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Der Kultur schaffende Kosmopolit

Von Christoph Hardt
Er ist ein Investmentbanker, wie man ihn sich vorstellt: von London aus gibt Asset Manager Andreas Uttermann den Aktienanlagen der Allianz die Richtung vor und überlässt seinen Teams die Feinsteuerung. Das Porträt eines Vorzeigetypen, der Wert darauf legt, kein Investmentbanker zu sein. ?Als ich meiner Mutter im Jahr 1989 sagte, ich werde Asset- Manager, da sagte sie: so etwas Unseriöses.? Seit 20 Jahren versucht Utermann seine Mutter von der Richtigkeit seiner Berufswahl zu überzeugen.
MÜNCHEN. Fragte man einen Sparkassendirektor, wie er sich einen Investmentbanker vorstellt, mit 99-prozentiger Wahrscheinlichkeit käme ein Typ wie Andreas Utermann heraus. Modischer Haarschnitt, kerniges Kinn, blaue Augen, rosa Hemd, britischer Maßanzug, fließendes Englisch und Französisch, Deutsch und Niederländisch, deutsche Eltern, britischer Pass, europäisches Selbstverständnis, in der Welt zu Hause. Das einzige Problem: Utermann legt Wert darauf, kein Investmentbanker zu sein. ?Als ich meiner Mutter im Jahr 1989 sagte, ich werde Asset- Manager, da sagte sie: so etwas Unseriöses.? Seit 20 Jahren versucht Utermann seine Mutter von der Richtigkeit seiner Berufswahl zu überzeugen. Bei vielen Leuten aus der Financial Community scheint er erfolgreicher gewesen zu sein.Das Büro an der Londoner Bishopsgate im Herzen der City ist weniger Schein als Sein. Von hier koordiniert Utermann die Aktieninvestments des nach Anlagevolumen zweitgrößten Vermögensverwalters der Welt: als Global Chief Investment Officer (CIO) für Aktien im Vorstand der Allianz Global Investors AG. Direkt verantwortlich ist er für die Aktieninvestments der globalen Aktienplattform RCM, auf die auch die deutsche Allianz-Fondstochter DIT zurückgreift. Regional ist Utermann dabei für die Niederlassungen in London, San Francisco, Hongkong, Tokio, Sydney und Frankfurt zuständig.

Die besten Jobs von allen

Wem das jetzt zu kompliziert erscheint, der sollte unbedingt weiterlesen. Denn insgesamt verwaltet die Tochter der Münchener Allianz, für die Utermann seit Oktober 2002 arbeitet, 907 Mrd. Euro. Nur die Schweizer UBS hat da noch mehr zu bieten.In der Politik pflegen die Leute, je wichtiger sie werden, immer langsamer zu sprechen. Bei Utermann ist das anders herum. Egal, ob US-Etatdefizit, deutsche Blue Chips oder H5N1, Utermann hat schnell viel Wichtiges zu sagen. Das hat natürlich mit dem Zuschnitt des Jobs zu tun. Der ist extrem global. Insofern verkörpert dieser freundliche Mann auch das, wovon er am liebsten spricht: die Investmentkultur seines Hauses.Doch der Reihe nach. Utermann kommt 1966 auf die Welt, in Brüssel. Der Vater arbeitet für die Europäische Gemeinschaft. Wahrscheinlich sind es die Erfahrungen mit Brüsseler Bürokratenkarrieren, die Utermann veranlassen, eine Banklehre zu beginnen. Er geht 1984 zur Deutschen Bank und startet mit 20 das Studium an der London School of Economics ? womit klar sein sollte, dass Utermann nie daran gedacht hat, als Filialleiter der Deutschen Bank in Brunsbüttel zu enden.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Er ist kaum mit dem Studium fertig, da bekommt er einen Anruf von SG Warburg.Nach dem Bachelor-Examen geht er zurück nach Belgien und absolviert an der Universität von Leuven den Master ? mit einer Arbeit über die europäische Währungsunion. Er ist kaum mit dem Studium fertig, da bekommt er einen Anruf der Investmentbank SG Warburg. Dort hat er ein Praktikum absolviert. Alles geht wie immer schnell, sehr schnell; für einen holländischen Pensionsfonds darf sich Trainee Utermann an einem französischen Portfolio voll kleiner Mittelständler versuchen ? Asset-Management an der Basis.Die Fonds werden größer, der Arbeitgeber ebenso. Aus SG Warburg wird Mercury und dann Merrill Lynch, bald schon entwickelt Utermann eigene ? europäische ? Ideen. Es ist ein ?paneuropäischer Investmentfonds?. Das hatte es in London noch nicht gegeben, einen Fonds, der in britische und kontinentaleuropäische Werte investiert und von einem einzigen Manager verwaltet wird.Utermann aber ist schon damals überzeugt, dass Währungsunion und Binnenmarkt auch einen einheitlichen europäischen Aktienmarkt zur Folge haben werden, in dem Sektorgewichtungen wichtiger als Ländergewichtungen sind. ?Wir haben den Ansatz für die gesamte Industrie geändert?, sagt er.1997 ist Utermann bereits CIO für Gesamteuropa, 2000 globaler CIO. Dann kommt die Krise der Aktienmärkte, bei Merrill Lynch in New York erobert Stan O' Neill die Macht, es beginnt die große Säuberung. Utermann verliert zum ersten Mal in seinem Leben den Spaß an der Arbeit. ?Das Netzwerk ist im Asset-Management extrem wichtig?, erzählt er. Seine Branche sei auf die vertrauensvolle Zusammenarbeit großer Teams angewiesen, Investmentbanker arbeiteten viel häufiger als Einzelgänger.Bei Merrill Lynch zerfällt Utermanns Netz ? plötzlich spürt er, dass es noch etwas anderes gibt als Karriere. Mit seiner Frau geht er auf Weltreise, die Fidschi-Inseln, China, Südafrika, Mexiko ? und sehr viel Literatur. ?Wer weiß, was aus mir geworden wäre, hätte ich mich vor der Reise nicht schon festgelegt?, erzählt Utermann. Bevor er aufbricht, hat er einen deutschen Manager kennen gelernt. Die Verbindung zahlt sich schnell aus.Der Mann heißt Joachim Faber und arbeitet für ein Unternehmen, für das zu arbeiten sich Utermann überhaupt nicht hätte denken können: die Allianz. Faber hat den Topposten im Asset-Management-Arm des Münchener Versicherungskonzerns übernommen und eine Serie von teuren Akquisitionen vor allem in den USA gewagt. Nun muss er miterleben, wie die Börsenkrise sein Haus erschüttert. Er bietet Utermann den Vorstandsposten als CIO für Aktien an.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Investmentkultur ist bei Allianz so eine Art Subsidiaritätsprinzip im globalen Kapitalismus.Im Oktober 2002 heuert der deutsche Brite aus Belgien an. Zunächst hat er sich als Sanierer zu bewähren. Doch es dauert nicht lange, und das Aktiengeschäft ist aus dem Gröbsten heraus. Was aber hat er anders gemacht? ?Die einzige Chance, langfristig Überperformance zu erzielen, ist die Etablierung einer Investmentkultur? , sagt Utermann.Investmentkultur. Unter dem Dach der Allianz ist das so eine Art Subsidiaritätsprinzip im globalen Kapitalismus. Bei der AGI haben die einzelnen Fondsanbieter große Eigenständigkeit, jeder CEO oder CIO mit globaler Verantwortung übernimmt im Konzernrahmen firmenübergreifend regionale Zuständigkeit. ?Wir entscheiden nichts global, was besser lokal entschieden würde?, sagt Utermann.Das freilich ist nicht alles, was er ändert: Er lässt sämtliche Investmentprozesse im Haus analysieren und entwickelt strenge Analysemethoden für deren Evaluierung. Utermann setzt Performance als das oberste Ziel fest, er will die Benchmarks deutlich schlagen. Und um sich selbst auf die Probe zu stellen, baut er sein virtuelles ?Globales Asset Allocation Portfolio? und macht es im Haus publik.Diese ?Investmentkultur? ist einer der Gründe, warum die AGI bei den Aktieninvestments die Wende geschafft hat. Ende 2005 ist das Einjahresziel von 60 Prozent Mehrertrag deutlich überschritten. Im vorigen Jahr war die Allianztochter bereits in den schwarzen Zahlen. Ob es für ihn als Internationalisten aber nicht sonderbar sei, ausgerechnet für die Allianz, dem Inbegriff deutscher Assekuranz, zu arbeiten? Utermann zögert keinen Augenblick: ?Die Allianz ist doch längst ein Weltkonzern.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Perspektiven und AnsichtssachenPerspektiven und Ansichtssachen
  • LageDas Szenario von Andreas Utermann: Die Zinsraten in den Euro-Ländern und in Japan werden gemäßigt anziehen, das Ende des Zinserhöhungszyklus in USA ist dagegen in Sichtweite. Er erwartet, dass europäische und amerikanische Renten sich an dem entsprechenden Niveau der Leitzinsen orientieren werden. In Großbritannien dagegen könnte sich ein Kursrisiko ergeben.
  • LänderIn der Euro-Zone und Japan erwartet er eine moderate Aufwärtsentwicklung. Da er auch für China auf kurze bis mittlere Sicht keine abrupte Rezession erwartet, bleibt er für 2006 gemäßigt positiv gestimmt. ?Wir ziehen Aktien Anleihen vor und sind optimistisch für die Euro-Zone, insbesondere Deutschland.? Für die deutsche Wirtschaft und auch deutsche Aktien spreche der sich erholende Konsum und die Restrukturierung der Unternehmen.
  • BranchenIn den einzelnen Sektoren gibt der Aktienspezialist folgende Empfehlung. Finanzwerte, Pharma und Technologietitel sollten übergewichtet werden. Versorger, Konsumtitel und Telekommunikationswerte dagegen sind seine Favoriten nicht. Und Autotitel mag er gar nicht gerne.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.01.2006