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Der letzte Tango des Air-Canada-Chefs

Von Dietmar Petersen, Gerd Braune, Handelsblatt
Er redet schnörkellos, spricht aus, was er für richtig hält: Selbst im Telefoninterview transportiert er das Image des ?typisch? amerikanischen Managers. Mit Robert Milton, Präsident und Chief Executive Officer (CEO) der Air Canada, größte Fluggesellschaft des Landes, zu sprechen, macht Spaß. Seinen Führungsstil umschrieb Milton einmal als ?gescheit, hart und schnell?.
TORONTO. In Kanada empfinden ihn viele als arrogant und dominant. Er hat sich in seiner Wahlheimat nicht nur Freunde gemacht. Seit fünf Jahren sitzt der gebürtige Amerikaner, Vater zweier Kinder und inzwischen auch kanadischer Staatsbürger, als Chefpilot im Cockpit der Air Canada. Sie fliegt seit längerem am Rande der Pleite. Das schmerzt stolze Kanadier. Ihnen gilt die Fluglinie als nationale Ikone, transportiert sie doch das rote Ahornblatt, das nationale Symbol, in alle Welt, wenn auch mit lahmenden Flügeln.Robert Milton personifiziert Air Canada in besonderer Weise, sein Schicksal als Manager ist mit dem Glück der Air Canada verwoben. Jetzt kann er sich ? endlich wieder einmal ? in der Rolle zeigen, die er am liebsten mag: des Siegers. Am Dienstag einigte er sich in Montreal mit den Gläubigern auf einen, auf seinen Rettungsplan. Sein Versprechen könnte wahr werden: Ende September Air Canada aus dem staatlichen Gläubigerschutz zu entlassen. Dorthin war Milton im April 2003 geflüchtet.

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Den Grundstein zu der nahen Sanierung hat Milton durch einen in der westlichen Luftfahrtindustrie beispiellosen Abbau von Kosten gelegt. ?Wir haben dauerhaft pro Jahr zwei Milliarden kanadische Dollar (rund 1,25 Milliarden Euro) an Kosten eingespart?, sagte er voller Stolz dem Handelsblatt. Sein Meisterstück lieferte er im Clinch mit den Gewerkschaften: Knapp die Hälfte der gekappten Kosten sparte er beim Personal. Damit kann er Eindruck schinden. ?Robert hat bei den operativen Kosten neue Standards für die Airline-Industrie gesetzt?, lobt Jaan Albrecht, Manager der Star Alliance, dem größten Serviceverbund in der Luftfahrtindustrie, angeführt von der Lufthansa.Als im Sommer kanadische Medien das baldige Ende der Air Canada prophezeiten, warnten Analysten vor ?Untergangs-Schlagzeilen?, die nicht die Realität widerspiegeln. Tatsächlich will Milton 2005 wieder ein ?positives Jahresergebnis? erwirtschaften. Dafür hat der 48-Jährige eine ehrgeizige Doppelstrategie entworfen. Sein Design: Billigflieger auf dem nordamerikanischen Markt und Premiumanbieter auf interkontinentalen Routen unter der Dachmarke ?Air Canada?. Den Spagat zwischen regionalem Discountflieger und klassischem Linienflieger qualifizieren Experten als visionäres Geschäftsmodell.Menschen, die Milton kennen, trauen es dem Luftfahrt-Besessenen zu. Als er 1999 mit 39 Jahren den Chefsessel der Air Canada besetzte war er weltweit der jüngste Boss einer traditionellen Fluggesellschaft ? und sein Jugendtraum Realität. Milton wuchs in Singapur auf. Die Saga: Dort wurde der Junge einmal verhaftet, als er Typen und Flugzeiten startender und landender Flugzeuge aufzeichnete. Der Vater gab ihm den Rat des Lebens: Lerne, eine Fluglinie zu führen! Milton studierte Betriebswirtschaft.Mit dem Niedergang der Air Canada drohte auch sein Stern zu sinken. Als er den Billigflieger Tango vor Jahren initiierte, spotteten Kritiker: ?Miltons letzter Tango.? Inzwischen ist klar: Er tanzt noch immer.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.08.2004