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Der Kumpeltyp und sein letzter Kampf

Von Helmut Steuer, Handelsblatt
Die Zukunft des Scania-Konzerns ist in Gefahr. Und, als wäre das nicht schon Grund genug für schlaflose Nächte, den Schlüssel zur Zukunft hält Leif Östlings größter Rivale, Volvo-Chef Leif Johansson, in Händen. Jetzt hofft der Scania-Chef auf die Wallenbergs.
STOCKHOLM. Man nimmt ihm den Trucker ab. Ein bisschen burschikos wirkt er immer. Selbst dann, wenn er in seinem Standardoutfit, dem grauen Anzug mit weißem Hemd und dezenter Krawatte, auftaucht. Doch Leif Östling würde auch die Berufskleidung seiner Kunden stehen: Jeans und T-Shirt machen aus dem leicht voluminösen Chef des schwedischen LKW-Herstellers Scania einen echten Brummi-Fahrer.In diesen Tagen kommt dem 58-Jährigen sein Auftreten vermutlich zupass. Denn obwohl er seit Jahren den weltweit rentabelsten LKW-Produzenten führt, hat Östling einen Fight vor sich: Die Zukunft des Konzerns ist in Gefahr. Und, als wäre das nicht schon Grund genug für schlaflose Nächte, den Schlüssel zur Zukunft hält sein größter Rivale, Volvo-Chef Leif Johansson, in Händen.

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Das schmeckt dem oftmals wortkargen Nordschweden nicht. Als Anfang 1999 der größte einheimische Konkurrent, Volvo, in einer Nacht- und-Nebel-Aktion bei Scania einstieg, tobte Östling. Das sei ein ?halb feindlicher Übernahmeversuch?, wetterte er und forderte den Scania-Hauptaktionär, die zur Industriellenfamilie Wallenberg zählende Holding Investor, auf, die Unabhängigkeit seines Konzerns zu sichern.Zunächst schien er sich der Unterstützung der Wallenbergs, die seit Jahrzehnten der Hauptaktionär bei Scania waren, sicher sein zu können. Doch Geld stinkt nicht, auch nicht im Hause Wallenberg. Als Volvo einen guten Preis bot, wurden die Wallenbergs schwach und verkauften ein Paket ihrer Scania-Beteiligung an Volvo. Als zweiter Eigner stieg gleichzeitig der Volkswagenkonzern bei Scania ein. Obwohl intern wie außerhalb von Scania alle mit einem Rücktritt Östlings gerechnet hatten, blieb der stur.Mittlerweile sind die Karten neu gemischt worden, weil die EU-Kommission die von Volvo angestrebte Fusion mit Scania nicht genehmigte. Volvo muss seine Beteiligung an Scania bis April kommenden Jahres verkauft haben. Wer übernimmt das Paket? Investor? VW, MAN oder Toyota?Der ausgebildete Ingenieur Östling hat unterdessen neue Konzepte entworfen, ist technische Kooperationen mit MAN eingegangen und hat immer wieder Volvo aufgefordert, endlich die Beteiligung abzustoßen. Gleichzeitig hält er engen Kontakt zu den Wallenbergs.Die Familientreue scheint sich bezahlt zu machen: Investor hat jetzt bekräftigt, dass man an einer Lösung der komplizierten Eignerstruktur mitarbeiten wolle. Im Klartext: Die Wallenberg-Holding kann sich gut vorstellen, ihre Beteiligung an Scania aufzustocken.Für Östling, der seit 14 Jahren Chef des Unternehmens ist, wäre also ein erweitertes Investor-Engagement bei Scania so etwas wie eine Lebensversicherung. Denn er hat auch während der schwierigen Zeit seit 1999 ein, wie Eingeweihte wissen, ?ausgezeichnetes, fast herzliches Verhältnis? zu Peter Wallenberg, dem Familienoberhaupt. Netzwerke waren für Östling schon immer wichtig: Ob Fiat- oder Porsche-Chef, ob VW- oder Toyota- Boss ? sie alle sollen einen mehr als nur kollegialen Kontakt zu Östling pflegen.Der Naturliebhaber und passionierte Wanderer, der auch schon mal zur Schrotflinte greift, wenn es gilt, einen Elch zu erlegen, ist für den letzten Kampf um Scania gewappnet. Seine Mitarbeiter schätzen ihn, und manchmal ist er der Kumpel: vor allen Dingen, wenn er dann und wann tatsächlich auf dem Hof in Södertälje, dort, wo die Scania-Trucks gebaut werden, seine Runden in einem 12-Tonner dreht.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.10.2003