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Der Kostenkiller mit Charme und Fliege

Von Josef Hofmann, Handelsblatt
Wolfgang Bernhard positioniert sich im Wettbewerb um die Mercedes-Spitze. Branchenkreise handeln den für das Chrysler-Tagesgeschäft Verantwortlichen als Hubbert-Nachfolger.
DETROIT. Doch der derzeit zweite Mann beim drittgrößten US-Autobauer Chrysler, will über einen beruflichen Partnerwechsel derzeit partout nicht reden. Wolfgang Bernhard sei voll und ganz mit Chrysler beschäftigt, zu Spekulationen ?kein Kommentar, soweit so gut?. Unangenehm sind ihm die seit Wochen kursierenden Gerüchte aber bestimmt dennoch nicht: Bernhard wird als heißer Favorit die Nachfolge von Mercedes-Chef Jürgen Hubbert gehandelt, der im April 2005 mit dann 65 Jahren in den Ruhestand gehen wird.Die Entscheidung, die nach Aussagen eines Daimler-Chrysler-Sprechers zurzeit ?noch kein Thema ist?, wird dennoch bereits in vier Monaten fallen. Vier Monate, um sich im Kandidatenreigen zu positionieren. Nur wenige Veranstaltungen eignen sich dazu besser als eine Messe: Galant, in schwarzem Anzug, weißem Hemd und mit schwarzer Fliege präsentierte er in Detroit das, was die Zukunft von Chrysler sichern soll. Das lockere Biker-Image mit Lederjacke, das er noch vor einem Jahr bei der Automesse verkörperte, taugt nicht mehr. Es passt nicht recht zur Bewerbung um den Chefsessel der erhabenen Marke Mercedes-Benz.

Die besten Jobs von allen

Fernsehgerecht ? ohne hektische Gestikulation, aber mit Leidenschaft in der Stimme preist er Autos an, die dem Unternehmen vor seinem Antritt vor nun knapp drei Jahren kaum jemand zugetraut hat. Richtig in Stimmung kommt Bernhard, der schnelle Autos nicht erst seit seiner Zeit als Chef der Mercedes-Tuning-Schmiede AMG Ende der 90er Jahre liebt, wenn es um Höchstleistung geht: 850 PS, 12 Zylinder, von 0 auf 100 Stundenkilometer in weniger als drei Sekunden, Höchstgeschwindigkeit mehr als 400 Stundenkilometer. Der Chrysler ME four-twelve ist ein ?neues Kapitel in der Sportwagengeschichte?, sagt Bernhard.Ob er ein neues Kapitel in der Geschichte seiner Karriere aufschlagen kann, entscheidet maßgeblich sein Förderer Jürgen Schrempp. Verlängert ihm der Aufsichtsrat den Vertrag über 2005 hinaus, kann Bernhard in Stuttgart zum entscheidenden Bewerbungsgespräch antreten. Dass der Aufsichtsrat Schrempp gerne noch etwas länger an der Spitze von Daimler-Chrysler sehen möchte, hat der Vorsitzende des Gremiums bereits deutlich gemacht. Bislang schweigt sich Schrempp aber noch über seine eigenen Pläne aus. Es gibt zwar kaum jemand in der Branche, der daran zweifelt, dass er weiter macht, aber Jürgen Schrempp ist immer für eine Überraschung gut. Sollte er nicht für weitere Jahre zur Verfügung stehen, könnte Chrysler-Chef Dieter Zetsche an seine Stelle rücken. Bernhard müsste dann wahrscheinlich bei Chrysler in der nach wie vor schwierigen Situation das Ruder übernehmen.Doch das ist blanke Theorie. Sicher fühlen kann sich der 43-jährige Bernhard aber dennoch nicht. Auch wenn es seine Konkurrenten schwerer haben, ins Rampenlicht zu treten. Das Erbe von Jürgen Hubbert ist heiß begehrt. Neben Bernhard werden außerdem der neue Daimler-Forschungsvorstand Thomas Weber und Ulrich Walker, derzeit nach Rolf Eckrodt der zweitwichtigste Abgesandte bei der japanischen Beteiligung Mitsubishi Motors, gehandelt. Sie müssen bei öffentlichen Auftritten meist anderen den Vortritt lassen. Der Name von Smart-Chef Andreas Renschler ist dagegen zuletzt immer seltener gefallen.Sollte es Zetsche und Bernhard wirklich gelungen sein, im laufenden Jahr mit Chrysler nach Milliardenverlusten zum Halbjahr eine schwarze Null zu schreiben, geht an Bernhard kein Weg mehr vorbei. ?Wenn er dann übergangen wird, muss er eigentlich das Unternehmen verlassen?, heißt es bei der Konkurrenz, die sicherlich einige Jobangebote für den smarten Kostenkiller haben dürften. Dann könnte für den promovierten Wirtschaftsingenieur das Motto gelten, das er bei seinem Start in der Chrysler-Zentrale in Auburn Hils bei Detroit ausgegeben hatte: ?Things grow when you go through a crisis ... in einer Krise steckt die Chance, gestärkt aus ihr hervorzugehen."Echte berufliche Krisen hat Bernhard bislang jedoch nicht erlebt: Mercedes engagierte ihn nach einem Auftrag, den er in Diensten der US-Consultingfirma McKinsey bei den Stuttgartern erledigt hatte. Er übernahm die Leitung des Projekts ?Kostenersparnisse und Erhöhung der Produktivität? ? eine Aufgabe, die ihn tief in die Strukturen des Unternehmens eindringen ließ. 1999 wechselte er schließlich an die Spitze der Mercedes AMG GmbH, die Serienautos veredelt. Nach eineinhalb Jahren hatte Bernhard Umsatz und Gewinn verdoppelt und sich damit für die schwierige Aufgabe bei Chrysler empfohlen.Er galt als Idealbesetzung: medientauglich, locker, perfektes Englisch, die deutsche Verkörperung des amerikanischen Erfolgsmensches. Dass ein Manager, der die Aufgabe hat, Kostenstrukturen zu optimieren und Arbeitsplätze abzubauen, von den Arbeitnehmern nicht unbedingt geliebt wird, liegt auf der Hand. Doch auch auf diesem glatten Parkett ist Bernhard nicht ausgerutscht ? eben ein Mann für alle Fälle.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.01.2004