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Der kühle Analytiker

Stefan Jentzsch wird Chef-Investmentbanker der Investment-Bank Dresdner Kleinwort Wasserstein (DrKW). Die Bank bekommt damit einen Chef, der typisch deutsche Tugenden verkörpert: Gradlinigkeit und Durchsetzungsfähigkeit. Dass Jentzsch zur Dresdner wechselt, ist für viele noch immer eine Überraschung. Immerhin zählte er zu den wenigen deutschen Gewinnern der Übernahme der HVB durch die italienische Großbank Unicredito.
Seit gestern ist es amtlich: Dresdner-Chef Herbert Walter erledigt auf Wunsch der mächtigen Mutter Allianz was die meisten Konkurrenten längst hinter sich haben: Er vereinigt Firmenkundengeschäft und Investment-Banking. Neuer Chef der Einheit wird Jentzsch ? der Mann, der bis vor kurzem noch das Investment-Banking der Hypo-Vereinsbank (HVB) leitete. Pisker räumt seinen Posten.Im Gegensatz zum charismatischen Briten bekommt DrKW jetzt einen Chef, der eher typisch deutsche Tugenden verkörpert: Gradlinigkeit und Durchsetzungsfähigkeit. Der passionierte Bergsteiger Jentzsch gilt als abgeklärter Analytiker, intellektuell brillant, aber auch ein wenig unterkühlt.

Die besten Jobs von allen

Dass Jentzsch zur Dresdner wechselt, ist für viele noch immer eine Überraschung. Immerhin zählte er zu den wenigen deutschen Gewinnern der Übernahme der HVB durch die italienische Großbank Unicredito. Jentzsch sollte die Führung des gesamten Investment-Bankings des neuen Instituts übernehmen. Doch Unicredito-Chef Alessandro Profumo wollte seinen Bereich zur Produktionsmaschine für das eigene Firmen- und Privatkundengeschäft degradieren. ?Dafür stand Jentzsch nicht zur Verfügung?, erzählt ein Vertrauter.Als der prominente Abgang bei der HVB vor zwei Wochen durchsickerte, hatte Jentzsch ausreichend Sicherheitsabstand zwischen sich und die Aufregung in München gebracht. Er lief an jenem Wochenende den New-York-Marathon. Dass die Allianz auf Jentzsch als Kandidaten für die neue Führungsposition verfiel, ist kein Zufall. Immerhin sitzt im Vorstand des Versicherers mit Paul Achleitner ein alter Kollege. Unter der Ägide von Achleitner startete Jentzsch seine Karriere bei der Investmentbank Goldman Sachs. Jetzt hofft Achleitner, dass der gebürtige Ludwigshafener, der Vater war Vorstand bei BASF, bei der Dresdner das Gleiche schafft wie bei der HVB, die er im Wertpapierhandel, bei der Übernahmefinanzierung und bei der Platzierung von Anleihen stark gemacht hat. Sein Bereich Corporates & Markets erreichte eine Eigenkapitalrendite von rund 30 Prozent.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Dagegen hat DrKW eine lange Leidensgeschichte hinter sich.Dagegen hat DrKW eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Nach dem Platzen der Börsenblase rutschte die Dresdner-Tochter tief in die Verlustzone. Unter Piskers Führung schaffte die Bank die Umkehr und schreibt seit drei Jahren wieder schwarze Zahlen. Allerdings hinkt DrKW der Konkurrenz weit hinterher. 2005 stehen fast alle großen Investment-Banken vor einem Rekordjahr. Bei DrKW gingen die Einnahmen dagegen in den ersten neun Monaten um sechs Prozent zurück. ?Um den Nettogewinn von 108 Mill. Euro zu verdienen, brauchen andere Banken nur Wochen?, meint ein Analyst.Auch Pisker hätte die Vereinigung von Firmenkundengeschäft und Investment-Banking gerne geführt, doch der smarte Brite hatte von vornherein schlechte Karten. ?Bei der Allianz war klar, dass man das Geschäft mit den sensiblen Firmenkunden nur aus Deutschland führen kann?, erzählt ein Insider. Außerdem habe Pisker zu lange für eine Abspaltung von DrKW aus dem Konzern gekämpft, um glaubhaft die Integration leiten zu können.Unter Piskers Ägide hatte sich das Gravitationszentrum von DrKW immer weiter nach London verschoben. Viele Frankfurter Investmentbanker hoffen deshalb auf Jentzsch als Symbol für die neue Bindung an den Heimatmarkt. ?Damit kehrt DrKW wieder als ernsthafter Spieler auf den deutschen Markt zurück?, sagt einer.Die Londoner DrKW-Banker sehen den Wechsel bei weitem nicht so euphorisch. ?Sollten weitere ranghohe Banker gehen, würde das die Bank weit zurückwerfen, heißt es an der Themse. Vor allem der Abgang von Steve Bellotti, der den Wertpapierhandel gerade umkrempelt, wäre ein herber Rückschlag.In seiner Abschieds-Mail schrieb Pisker, wie stolz er auf jeden einzelnen seiner Mitarbeiter sei. ?Unglücklicherweise haben sich die Dinge so entwickelt, dass mir keine andere Wahl bleibt als zurückzutreten. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht.? fs/mm/pot
Dieser Artikel ist erschienen am 25.11.2005