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Der letzte Kampf des Welt-Managers

Von Christoph Nesshöver
"Guten Tag, ich heiße Gunter Pleuger?, sagt Gunter Pleuger und neigt kurz den Kopf. Er steht im Foyer des Deutschen Hauses in New York. Mit seinem breitkrempigen Hut könnte er an der Seite von John Wayne durch El Dorado reiten, und der lange dunkle Mantel lässt ihn noch größer erscheinen, als er ohnehin schon ist. Einen Colt trägt Pleuger nicht. Aber schießen kann er.
DÜSSELDORF. Einen Colt trägt Pleuger nicht. Aber schießen kann er, rhetorisch elegant aus dem Mund unter dem kräftigen Schnurrbart und in mehreren Sprachen, wie es sich für einen brillanten Botschafter gehört. Und dass Pleuger brillant ist, das geben selbst seine Gegner zu, deren Zahl zuletzt stetig gestiegen ist.An diesem Wochenende erlebt Deutschlands Uno-Botschafter seinen Showdown. Dann kommt sein Vorgesetzter Joschka Fischer nach New York, um mit den Kollegen aus Brasilien, Japan und Indien einen letzten Versuch zu starten, den Sicherheitsrat der Weltorganisation von 15 auf 25 Mitglieder zu erweitern und Deutschland einen ständigen Sitz im Vorstand der Weltpolitik zu sichern.

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191 Staaten sind Mitglieder der Uno, und wenn es um die prestigeträchtigsten Sessel der Welt geht, heißt das ?jeder gegen jeden?. Am Dienstag ließ George W. Bush erstmals öffentlich verkünden, dass die USA keinen größeren Sicherheitsrat wünschen ? zu ineffektiv.Eigentlich ist Pleugers Aufgabe eine unmögliche. Darum ist sie genau die richtige für den 64-Jährigen.Ach ja, die Uno! Pleuger ist infiziert vom multikulturellen Gewusel am East River, seit er zum ersten Mal als Diplomat nach New York kam. 1970 war das, Deutschland war noch nicht einmal Uno-Mitglied. 138 Tagesordnungspunkte hatte die Generalversammlung damals, das weiß Pleuger noch heute. Der Anfänger bekam ein Vier-Quadratmeter-Büro im Chrysler-Hochhaus.Heute ist sein Eckbüro oben im ?German House? zehnmal so groß. Als Karrierediplomat hat Pleuger alles erreicht: 1999 wurde er Staatssekretär. Drüber geht eigentlich nichts mehr für einen Beamten. Für Pleuger schon: noch mal zur Uno, das wär?s. 2002 durfte er zurück. In diesen Tagen sollte er in den Ruhestand gehen. Aber Pleuger darf weitermachen. Er ist noch nicht ganz fertig.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Auch nach 35 Jahren begeistert ihn das Ein-Land-eine-Stimme-Prinzip der UnoAuch nach 35 Jahren begeistert ihn das Ein-Land-eine-Stimme-Prinzip der Uno, der Wille der Staatengemeinschaft, die Welt zu verbessern, noch wie am ersten Tag. Als die Bundesrepublik 1973 am gleichen Tag wie die DDR in die Uno aufgenommen wurde, war Pleuger live dabei.Schon richtig, dass es Kanzler Gerhard Schröder war, der Anfang 2004 Deutschlands Anspruch auf einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat erneuerte. Aber Pleuger hatte endlich die Mission, auf die er schon seine ganze Karriere gewartet hatte.Im Auswärtigen Amt (AA) zu Berlin eckt sein Eifer auch an. ?Für Pleuger ist das eine persönliche Angelegenheit?, sagt einer, der für ihn arbeitet. Pleuger hat erreicht, dass große Teile der deutschen Außenpolitik seinem Ziel untergeordnet werden. ?In den wöchentlichen Konferenzschaltungen mit New York ist es stets so, dass Pleuger Aufträge an Berlin verteilt ? und nicht, wie üblich, umgekehrt?, heißt es im AA.Auch dass Pleuger in Hinterzimmergesprächen offen mit dem Argument wirbt, Deutschland sei ja gegen den Irak-Krieg gewesen und deshalb als zusätzliche Friedensmacht eine Bereicherung für den Sicherheitsrat, hat so manchen daheim verärgert ? zu antiamerikanisch.Diplomaten sind Berufsoptimisten. Für Pleuger heißt Bushs ?No? bloß: einer weniger. Zwei Drittel der 191 Uno-Länder braucht er ? 128 Stimmen. Seit Monaten erzählt er Besuchern, 120 habe er sicher. Und dann lächelt er so geheimnisvoll wie die Statue von den Osterinseln auf der Fensterbank hinter ihm.Warum überhaupt rein in den Sicherheitsrat, diesen muffigen Saal mit Plastiksitzen und ewig geschlossenen Vorhängen? Weil Deutschland pro Jahr 500 Millionen Dollar an die Uno zahlt? Auch. Die Uno mit ihrer Struktur à la 1945 ist ein Anachronismus. ?In jedem Tennisverein säße der drittgrößte Beitragszahler im Vorstand?, heißt es in Pleugers Umfeld. Nicht so hier.Noch wichtiger als Geld ist aber Macht. Was der Rat entscheidet, ist völkerrechtlich verbindlich. Verdächtigt er eine Organisation der Finanzierung des Terrorismus, müssen alle Uno-Länder deren Konten innerhalb eines halben Tages sperren. ?Rechtsstaatlich ist das eigentlich unerhört?, sagt ein Uno-Botschafter. Aber besser, man sitzt mit am Tisch als nur zuzusehen.Weil es um viel geht beim Uno-Reform-Poker, sind die Methoden oft grob. Dass ein mit Pleuger befreundeter Botschafter in der ?New York Times? lesen muss, er schlage seine Frau, gehört da zwar zu den ganz miesen Touren. Aber Pleuger, der mit seiner Lesebrille wirkt wie ein Großvater, der seinen Enkeln ?Rotkäppchen und der böse Wolf? vorliest, lässt keinen Zweifel, dass auch er alle Tricks kennt.Die wird er brauchen, um am Wochenende die 53 Afrikaner rumzukriegen. Stimmen die fürPleuger, fiele es Großmächten wie den USA schwerer, der Erweiterung die nötige Ratifizierung zu verweigern, hofft er. Deutschland wäre näher am Ratssitz als jemals zuvor.1998, beim letzten Showdown, verlor Helmut Kohl im letzten Moment das Interesse. Später brüstete er sich bei einem Vortrag in Atlanta, er habe einen ständigen Sicherheitsratssitz für Deutschland verhindert. Die Aufnahme mit Kohls Auftritt bewahrt Pleuger in seinem Büro auf.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.07.2005