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Der leidenschaftliche Geldausgeber

Von Inge Hufschlag
Einen Akzent hat er nicht, dieser Franzose. Braucht er auch nicht. Wichtiger ist, dass er Akzente setzt, mit dem nach dem Brandenburger Tor meistbesuchten Bauwerk der Hauptstadt, dessen Geschäftsführer er seit gut zwei Jahren ist. Patrice Wagner bereitet den 100. Geburtstag des Berliner Kaufhauses KaDeWe vor
BERLIN. Sein Name ist eigentlich schon Programm: Patrice Wagner. Klingt vorne charmant französisch, hinten vertrauensvoll treudeutsch zwischen Handwerk und Opernkomponist. Man merkt es ihm an: Die Mischung macht?s. Der Großvater väterlicherseits hatte einen Souvenirshop im Wallfahrtsort Lourdes und seinem Enkel offensichtlich nicht nur den deutschen Namen, sondern auch das kaufmännische Talent vererbt.Das musste der begeisterte Wahl-Berliner schon 1997 beweisen. Damals sollte er mitten in der neuen Mitte der deutschen Hauptstadt die Verluste der Galerie Lafayette halbieren. Da wollte sich französisches Flair zuerst nicht so recht einstellen. ?Doch das läuft jetzt?, erklärt Wagner in der Rückschau. Die von ihm inszenierten Young-Designer- Schauen an der Friedrichstraße waren Stadtgespräch. Ein Konzept, dass er jetzt rüberziehen will in sein Kaufhaus des Westens.

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Der neue Mann am Tauentzien wusste, dass er kämpfen musste gegen Verstaubung, Verkrustung und Vorurteile wie das eines Ur-Berliners: ?KaDeWe? Dat is janz oben jut und och noch janz unten. Dazwischen, det kann?ste vajessen.?Nicht mehr lange. Heute, am 10. Januar, geht?s los in der Herrenabteilung im ersten Stock. Zur ?Men?s World? soll sie werden. ?Dort kann kann ich mir auch Paul Smith und Dolce & Gabbana vorstellen.? Wagner gestikuliert begeistert in seinem Büro, im Hintergrund überdimensionale Armani-Motive. Davor gibt er selbst eine zurückhaltend elegante Figur ab, deutsch-französisch eben.?Fashion, Lifestyle, Lebensart? hat sich das KaDeWe auf die Fahne geschrieben. Wollen das nicht alle? ?Aber nicht so?, da wird der Löwe Wagner beinahe wild und zieht blitzschnell eine Hochglanzpappe hoch: Ein hocherotisches Foto zeigt eine Rolex an der schlanken Fessel eines eines Damenbeines. Der Fuß steckt in hochhackigen Glitzer-Sandaletten. Rolex gibt?s noch gar nicht im Haus. ?Noch nicht?, lächelt der smarte Franzose.Wagner setzt auf Luxus und Internationalität in einer Zeit, wo innerstädtischen Warenhäusern kaum noch eine Zukunftschance gegeben wird. ?Wir müssen Kühlschränke an Eskimos verkaufen?, stöhnte erst unlängst Kaufhof-Vorstand Lovro Mandac.Wie der Kaufhof muss auch Karstadt in volle Kleiderschränke hinein verkaufen, und das KaDeWe ist ein Karstadt-Haus. Doch Wagner winkt angesichts der Krise des Mutterkonzerns gelassen ab und vertraut dessen Management: ?Achenbach weiß, was er an uns hat. Er sieht das KaDeWe als Flaggschiff.? Und das vergleicht sein Kapitän gern mit Weltstadthäusern wie Harrods oder Selfridges. Er befürchtet auch keine Abstriche an den 40 Millionen Euro, mit denen das KaDeWe bis zu seinem 100. Geburtstag im Jahr 2007 aufgemöbelt werden soll, und das in allen Stockwerken ? bei laufendem Verkauf. Klar gebe es Kämpfe zwischen der schicken Tochter und dem bürgerlichen Mutterhaus, für Wagner ist dies aber kein Hemmnis, eher Herausforderung: ?Man kann kein Omelett machen, ohne Eier zu zerbrechen.?Das Erdgeschoss hat er schon neu umbrochen: Dort entstand ein Luxusboulevard mit Namen wie Bulgari, Jaeger Le Coultre, IWC, Piaget, Dior und Chanel. ?Jetzt stehen sie Schlange bei uns, die wollen alle rein?, freut sich der Franzose über weitere Bewerber.Luxus lockt Leute. Waren es früher die reichen Wilmersdorfer Witwen, shoppen heute Arnold Schwarzenegger, Jodie Foster und Jackie Chan im KaDeWe. Gegen den Trend habe das Haus im Modebereich keine Einbrüche erlebt im vergangenen Jahr, beteuert der Chef: ?Wir hatten in der Damenmode ein Plus von drei, bei den Designern sogar von vier Prozent.? Von der allgemeinen Rabatthysterie will er sich nicht anstecken lassen: ?Da sind wir ganz zurückhaltend, wir kalkulieren marktgerecht.?Er selbst outet sich als sein bester Kunde: ?Ich bin ein leidenschaftlicher Geldausgeber.? Als Franzose natürlich in Europas größter Feinkost-Etage im Hause, aber auch in der Herrenkonfektion: ?Schauen Sie mich an, ich habe doch eher eine deutsche Figur.? Die trainiert er schon mal beim Golfen. Am liebsten verbringt er seine freie Zeit mit seiner Familie, seiner Frau Britta, einer Kunsthistorikerin, und den Kindern, dem zwölfjährigen Julien und der achtjährigen Charlotte.Noch sind es zwei Jahre bis zum 100. Geburtstag des KaDeWe. Eine Art Probelauf gab es schon, als das Luxuslabel Louis Vuitton im vergangenen Jahr seinen 150. Geburtstag im Kaufhaus des Westens feierte ? mit einer riesigen Torte aus Koffern und Taschen.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.01.2005