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Der Lieblingsengländer der Deutschen ist tot

Von Christoph Moss, Handelsblatt
Er war ein Multitalent. Einer, den die ganze Welt in ihr Herz geschlossen hatte. Sir Peter Ustinov, Schauspieler, Schriftsteller, Komponist und Komiker, ist in der Nacht zum Montag gestorben.
Sir Peter Ustinov, Foto: dpa
HB DÜSSELDORF. Der Weltbürger Ustinov verdiente sich höchste Achtung und höchsten Respekt, weil er nicht nur als Künstler überzeugte. Er bezeichnete sich selbst einmal als ?unbelehrbaren und militanten Optimisten?, der auf eine menschlichere Zukunft hoffe. Sein eigener Beitrag bestand in seinem Engagement für humanitäre Organisationen ? vor allem als Sonderbotschafter für das Kinderhilfswerk Unicef.Peter Alexander Ustinov wurde als Sohn eines russischen Emigranten und einer französischen Künstlerin am 16. April 1921 in London geboren. Seine Vorfahren stammten aus Russland, Italien, Frankreich und Äthiopien. Sein Vater war russischer Herkunft, aber deutscher Staatsbürger. Jona von Ustinov kämpfte im Ersten Weltkrieg in der kaiserlichen Armee und siedelte 1918 nach England über. Er arbeitete als Presseattaché der Deutschen Botschaft in London.

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Als er sich mit Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop überworfen hatte, wurde er britischer Spion. Peter Ustinov fand später heraus, dass sein Vater die britische Regierung 1938 über die Pläne Hitlers zum Einmarsch in die Tschechoslowakei informiert hatte.Der Schüler Peter Ustinov wuchs viersprachig auf. Er wurde an der renommierten Londoner Westminster School ausgebildet, die er jedoch hasste. Der dicke Peter wurde von seinen Mitschülern oft gehänselt. ?Ich rettete mich, indem ich die Lehrer nachmachte und dadurch die anderen zum Lachen brachte?, sagte er später. Mit 16 Jahren hatte er genug. Er beschloss, die Schule zu verlassen und Schauspielunterricht zu nehmen.1946, nach dem Dienst in der britischen Armee, legte Ustinov richtig los. Er verfasste nach eigenen Angaben mehr als 20 Theaterstücke und neun Filmdrehbücher. Er führte in acht Streifen Regie und spielte in gut 40 Filmen sowie zahlreichen Bühnenstücken mit. Er schrieb Erzählungen, Romane und Memoiren, inszenierte Opern und entwarf Bühnenbilder. Er gab Foto- und Karikaturensammlungen heraus und bereiste als begnadeter Komiker mit Soloprogrammen die Welt. Ustinovs eindrucksvollste Filmrolle blieb die Darstellung des Kaisers Nero in ?Quo Vadis? (1952). Je einen Oscar erhielt er für seine Rolle als Sklavenhändler in ?Spartacus? (1960) und für seine Rolle als Dieb in ?Topkapi? (1964).Die britische Königin Elizabeth II. erhob Ustinov als Sir Peter in den Adelsstand. Dennoch fühlte er sich gerade den Menschen in Deutschland immer besonders verbunden. ?Die Leute hier sind hellwach?, sagte er noch vor wenigen Monaten. Es scheint, als hätten die Deutschen so etwas wie ihren ?Lieblingsengländer? verloren.Sir Peter Ustinov, Vater von vier Kindern, hatte es stets geschafft, sein Privatleben vor der Öffentlichkeit weitgehend abzuschotten. Er war in dritter Ehe mit der französischen Schriftstellerin Helene du Lau d?Allemans verheiratet. Er starb in einer Klinik in Genolier bei Genf.Im nahe gelegenen Bursins oberhalb des Genfer Sees und umgeben von Weinbergen hatte Ustinov Jahrzehnte seines Lebens verbracht. Nachdem sich der Künstler zuvor nur noch im Rollstuhl fortbewegen konnte, musste er die letzten beiden Monate in der Klinik verbringen. Nach Angaben eines Freundes führten Herzprobleme und die Folgen einer Zuckerkrankheit schließlich zum Tod.Er wolle gern arbeiten, bis er umfalle, hatte der Schauspieler einmal in einem Interview gesagt. Dem Journalisten einer Nachrichtenagentur antwortete er mit einem Augenzwinkern auf die Frage, welchen Grabspruch er sich denn wünsche: ?Das Betreten des Rasens ist verboten.?
Dieser Artikel ist erschienen am 30.03.2004