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Der lange Weg nach Osten

Simone Fuchs
An der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder proben Studenten den Dialog mit den EU-Beitrittsländern. Sprachurlaube finden vor der Haustür statt, der Austausch klappt immer besser. Doch die Uni muss um jeden Euro kämpfen.
Die Brücke trennt. Ein übervoller Strom umtost die Pfeiler. Mit eisernen Blicken mustern Grenzbeamte die Passanten. Jeder, der von Frankfurt an der Oder ins polnische Slubice hastet, muss hier innehalten. Autos stauen sich vor der freien Fahrt nach Deutschland. Grenze. Man hatte sie fast vergessen, so sehr schwören sie an der Universität Viadrina auf die europäische Einheit. Vor allem bei den Kulturwissenschaften weht die Flagge des Visionärs. Studenten, Dozenten, der akademische Mittelbau, sie wollen den Aufbruch im Osten nicht verpassen, die Sprachen lernen, sich gemeinsam mit den Missverständnissen der Vergangenheit beschäftigen.

Die alltäglichen Probleme und Ängste der Bevölkerung gehen am Campus vorbei. Während im holzgetäfelten Neubau der Uni der ehemalige polnische Botschafter in Deutschland geehrt wird und ein Studenten-Orchester wohl erzogen Schostakowitsch spielt, kramen die Alten auf der Brücke ihre Ausweise aus abgewetzten Lederjacken hervor. Der Wind peitscht Regen in gerötete Gesichter. Uni-Präsidentin Gesine Schwan beschwört den Austausch der europäischen Wissenschaftskulturen, in der Bäckerei findet die Verkäuferin, dass das neue Kino zu teuer sei.

Die besten Jobs von allen


Deutschland endet hier, in der rauen Landschaft Brandenburgs, und die europäische Einheit hat noch nicht begonnen. Deutsch sein, polnisch sein, irgendwann könnten die Unterschiede verschwinden, in den sandigen Weiten. Doch niemand bleibt so lange. Frankfurt an der Oder hat in den letzten zehn Jahren über 16.000 Einwohner verloren. Wer jung ist und gut ausgebildet, der geht. Zurück bleiben die Unbeweglichen. Die, die nicht gehen können oder nicht wollen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 20 Prozent. Mekka der Idealisten
Es kommen die mit den Visionen. Meike aus Hamburg etwa, die sich für das Master-Programm "European Studies" einschreiben will. Mit Russen, Tschechen und Polen teilt die 22-Jährige eine Wohnung im Studentenheim. Oder Bozena Choluj, Professorin für Literatur und Neuere polnische Geschichte. Sie unterrichtet am Collegium Polonicum, einem deutsch-polnischen Gemeinschaftsinstitut der Universitäten Viadrina und Posen, angesiedelt auf der polnischen Seite der Brücke.

Ein Drittel der Studenten an der Viadrina sind Polen, zehn Prozent Ausländer aus aller Welt, der Rest kommt aus Deutschland. Vor vier Jahren noch redeten die Studenten in den Seminaren nur mit ihr, nicht mit den Kommilitonen der anderen Nationalitäten, erinnert sich die Professorin: "Heute bearbeiten gemischte Teams die Projekte." Allgemeine Umgangssprache ist Deutsch

Mit wehendem Mantel eilt Bozena Choluj durch die Gänge, klärt Termine im Vorübergehen. Und nicht nur sie. Zwischen ihren Veranstaltungen rennen alle durch die ganze Stadt, hetzen vom Hauptgebäude ins Sprachenzentrum und zum Collegium Polonicum, wechseln mehrmals täglich von der einen auf die andere Seite der Grenze. Dafür sind die formellen Wege an der Viadrina kurz, der Austausch zwischen der europäischen Elite von morgen und ihren Lehrern funktioniert. In der hellen, weitläufigen Mensa gibt es Kaffee auch mit aufgeschäumter Milch. Es studiert sich nicht schlecht, wo man den Traum vom geeinten Europa träumt

Wachstum gegen den Geldmangel
Bereits vor zehn Jahren träumten sie ihn, die Akademiker am östlichen Rande der Republik. Zäh, widerspenstig und durch nichts von ihren Idealen abzubringen. Von 500 Studenten im ersten Jahr ist die Viadrina auf über 4.000 gewachsen. Jedes Jahr werden es 500 mehr: "Wir müssen wachsen, damit wir am Leben bleiben", sagt Präsidentin Schwan. Leistungsbezogene Mittelvergabe heißt das, erklärt sie. Wer mehr Studenten hat, bekommt auch mehr Geld. Dabei gleicht die Finanzpolitik der Uni einem Katz-und-Maus-Spiel zwischen ihr und den brandenburgischen Verwaltern. Das Land streicht einen Stipendientopf für polnische Studenten, Schwan protestiert öffentlich, und der Bund springt in die Bresche. Die Präsidentin reitet ihr Budget eher ins Minus, als Kürzungen zu akzeptieren, die früheren politischen Zusagen widersprechen. Eine Dreiviertel Million Euro fehlen im laufenden Budget. In der Bibliothek im Collegium Polonicum gähnen die Lücken in den Regalen. Was nach großzügigen Plänen entstand, wird knauserig geführt.

Auch die Stimmung an der Basis hüben wie drüben fördert nicht gerade den Austausch der Kulturen. "Ich hab nüscht gegen de Polen", sagt ein Taxifahrer in Frankfurt. "Aber se sollten bleiben, wo se sind." Die Hamburgerin Meike erzählt, dass sich ihre polnische Mitbewohnerin aus Angst vor Anmache nachts nicht alleine auf die Straße traut. Auch wenn deutsche Studenten die Clubs im polnischen Slubice besuchen, kann es vorkommen, dass sie von ihren Stühlen verscheucht werden. Kaum Unternehmen an der Oder
So kommen sie zwar, die Münchener und die Hamburger, die Schwaben und die Badener, aber sie bleiben nicht: "Im Hauptstudium ziehen viele nach Berlin", sagt Meike. Der Regionalexpress fährt jede Stunde, junge, glatte Gesichter mischen sich unter die verwitterten der Alten. Klares Hochdeutsch klirrt gegen märkischen Dialekt. Am Wochenende sind die Übriggebliebenen unter sich. Wer nicht von Berlin aus pendelt, treibt sich auf wodkaschweren Privatpartys herum: "Alles ist so klein hier, dass man sich überall trifft", sagt Meike.

Die Absolventen der Europa-Uni müssen die Stadt früher oder später verlassen. Unternehmen gibt es in Frankfurt an der Oder kaum, nur eine Intel-Chipfabrik wurde mit viel Geld von Bund, Ländern und der EU-Kommission nach der Wende in den märkischen Sand gesetzt. Doch für Kulturwissenschaftler und Juristen sind die Stellen zu speziell. Wer neben dem Studium arbeiten will, ist auf die Uni oder schlecht bezahlte Jobs in Video-Läden und den wenigen Restaurants angewiesen. Konzerne, Verlage, internationale Institutionen - alles was Rang und Namen hat und Leute mit drei Sprachen braucht, sitzt weiter westlich.

Und doch: Wenn Literatur-Professorin Choluj über die Brücke weht und sich einen Spaß draus macht, ihre deutschen Studenten auf Polnisch und die Polen auf Deutsch zurechtzuweisen, dann ist die Vision vom vereinten Europa zum Greifen nahe - und nicht die Landesgrenze an der Ecke.

Die Viadrina will ihre Studenten nicht dazu erziehen, bei den großen Unternehmensberatungen brav Spalier zu stehen. "Ich denke nicht, dass eine wissenschaftliche Hochschule Berufsvorbereitung leisten sollte", sagt Professorin Choluj. Studentin Meike hat ihr Schicksal selbst in die Hand genommen, Praktika bei der deutschen Botschaft und dem Goethe-Institut in Stockholm gemacht.

Die Präsidentin hat nichts gegen Praxisnähe. Eine Absolventin sei mit dem Aufbau eines Job-Zentrums beschäftigt, sagt sie. Aber ihre Lieblingspläne gehen in eine andere Richtung. Ausländische Lehrende will Gesine Schwan an die Uni holen, noch mehr Multi-Sprachen-Studiengänge einrichten, ein geistiges Zentrum für den deutsch-französisch-polnischen Dialog werden. Wenn sie nur fünf Millionen Euro mehr hätte. Gegen Abend klart es auf. Über die Brücke wandern deutsche Studenten zurück nach Frankfurt, Polen in Richtung Slubice. Wer den Austausch wählt, der ist hier richtig. Doch der Weg nach Osten ist weit. Hochschul-Infos:

Europa-Universität Viadrina
Große Scharrnstr. 59
15230 Frankfurt (Oder)
03 35.55 34-44 44, Fax -47 91
study@euv-frankfurt-o.de
www.euv-frankfurt-o.de

Gegründet: 1991 (davor 1506 bis 1811 als Alma Mater Viadrina)
Fakultäten: Kulturwissenschaften, Rechtswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften
Studiengänge: 6 grundständige und 7 weiterführende Unterrichtssprachen: Deutsch, Englisch, Polnisch, Russisch, Spanisch
Partnerhochschulen: 110 in 34 Ländern, darunter: Universidad Católica de Córdoba/Argentinien, European Humanities University Minsk/Weißrussland, Abo Akademi Turku/Finnland, Institut d'Etudes Politiques Paris/Frankreich, University of Haifa/Israel, University of Guelph/ Kanada, Universität Stettin/Polen, Universität Bukarest/Rumänien, Universität St. Petersburg/ Russland
Zahl der aufgenommen Studenten/Jahr: 1.000, davon ein Drittel aus Polen
Betreuungsverhältnis: 1:73

Informationstag für Studieninteressierte: 3. Juli 2003
Bewerbungen: BWL läuft über die ZVS, alle anderen Studieninteressenten wenden sich an das Immatrikulationsbüro der Viadrina:
Rinetta Jess (Buchstabe "A - L") 03 35.55 34-42 44, admission@euv-frankfurt-o.de
Kathleen Märker (Buchstabe "M - Z") -42 36, admissionr@euv-frankfurt-o.de

Bewerbungsfrist: 15. Mai bis 15. Juli für das Wintersemester, 15. November bis 15. Januar für das Sommersemester, einige Studiengänge beginnen nur zum Wintersemester

Zulassungsvoraussetzungen: Allgemeine Hochschulreife; Studieninteressente mit nichtdeutscher Staatsbürgerschaft müssen gute deutsche Sprachkenntnisse nachweisen

Gebühren: In den grundständigen Studiengängen fallen keine Studiengebühren an, der Master of Business Administration kostet insgesamt 13.500 Euro, der Master of Informatics 5.000 Euro pro Semester. Studenten des Aufbaustudiengangs "Schutz europäischer Kulturgüter" müssen 260 Euro pro Semester zahlen.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.09.2005