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Der lange Staffellauf der ?MM?

Von Peter Köhler
Ingrid Matthäus-Maier bereitet sich auf den Chefposten der KfW-Bankengruppe vor. Doch das staatseigene Kreditinstitut steht nicht nur vor dem Führungswechsel, sondern auch vor einem Kulturwandel.
MOSKAU. Es ist heiß an diesem Samstag auf der Dachterrasse des Restaurants Kopala hoch über den Dächern von Tiflis. Georgiens Energieminister Nika Gilauri kommt zwischen warmem Käsebrot, dem Chatschapuri, Blinis mit Hackfleisch und Stör am Spieß langsam in Fahrt. Seine Wut auf die benachbarten Russen ist so gewaltig wie die Abhängigkeit der Georgier vom russischen Gas. Da gibt es schon mal Explosionen an der Gaspipeline nach Georgien, und Gilauri muss durch tagelanges Krisenmanagement versuchen, die Versorgung sicherzustellen ? wie zuletzt im Winter.Mit am Tisch sitzt Ingrid Matthäus-Maier, designierte Chefin der KfW-Bankengruppe ? und Gastgeberin. Schließlich hat die deutsche Förderbank bereits 120 Millionen Euro in den Energiesektor Georgiens gepumpt, mit dem strategischen Ziel, Stabilität in die Kaukasusregion zu bringen.

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Doch ihr Gesprächspartner ereifert sich weiter: ?Früher brauchte Moskau noch Armeen, um Kriege zu führen, jetzt reichen Öl und Gas.? Der 37-jährige Minister hat in Irland und den USA studiert und gehört zu der jungen Garde georgischer Reformpolitiker, denen alles nicht schnell genug gehen kann und die am liebsten noch heute der Europäischen Union und der Nato beitreten will. Gilauri hat sein eigenes Ministerium von 800 Mitarbeitern auf 120 gestutzt: ?Die Hälfte stand nur auf dem Papier, viele Vorgesetzte kassierten Gehälter für Scheinmitarbeiter, alles war korrupt.?Zack, zack zack. Die künftige KfW-Chefin ist da weniger forsch, plädiert für Kompromisse, Geduld und gegenseitiges Verständnis. Dieses Selbstverständnis von Matthäus-Maier lässt sich auf ihrer Reise durch wichtige Staaten der früheren Sowjetunion erkennen, mit diesem Selbstverständnis ist ?MM?, wie sie intern genannt wird, gut gefahren.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Ich hätte mich deutlicher wehren müssen.?Die Rolle der Bankerin war der langjährigen SPD-Politikerin nicht auf den Leib geschnitten. Trotzdem hat sie auch in der KfW hartnäckig und beharrlich eine solide Karriere hingelegt: Matthäus-Maier rückt im Oktober als Vorstandssprecherin an die Spitze der KfW Bankengruppe, der mächtigsten Staatsbank in Deutschland. Mit gut 3 700 Mitarbeitern und einer Bilanzsumme von 341 Milliarden Euro gehört die KfW zu den Top Ten der deutschen Kreditwirtschaft. Doch ihr Einfluss ist weit größer, als es die Zahlen erahnen lassen. Als Förderbank ist die frühere Kreditanstalt für Wiederaufbau das Rückgrat des Mittelstands, sie gibt Gründern Geld und finanziert Solardächer, sie vertickt die Telekom- und Postanteile des Bundes und finanziert Staudämme und Kraftwerke in Asien und Südamerika. Und viele Häuslebauer hierzulande setzen auf die zinsgünstigen Darlehen aus Frankfurt.Der Wechsel an der KfW-Spitze sollte eigentlich geräuschlos verlaufen, doch stattdessen fand er Ende letzten Jahres mit viel Getöse und öffentlich statt. Während die Union den jetzigen Chef, Hans W. Reich, halten wollte, pochte die SPD auf den Wechsel. Es wurde mit harten Bandagen gekämpft, Matthäus-Maier fühlte sich tief verletzt, weil sie als Politikerin dargestellt wurde, die vom Bankgeschäft wenig verstehe. ?Ich hätte mich deutlicher wehren müssen?, sagt sie rückblickend.Die jüngste Journalistenreise der KfW nach Russland, in die Ukraine und nach Georgien trägt schon deutlich ihre Handschrift. Nicht die kommerziellen Projektfinanzierungen stehen im Vordergrund, sondern die Vorhaben der Entwicklungsbank. Kleinunternehmer, Nationalparks und ein Kindergarten werden gefördert, dazwischen sind Botschaftstermine und Treffen mit Politikern und Bankern gestreut. Dabei ist die Juristin, die ihren Berufsweg als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Oberverwaltungsgericht Münster begann, immer bemüht, trotz erkennbar sozialem Engagement auf Tuchfühlung zur Wirtschaft zu bleiben.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Unsere Förderung hilft letztlich auch der deutschen Wirtschaft.?Diesen Kurs hält sie auch in der Kiewer Brauerei Obolon, die von der KfW bis heute rund 43 Millionen Euro erhalten hat und die 1993 als erstes Unternehmen in der Ukraine privatisiert worden ist ? ?Finanzferien mit der KfW?, nennt es ein Obolon-Manager. Stolz verweist ?MM? bei der Werksbegehung auf die riesigen, silbernen Sudhaus-Kessel der Ludwigsburger Firma Ziemann. ?Unsere Förderung hilft letztlich auch der deutschen Wirtschaft?, sagte Matthäus-Maier.In Moskau wird dann eine ?Staffelübergabe? inszeniert. Reich kommt aus Asien und hat die große Welt im Gepäck. Locker referiert er über die Kapitalflucht aus den Schwellenländern, das ?Zwillingsdefizit? in den USA und zig Milliarden Dollar in Abu Dhabi, die auf Investitionschancen warten.Aber Staffelübergabe hin oder her ? noch will sich Reich nicht vom Stab trennen. ?Frau Matthäus-Maier muss zusehen, dass sie nicht zu früh losläuft?, scherzt Reich auf Kosten der wartenden Staffelläuferin. Es wird nicht die letzte Spitze bleiben, denn der Wechsel in der Chefetage zieht sich noch über Wochen hin. Das Verhältnis zwischen den beiden Kontrahenten beschreiben Insider als ?unterkühlte Distanz?.Denn die Charaktere könnten unterschiedlicher nicht sein. Matthäus-Maier ist nah bei den Mitarbeitern und frei von Starallüren, Reich hält prinzipiell Abstand und schätzt Privilegien. Er machte die Bank groß und hielt den restlichen Vorstand klein. Während MM in Zukunft die ?Gesamtleistung der KfW? herausstellen will, war Reich immer eine ?One-Man-Show?, deren Spielzeit sich nun dem Ende neigt.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Die KfW ? Förderbank mit Ambitionen. Expansion: Die KfW-Bankengruppe würde gerne die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in Eschborn bei Frankfurt unter ihre Fittiche nehmen. Dazu wurde ein Gutachten in Auftrag gegeben. Damit würde die deutsche Förderung in den Entwicklungsländern aus einer Hand von den Bankern in Frankfurt gesteuert.Mittelstand: Die KfW bietet bei ihren Förderkrediten, die von den Geschäftsbanken durchgeleitet werden, keinen Einheitszins mehr an. Noch ist unklar, ob vor allem die kleinen Firmen durch die ?risikoadäquate Bepreisung? die Zeche zahlen und Nachbesserungen nötig werden.Export: Nach einer Verständigung mit der EU wird die kommerzielle Export- und Projektfinanzierung in die Ipex-Bank ausgegliedert, die sich mit privaten Banken messen muss. Die Umorganisation soll bis Ende 2007 bewältigt werden.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.06.2006