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Der Konteradmiral

Von Hans-Peter Siebenhaar, Handelsblatt
Christoph Mohn will Lycos Europe ab Januar strategisch neu ausrichten. Schwarze Zahlen müssen her.
GÜTERSLOH. Christoph Mohn hat es im Internet weit gebracht. Als Konteradmiral zweiter Klasse hält er ein Pläuschchen im Chat-Room seines Webunternehmens Lycos Europe. Den militärischen Rang kann jeder Nutzer des größten europäischen Diskussionsforums erlangen, das wie ein luxuriöses Kreuzfahrtschiff konzipiert ist. Er muss lediglich ein paar Tausend Stunden als Surfer auf den Lycos-Seiten unterwegs sein. Christoph Mohn, der 38-jährige Sohn des Bertelsmann-Patriarchen Reinhard und seiner Frau Liz Mohn, opfert diese Zeit. Er chattet, kauft im Internet, lebt sein virtuelles Produkt.Bereits seit sechs Jahren steht Christoph Mohn an der Spitze des in Gütersloh ansässigen Internetkonzerns. Schwarze Zahlen hat das Unternehmen, das im Mai 1997 als Joint Venture der damaligen Lycos Inc. und der Bertelsmann AG gegründet wurde, allerdings noch nie geschrieben. Das Maskottchen, ein schwarzer Labrador-Hund, der als lebensgroßes Plüschtier neben Mohns Schreibtisch steht, hat den Aktionären kein Glück gebracht. Mit 24 Euro ging das Startup im Frühjahr 2000 an die Börse. Heute ist die Aktie weniger als einen Euro wert.

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Dennoch: Wenn der spielerisch veranlagte Internetmanager an seinem Computer chattet, blitzt der Spaß früherer Jahre auf. ?Wenn wir wollen, können wir jetzt einen animierten Papagei über den Bildschirm fliegen lassen?, scherzt der gelernte Betriebswirt. Er liebt es, seine eigenen Angebote auszuprobieren. Erst neulich studierte er einen Dating-Service per Mobiltelefon in Stockholm. Die Dame treffen wollte der verheiratete Familienvater dann doch nicht.Die virtuellen Möglichkeiten, Freundschaften zu knüpfen oder sich vergnüglich die Zeit zu vertreiben, haben dem Unternehmen bisher wirtschaftlich wenig genutzt. Lycos Europe, an dem Christoph Mohn mit 12,1 Prozent beteiligt ist, hat bislang rund 1,5 Milliarden Euro verbrannt. Die Mehrheitsaktionäre Bertelsmann und der spanische Internetkonzern Terra Lycos können sich dennoch beruhigt zurücklehnen. ?Wir haben eine gute Reserve und sind voll durchfinanziert. Es sind noch 185 Millionen Euro in der Kasse?, beteuert der frühere McKinsey-Berater.Derzeit arbeitet er an der Neuausrichtung des Unternehmens, das zu den fünf größten Internet-Portalen in Europa zählt. Er will einen zweistelligen Millionenbetrag einsparen. Am 1. Januar startet der Neuanfang. Mohn wechselt die Geschäftsführung aus, hat sich von 100 Mitarbeitern getrennt und die Internetfirma strategisch neu ausgerichtet. Aus dem Gemischtwarenladen soll ein Unternehmen mit vier Säulen werden: Mail-Services, E-Commerce, Chat und Kommunikationsdienste. ?Wir wollen in den nächsten zwei bis vier Jahren über unsere Werbeerlöse hinaus 100 Millionen Euro Umsatz allein mit kostenpflichtigen Angeboten erwirtschaften?, kündigt er selbstbewusst an.Seine Zukunft sieht Mohn positiv und verweist auf erfolgreiche Konkurrenten wie Yahoo. ?Wir sind aus der Talsohle heraus. Schwarze Zahlen sind in den nächsten Jahren in erreichbare Nähe gerückt?, verspricht er. ?Das Interesse von Investoren zieht wieder an.? Erst vor ein paar Monaten sei John de Mol mit über fünf Prozent eingestiegen. Der Filmunternehmer ist ein gern gesehener Gesellschafter, der kreative Ideen einbringen könnte.Doch es gibt auch Zweifler. Im Bertelsmann-Konzern ? in dem Christoph Mohn zusammen mit Vater Reinhard, Mutter Liz und Schwester Brigitte in der mächtigen Verwaltungsgemeinschaft (BVG) sitzt ? wird er von manchem Manager eher mitleidig belächelt. ?Das ist eine riesige Maschine zum Geldverbrennen?, sagt ein Insider. Sollte Christoph Mohn tatsächlich Nachfolger von Bertelsmann-Chef Gunter Thielen werden, müsste er erst einmal seine Führungsqualitäten unter Beweis stellen. ?Es fehlt ihm noch die Härte im Geschäft?, bedauert ein ehemaliger Bertelsmann-Top-Manager, der ihn schon lange kennt.In Sachen Unternehmenskultur hält Christoph Mohn an den Errungenschaften der New Economy fest. Er duzt sich mit allen Mitarbeitern in Gütersloh und an den anderen europäischen Standorten. So etwas wäre im Konzern des Vaters völlig unvorstellbar. Doch zu dem unprätentiösen Leben des Sohnes passt es: Er liebt das Understatement. So steht er auf der Eröffnungsparty der prächtigen Berliner Hauptstadtrepräsentanz von Bertelsmann lieber im Abseits als in der ersten Reihe. Gerne fährt er mit seinem alten Audi A8 Quattro (?wegen der Sicherheit?) zum romantischen Gasthaus Ruhenstroth am Stadtrand Güterslohs, das kulinarisch die weite Welt sucht, ohne die westfälische Herkunft zu verleugnen. Beruflich fliegt er mit der Billiglinie Air Berlin nach London vom nahe gelegenen Flughafen Paderborn. Er hat keinen Privatjet wie die Mutter.Im überschaubaren Gütersloh fühlt sich Mohn wohl. Dort lebt er zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern am Stadtrand. Erholung findet er im Schwimmbad ?Die Welle?, wo er am frühen Morgen seine Bahnen zieht, bevor er pünktlich um neun Uhr im Büro eintrifft. Nur 1,5 Kilometer Luftlinie entfernt regiert Vorstandschef Thielen in enger Absprache mit Liz Mohn das weltweite Bertelsmann-Imperium. Doch mit dieser Medien-Welt hat der Konteradmiral zweiter Klasse nur am Rande zu tun. Darüber ist er nicht einmal traurig.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.12.2003