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Der Kuschelfaktor ist nicht alles

Von Katrin Terpitz
Das Job-Magazin ?Karriere? hat mit dem Recruiting-Dienstleister Access die Hochschulen ermittelt, wo Studenten am besten Wirtschaft studieren können. Die erfreuliche Nachricht: Wirtschaftsstudenten ? egal welcher deutschen Uni ? blicken immer öfter über den nationalen Tellerrand.
DÜSSELDORF. Wo in Deutschland können Manager in spe am besten Kapitalismus, Marktwirtschaft und Unternehmensführung studieren? Im Osten. Genauer gesagt an der Handelshochschule Leipzig (HHL). Die traditionsreiche Fakultät, 1992 als Privathochschule wiederbelebt, hat den besten Mix aus exzellenten Studienbedingungen und guten Chancen für später zu bieten ? dies hat das Job-Magazin ?Karriere? mit dem Recruiting-Dienstleister Access ermittelt.Zwei weitere Private ? die WHU Vallendar und die EBS Oestrich-Winkel ? stehen den Leipzigern kaum nach. Auf Rang vier platziert sich als beste öffentliche Uni Mannheim ? auch die Uni Münster und die Uni München kommen unter die Top Ten.

Die besten Jobs von allen

Befragt wurden über 18  000 Wirtschaftsstudenten und -absolventen deutscher Hochschulen sowie 1 000 Personalentscheider. Sie vergaben Noten ? etwa zu Lehre, Forschung, Ausstattung, Praxisnähe sowie zu Soft Skills und Eigeninitiative. Deren Wertungen flossen zu gleichen Teilen ins Ranking ein und trugen 80 Prozent zum Ergebnis bei. Weitere 20 Prozent ergaben sich aus objektiven Kriterien wie Studiendauer und Betreuungsverhältnis durch Lehrkräfte.Die erfreuliche Nachricht: Wirtschaftsstudenten ? egal welcher deutschen Uni ? blicken immer öfter über den nationalen Tellerrand. ?Zwei Drittel absolvieren ein Studium oder längeres Praktikum im Ausland?, lobt Access-Vorstand Norbert Wangnick. Geht es um die Studiendauer, können aber längst nicht alle international mithalten. ?In der WHU werden die Studenten in acht Semestern durchgepeitscht?, so Wangnick. An der Uni Wuppertal dagegen brauchen sie im Schnitt fast doppelt so lange: 15,9 Semester vertrödeln sie bis zum Diplom. ?Schneller ist besser?, steht für Wangnick von Access außer Frage. Ebenso für Personaler wie Eva Schadeck von Unilever: ?Wir legen Wert auf ein zügiges Studium bis zu zehn Semestern.? Am wichtigsten sind für Personalchefs aber Soft Skills, sehr gutes Englisch und Praxiserfahrung, zeigt die Studie. Doch das steht nicht unbedingt auf dem Lehrplan.Beim ?Karriere?-Ranking fällt auf: Die Wertungen von Studenten, Absolventen und Personalern weichen häufig stark voneinander ab. Nicht ohne Grund: Wer nur die Hörsäle der eigenen Uni kennt, kann schlecht vergleichen. Absolventen sehen ihre Alma Mater oft in einem ganz anderen Licht. Augenfällig ist dies bei Mannheim: Studenten setzen ihre Uni auf Rang 22, Absolventen auf Platz neun. Für Personaler dagegen steht Mannheim klar in der Pole-Position. Noch krasser ist der Unterschied für die Uni Köln. Firmen schätzen sie und setzen sie auf Rang zwei, Kölner Studenten strafen sie mit dem 46. Platz ab. Mit am unzufriedensten sind Wirtschaftsstudenten der Uni Hamburg. Ausstattung, Betreuung und Praxisbezug tadeln sie mit einer ?Vier?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Jedoch stoßen Absolventen privater Wirtschaftsunis bei Personalern oftmals auf Vorbehalte.Nähe zur Praxis ist das Pfund, mit dem Privathochschulen wuchern. Studenten wie Absolventen gaben ihnen hier durchweg Bestnoten ? sie fühlen sich karrierefit. Sind Private also ihr Geld wert? Immerhin 16 000 Euro kostet allein das viersemestrige Hauptstudium an der HHL. ?Eine Investition, die sich lohnt?, ist Absolvent Stefan Niemeier überzeugt. Mit 33 Jahren ist er bereits Partner bei McKinsey. ?In Leipzig wird jeder individuell gefördert wie an amerikanischen Top-Unis?, schwärmt Niemeier, der auch ein Jahr in den USA studiert hat. Zwölf Lehrstühle betreuen in Leipzig 120 handverlesene Diplomstudenten. Niemeier kennt auch anderes: ?Im Grundstudium in Münster quetschten wir uns zu 700 Mann in den Hörsaal. Der Austausch mit den Professoren war gering. Es ging vornehmlich darum, Wissen zu pauken. Praktische Bezüge waren selten.?Anders an der HHL: ?Unsere Studenten lernen, sich in Kleingruppen zu organisieren und zu präsentieren. So wird auch im Examen geprüft?, erläutert Maziar Arsalan, der für Qualitätsmanagement bei der HHL verantwortlich ist. Niemeier ergänzt: ?Praxisprojekte bei Firmen sind das A und O. Ex-Vorstandschefs halten Seminare. Praktika und ein Auslandssemester sind obligatorisch.? Direkt nach seinem Praktikum bei McKinsey hatte Niemeier ein Angebot in der Tasche. Nichts Ungewöhnliches. ?HHL-Diplomanden sind jung und komplett ausgebildet im Sinne eines Arbeitgebers?, meint Hans Georg Helmstädter, Firmenkontakter der HHL.Jedoch stoßen Absolventen privater Wirtschaftsunis bei Personalern oftmals auf Vorbehalte. ?Das Studium wird zwar mundgerecht serviert ? aber nicht immer bringen die Absolventen genug Drive mit?, so die Erfahrung von Markus Dinslacken, zuständig für Rekrutierungen bei Henkel. ?Praktika und Auslandsstationen bekommen Privathochschüler auf dem Silbertablett gereicht?, dies missfällt auch Eva Schadeck von Unilever. Das bleibt nicht ohne Folgen. Viele haben ein unrealistisch hohes Anspruchsdenken an den Arbeitgeber. ?Nach drei Monaten fragen manche schon nach dem nächsten Karriereschritt.?Die Studie zeigt: Die meisten Personaler bevorzugen weiter Absolventen von Massenunis. ?Auch wenn die Studienbedingungen nicht immer optimal sind: Wer sich dort durchgesetzt hat, beweist viel Eigeninitiative?, glaubt Dinslacken. ?Sich selbst zu organisieren bildet die Persönlichkeit?, betont Eva Schadeck. Sie ist überzeugt: ?Praxisnähe gibt es längst auch an der Massenuni.?Zum Beispiel in Mannheim: ?Die Fakultät legt viel Wert auf praktische Fallstudien in kleinen Gruppen zusammen mit der Industrie. Sie bringt deshalb viele gute Absolventen hervor?, lobt der Henkel-Personaler. Das hat sich längst herumgesprochen: 3 600 Bewerber konkurrieren um 300 Studienplätze. Auch die Unternehmen stehen Schlange: ?Wir haben eine lange Warteliste von Firmen, die strategischer Partner werden wollen?, erzählt Manfred Perlitz, Mannheimer BWL-Dekan. ?240 Firmen präsentieren sich jedes Jahr bei uns.?Der frische Wind der Praxis weht in Mannheim vielerorts: Vorstandschefs halten Übungen ab? Professoren gründen mit Absolventen Firmen. MLP etwa sponsort ein Rhetorikseminar. ?Wir tun was für unsere Studenten?, meint Perlitz, der selbst fünf Firmen aus seinem Lehrstuhl ausgegründet hat. Für ihn kommt es auf die richtige Balance zwischen Theorie und Praxis an. Privatunis sind für Perlitz hier viel zu unausgewogen ? ?bessere Schulen, die Studenten wie kleine Kinder am Händchen führen?.?Der Kuschelfaktor ist nicht alles, wenn es um die Wahl des Studienorts geht?, warnt auch Access-Gründer Norbert Wangnick. ?Denn allein entscheidend ist doch: Absolventen welcher Hochschule die Personaler am Ende zum Gespräch einladen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 28.04.2006