbeitgebervereins von La Paz.

Die besten Jobs von allen

Abendroth bezeichnet sich als Sozialdemokraten oder als ?gemütlichen Linken?: einen, der ?alles hat, was er braucht, aber auch diejenigen sieht, die nichts haben, und daran etwas ändern will?. Dieses Bewusstsein schreibt er seiner Erziehung und dem Studium in Deutschland zu.Der heute 55-Jährige wird in La Paz als Sohn eines Hamburger Kaufmanns und einer Deutsch-Chilenin geboren, wenige Jahre vor der Revolution 1952, als in Bolivien zum ersten Mal ein allgemeines Wahlrecht eingeführt, die Minen verstaatlicht und eine Landreform angeschoben wird. Seine Erziehung ist anders als die der meisten Oberschichtenkinder Südamerikas: Er darf mit den Kindern der Ärmsten auf der Straße spielen und sogar einmal bei einem seiner Freunde von der Straße übernachten ? in einem Bett mit vier Geschwistern und deren Eltern.In den ersten Schuljahren hat der Junge wegen der politischen Wirren die Hälfte des Jahres frei. Die Eltern haben bereits drei Geschwister nach Deutschland ins Internat geschickt, und 1964 geht auch Bernd Abendroth mit seiner Mutter nach Hamburg. Doch der Unterricht auf Deutsch fällt ihm schwer, zumal er viel versäumten Stoff aufzuholen hat. So wechselt er nach zwei Jahren auf ein Landschulheim in Holzminden, wo er auf Spanisch Abitur machen kann und seine spätere Frau kennen lernt, eine US-Amerikanerin.Nach dem Abschluss 1970 geht er nach Hamburg, zieht dort in eine WG und gibt sich neben dem Betriebswirtschaftsstudium ganz dem revolutionären Treiben der deutschen Studentenbewegung hin.Nach zwölf Jahren in Deutschland geht Abendroth nach Bolivien zurück und übernimmt die Firma des Vaters, Abendroth Internacional. Das mittelständische Unternehmen importiert Produkte für die Qualitätskontrolle und Laborausstattung im Pharmabereich aus Europa und Südamerika. Doch es läuft nicht gut: Die politischen Krisen haben der bolivianischen Wirtschaft zugesetzt, und die vielen Reglementierungen und Preisbindungen auf dem inländischen Markt machen speziell das Importgeschäft schwierig.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Arbeitgeberpräsident bewegte sich zu spätDer Vater von drei erwachsenen Kindern sieht seine Rolle zunehmend als Vermittler zwischen den Privilegierten und der Unterschicht. Schon im Oktober 2003, bei der ersten großen Protestwelle, die zum Sturz von Präsident Sanchez de Lozada führte, sucht Abendroth den radikalen Indio-Politiker Felipe Quispe auf, Anführer der Landarbeitergewerkschaft und der dazugehörigen Partei Movimiento Indígena Pachakutik. ?Quispe fragte mich, was ich sagen würde, wenn ich kein fließend Wasser hätte, wenn ich mich hinter eine Mauer setzen müsste, um meine Notdurft zu verrichten, und wenn ich keinen Strom im Haus hätte?, erinnert sich Abendroth. Der Arbeitgeberpräsident drängt den Staatschef, die Infrastruktur des Landes auszubauen. Zu spät: Zwei Tage später tritt Sanchez de Lozada zurück, Vize Carlos Mesa folgt ihm nach.Im Juni 2005 richten sich die Proteste gegen Mesa. Abendroth lässt sich ins Hauptquartier der Nachbarschaftsräte fahren, der Hauptorganisatoren der wochenlangen Straßenblockaden, die das Land lahm legen. Abendroth gerät in eine Versammlung von 70 Aktivisten, die ihn nicht zu Wort kommen lassen. Er zieht sich still zurück: ?Aber es war eine gute Erfahrung, zu sehen, wie radikal die Atmosphäre war.?Auch mit dem heutigen Präsidenten Evo Morales trifft sich Abendroth schon 2005, als dieser noch ein radikaler Oppositioneller und Gewerkschaftsführer der Kokabauern ist. ?Wir stellten fest, dass unsere Ansichten nicht so weit auseinander liegen?, sagt Abendroth. Und mit Fürsprechern wie dem Arbeitgeberpräsidenten Abendroth kann der Linkskandidat die Ängste der Mittelschicht mildern.Solche Kontakte sind es, die Abendroth in den Augen anderer Unternehmer zum Verräter machen. ?Er hat sich erst Goni und dann Morales angedient. Die beiden vertreten zwei völlig verschiedene politische Richtungen, das wirkt ein wenig opportunistisch?, sagt Reinhard Rössling, Besitzer einer Restaurantkette in Bolivien. Für Don Bernardo dagegen ist mit dem überwältigenden Wahlsieg von Morales ein Bürgerkrieg verhindert worden.Sein politisches Engagement hätte ihn in diesem Jahr zum Botschafter Boliviens in Deutschland machen könne. Doch er lehnte ab: ?Ich glaube, dass meine Aufgabe in Bolivien ist.? Vielleicht spielten auch die niedrigen Gehaltsvorstellungen der Regierung eine Rolle.So versucht er nun weiter, der Regierung in Bolivien seine Expertise zur Verfügung zu stellen. Abendroth weiß, dass er ein Fremdling bleibt in der Politik. Doch er hat die hehre Hoffnung, dass die bolivianischen Unternehmer sich ihrer sozialen Verantwortung besinnen. Die Aufstände in Venezuela, Ecuador und Bolivien, die eine neue politische Elite an die Macht spülen, ?haben sicher viele Unternehmer ein Stück bewusster gemacht?.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.09.2006