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Der Kunst-Läufer

Foto: Photocase
Rik Reinking, jung, jovial, Jurist, ist auf dem Sprung, ein ganz großer unter den deutschen Sammlern moderner Kunst zu werden. Schon als 14-Jähriger Gymnasiast entdeckte er seine Leidenschaft für Bilder, und beschloss, nach dem Kauf eines Selbstportraits des Malers Horst Janssen Sammler zu werden. Eine Story, fast zu schön, um wahr zu sein.
Schon viel zu oft hat er diese Geschichte erzählen müssen - wie es war, damals vor 14 Jahren. Rik Reinking sitzt in Jeans, blauem Hemd und Turnschuhen vor seinem Laptop in einem Hamburger Café im Stadtteil Sankt Georg und isst Kuchen. Dafür ist er immer zu begeistern. Satt scheint er nur diese alte Geschichte zu haben. Zu oft haben ihn Galeristen, Künstler und Journalisten nach diesem Tag, der sein Leben veränderte, gefragt. Wie ein Großvater, der von seiner Jugend erzählt, fühlt er sich dann. Dabei ist er erst 30 Jahre alt. Doch die Geschichte von einem, der es fast ohne Geld in die Liga der renommierten deutschen Kunstsammler geschafft hat, sucht noch ihresgleichen

Ein Sammlermärchen, das so anfängt: Rik, der Gymnasiast aus gutem, aber nicht übertrieben vermögendem Haus, läuft auf seinem Schulweg stets an einem Selbstbildnis des Malers Horst Janssen vorbei. Bleibt immer wieder davor stehen. Bis er merkt, dass er sich in das Bild verguckt hat. Als er das Geld zusammen hat, 250 Mark, geht er in den Laden und kauft es. Zu Hause in seinem Jugendzimmer nagelt er es an die Wand. Er sieht es an und ihm wird klar: Ich will noch eins! Der Sammler ist geboren. Die Leidenschaft hört einfach nicht auf. Im Gegenteil, sie wird immer schlimmer. "Man wird ganz Auge", sagt Reinking lächelnd und schiebt sich noch ein Stückchen Kuchen in den Mund. Ein bisschen übermüdet wirkt er. Aber irgendwie auch fröhlich. "Ich sage Ihnen: Was ich mache, ist verdammt anstrengend und stressig. Aber es macht mich glücklich.

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Fluxus statt Party und Girls
Als Student braucht er wenig zum Leben. "Ich habe auf vieles verzichtet." Sein Gespartes investiert er nicht in Partys, Girls und Soundverstärker, sondern in informelle Malerei und Fluxus. "Ich habe immer gejobbt. Alles mögliche. Ich wollte nicht von meinen Eltern abhängig sein. Geld macht frei", glaubt Reinking. Statt in die Disco geht er zu Debütanten-Ausstellungen - der Anfang seiner Kunstscout-Karriere. Er verschafft sich damit direkten Einblick in die Geburtskanäle moderner Kunst und webt an seinem Netzwerk, das ihm noch heute hilfreich ist.
"Einige Werke kosteten damals nur 50 Mark. Davon sind manche heute ein Vielfaches wert", sagt Reinking. Ob das stimmt, wird niemand so genau erfahren. Denn an Verkauf denkt der junge Wahl-Hamburger nicht. "Ich sammle Objekte nicht, um sie gewinnbringend zu verkaufen, sondern um sie zu besitzen und auszustellen."

Mit 23 Jahren organisiert er im alten Elbtunnel seine erste Aktion mit Künstlern, die noch heute zu seinen Klienten gehören. 180 sammelt er zurzeit. Darunter Paeffgen, Franz West, Johannes Esper, Tibor Claasen oder Kenichirou Taniguchi. Till Gerhard ist nur eine seiner zahlreichen Entdeckungen, dessen Bilder heute in New Yorker Galerien heiß begehrt sind. Sogar Charles Saatchi, einer der weltweit mächtigsten Kunstkäufer überhaupt, stellt ihn aus.
Über solche Entdeckungserfolge will Reinking nicht reden. Und so wie er da sitzt, mit seinem Lederarmbändchen am Handgelenk und den ungekämmt wirkenden Haaren, nimmt man ihm seine unprätentiöse Art ab. "Sich etwas darauf einzubilden, ist doch nur eitel", meint er. Wenn Understatement seine Masche ist, beherrscht er sie gut

Reinking studiert Kunstgeschichte und Jura bis zum ersten Staatsexamen. Für das zweite ist keine Zeit mehr. Langt diese Ausbildung zum Sammler? "Ich habe viel durch Gucken gelernt", sagt Reinking. "Ich bin mir fast immer sicher, wenn eine Arbeit Relevanz hat und man sie kaufen sollte." Selbstbewusstsein ist gut. Doch ist sein Auge wirklich unfehlbar? "Letztlich muss man auch den Mut haben, über ein Kunstwerk ein Urteil zu fällen." Mut ist gut. Aber auch immer gerecht? "Manchmal fällt dieses Urteil gut aus. Dann wird man vom Künstler geliebt. Und manchmal fällt es brutal aus.

Wie er seine Leidenschaft finanziert, bleibt ein Rätsel. Dass er darüber nicht reden will, ist für jemanden in dieser Branche normal. Über Geld spricht man nicht, heißt es grundsätzlich. Über viele renommierte Sammler weiß man jedoch, dass sie über ein Millionenerbe verfügen oder ein gewinnträchtiges Unternehmen im Hintergrund haben. Nicht Rik Reinking. Seine Eltern halten sich aus seinem Berufsleben so gut wie raus, der Vater ruft nur ab und zu mal an, um zu fragen, wie es denn wohl mit Rik weitergehen soll - "den Spleen für Kunst habe in der Familie nur ich".


Eine mögliche Quelle wäre der Verkauf von Teilen seiner Sammlung. Doch das ist für Reinking tabu. Auch für seine Ausstellungen im Neuen Museum Weserburg in Bremen, in der Leipziger Baumwollspinnerei oder in der Hamburger Kampnagelfabrik bekommt er keinen Cent. Es bleibt abzuwarten, ob ihm auf Dauer die Wertsteigerung seiner Kunstwerke wirklich gleichgültig ist. Seine laufenden Kosten sind nicht unerheblich: Er zahlt Miete für seine Zwei-Zimmer-Wohnung in Winterhude, eine weitere hat er in Sankt Georg gemietet und im Kulturzentrum Kampnagel zahlt er für eine Halle. Kürzlich hat er eine alte Schlosserei in Eimsbüttel entdeckt, die er gerne als Galerie und Depot für seinen mittlerweile gewaltigen Kunstfundus nutzen möchte. Dazu beschäftigt er freie Mitarbeiter - Kunsthistoriker -, die ihm für die Organisation seiner Ausstellungen zuarbeiten

"Ich bin Läufer", sagt Reinking und lehnt sich genüsslich zurück - ein Durch-die-Welt-Läufer in Sachen Kunst. Seine Auftraggeber sind reiche Privatsammler, die ihre Kollektion ergänzen oder verbessern wollen. Für sie soll Reinking Zeichnungen, Radierungen oder Gemälde weltweit ausfindig machen. "Ich nehme aber nur Aufträge an, in die ich mich reinbeißen kann. Wenn ich sehe, dass etwas mich nicht fasziniert, lehne ich ab. Schließlich möchte ich nicht sinnlos Spesengelder verbraten." Ob er eine Pauschale für seine Läufer-Dienste oder gar eine Verkaufsbeteiligung bekommt, verrät er nicht. Seine Suchaufträge dauern mindestens sechs Monate. Manchmal Jahre. Reinking ist praktisch ständig auf der Lauer und verbindet nicht selten Besuche bei Künstlern, Kunsthochschulen, Galerien und Händlern mit der Suche nach einem gewünschten Werk.

Die Krux mit der Kunst
280 Tage im Jahr ist er unterwegs, bei Vernissagen in New York, Miami oder Wien und den großen Kunstmessen in Basel oder Köln (siehe Kasten) - allerdings oft mit einem Publikum, das ihm nicht immer gefällt. "Es ist ja Mode, gleich zehn Bilder junger Künstler zu kaufen, obwohl es überhaupt erst ein einziges gibt. Wer sagt, dass die weiteren neun auch Qualität bieten?" Oft bleibt nur Geschrei um nichts. Kunst verkommt zu Kommerz. Der Künstler wird zur Geldmaschine ignoranter Dollar-Millionäre, die eine Bühne suchen. Auch deswegen macht Reinking schon optisch den affektierten Modestil der Kunstszene nicht mit und bleibt lieber in Jeans.

Reinking bleibt trotz aller Obsession für die Kunst der Realist, der weiß, dass Kunstsammeln für die meisten in der Welt nicht mehr bedeutet als für Rapunzel ein Millimeter Haar aus ihrem Zopf. "Die Blase Kunstsammeln wird platzen - spätestens, wenn es wieder attraktiv ist, Aktien zu handeln, in Formel-1-Rennställe zu investieren oder Schiffe zu kaufen." Das Schlimmste für ihn: "Die Geldkopfwäsche geht heute ja schon auf den Kunsthochschulen los. Konnte man einem jungen Schüler vor zehn Jahren noch ein Werk für 1.500 Mark abkaufen, verlangen manche heute für ihren Erstling bereits 10.000 Euro." Kompletter Wahnsinn, meint Reinking. Er prüft lieber erst einmal die Qualität des Werkes.

Ob ihm das jedoch immer gelingt, bezweifeln manche Kunstexperten. Sie kritisieren, dass seine Sammlung nicht durchgehend hochwertig ist. Andererseits geben sie neidlos zu, dass Reinking wie kaum ein anderer junger Sammler die deutsche Kunstszene belebt und bereichert. Gerade durch seine unkonventionelle und mutige Art. Reinking weiß das. Die Birnenrahmtorte und den Rhabarberstreusel lässt er im Café heute mal stehen. Man muss eben nicht alles kaufen.?

Martin Roos
Dieser Artikel ist erschienen am 24.11.2006