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Der letzte Schuss Abenteuer

Martin Roos
Flugticket kaufen, in Kanada landen, vorsprechen und du hast den Job - das ist fast wie ein Sechser im Lotto. Silke Stadtmüller hat es geschafft. Die 28-Jährige ist einfach losgeflogen und arbeitet heute als Architektin in Toronto. Sie hatte nicht nur Glück, sondern auch Mut.
Flugticket kaufen, in Kanada landen, vorsprechen und du hast den Job - das ist fast wie ein Sechser im Lotto. Silke Stadtmüller hat es geschafft. Die 28-Jährige ist einfach losgeflogen und arbeitet heute als Architektin in Toronto. Sie hatte nicht nur Glück, sondern auch Mut

Ihr Traum hieß Kanada. Als Silke Stadtmüller im Spätherbst 2004 einen Artikel über den Torontoer Architekten Johnson Chou in einem Fachmagazin fand, war sie nicht mehr zu halten: Für ihn wollte sie arbeiten. Und "wer im Ausland einen Job will, muss sich persönlich vorstellen" - so die Vorstellung der 28-jährigen Deutschen. Eiligst buchte sie einen Flug, stieg Anfang November in die Maschine und flog rüber.

Die besten Jobs von allen


Mut verleiht Flügel. Zwar ist es als Ausländer in Kanada immer noch leichter, eine Einreise- und Arbeitserlaubnis zu bekommen als in den USA - vor allem seit den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York. Doch auch wohlmeinende Arbeitsmarktexperten raten deutschen Bewerbern eher davon ab, sich einen Job auf eigene Faust zu suchen - schließlich müsse man beweisen, besser als ein kanadischer Arbeitnehmer zu sein.

Für Silke Stadtmüller kein Grund zu zögern. Von klein auf ist sie es gewöhnt, auf neue Menschen zu treffen und neue Kulturen kennen zu lernen: am Bodensee geboren, in Spanien aufgewachsen, in Laichingen Abitur gemacht, in Karlsruhe an der Hochschule für Architektur studiert und seit 2001 als freie Architektin für Bauvorhaben und Eventdesign in Neu-Ulm, in Hannover, Helsinki, Detroit, Amsterdam, Köln, Stockholm, München und Singapur unterwegs. Was soll es da für ein Problem geben? Dachte sie

In Toronto angekommen, marschierte die hübsche Blondine geradewegs in das Büro von Johnson Chou. "Es war Mittagspause. In dem Büro saß überhaupt nur ein Mann", sagt Stadtmüller. "Ich stellte mich vor, erklärte mein Anliegen und bat, meine Unterlagen dem Chef weiterzureichen."

Dreist oder selbstbewusst - der Mann jedenfalls lächelte und nahm sich Zeit für ein Gespräch. "Vielleicht wäre ich anders aufgetreten, wenn ich gewusst hätte, dass dieser Mann Johnson Chou persönlich war", meint Stadtmüller heute etwas selbstkritisch. Einen Job jedenfalls bekam sie erst einmal nicht. Dafür das Versprechen: Man werde sich bei ihr melden. Stadtmüller flog zurück nach Deutschland.
Pech. Denn überzeugt davon, dass ihr neues Leben jetzt schnell in Kanada beginnen würde, hatte sie noch vor dem Abflug ihren alten Job gekündigt. Die Zeit des Bangens begann. Nach vier Wochen dann der Anruf. "Je eher ich anreise, desto schneller sei ich engagiert, sagte mir die Agentur."

Innerhalb von zwei Wochen verkaufte Stadtmüller ihr Auto, gab ihre Wohnung auf und rief die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) in Bonn an, die ihr innerhalb von drei Wochen ein Visum für das Young Workers Exchange Program (YWEP) ausstellte: Mit der Kanadischen Botschaft in Berlin vergibt die ZAV diese Zwölf-Monats-Arbeitserlaubnis an Studierende, Absolventen und Berufstätige bis 35 Jahre.
Voraussetzung: Ein Stellenangebot aus Kanada muss vorher gesichert sein. Anders als beim Working Holiday Visum wird diese Arbeitsgenehmigung für einen bestimmten Arbeitgeber erteilt und ist nicht übertragbar.


Lockere Umgangsformen

Seit Anfang März 2005 arbeitet Silke Stadtmüller nun als freie Architektin für Johnson Chou in Kanada. "Die Arbeitsweise ist ganz anders als in Deutschland, das Klima im Büro sehr freundlich, ich konnte mich schnell eingewöhnen", sagt die Wahlkanadierin. Zurzeit baut Stadtmüller drei Etagen eines achtstöckigen Bürogebäudes um - für Toronto ein Winzling. Was Anzahl und Größe der Wolkenkratzer angeht, wird die Stadt in Nordamerika nur von New York übertroffen. Toronto hat 1.883 Hochhäuser, das berühmteste ist der CN Tower.


Leben in urbaner Idylle

Für ihre Wohnung in Little Italy zahlt Stadtmüller umgerechnet etwa 590 Euro - ein kleines Apartment in einem dreistöckigen Haus aus den 50er Jahren, umgeben von mehreren Boutiquen und Cafés. Little Italy macht neben Chinatown, der "griechischen" Danforth Avenue, dem Distillery Historic District mit seinen hangarähnlichen Markthallen und dem Viertel aller Sonnenanbeter und Volleyballspieler, The Beaches, die "urbane Idylle" Torontos aus.
Ins Büro fährt Stadtmüller zehn Minuten mit dem Fahrrad - Radeln, meint sie, sei "ein Überbleibsel meiner deutschen Mentalität". 14 bis 16 Stunden arbeitet sie täglich, manchmal auch am Wochenende. "Das liegt daran, dass ich viel lernen muss. Allein die englische Fachsprache!" Viel Arbeit für nicht so viel Geld: Pro Monat verdient sie umgerechnet etwa 2.000 Euro.

In der Regel erhalten Angestellte in Kanada nur zwei Wochen Urlaub, in Ausnahmefällen etwas mehr, die aber meistens nicht bezahlt werden. Auch die Absicherung im Job ist nicht die größte, da es oft keinen Kündigungsschutz gibt. Ebenso sind betriebliche Zusatzleistungen wie Weihnachtsgeld nicht gerade die Regel.
Stadtmüller bereitet das noch keine Sorgen: "Die Lebenshaltungskosten sind hier auch nicht so hoch. Außerdem zählt für mich jetzt erst einmal, dass ich überhaupt für so einen renommierten Architekten arbeiten darf." In Toronto gilt Johnson Chou als einer der Besten.
Und egal was kommt - verlassen will Stadtmüller Kanada nicht. Im Gegenteil. Sie arbeitet gerne viel. Denn sie hofft, dass ihr Chef dann Ende des Jahres ein gutes Wort bei den kanadischen Behörden für sie einlegen wird, damit sie, wenn ihr Visum abläuft, eine neue Arbeitsgenehmigung für die nächsten Jahre bekommt.

Dieser Artikel ist erschienen am 28.07.2005