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Der Kompromiss-Kandidat

Von Martin Buchenau und Jürgen Flauger
Eon-Manager Hans-Peter Villis wird neuer EnBW-Chef ? und muss den Energiekonzern neu ausrichten. An die Gepflogenheiten bei seinem neuen Arbeitgeber muss er sich erst noch gewöhnen.
Hans-Peter Villis wird ab Mai 2008 EnBW führen. Foto: dpa
STUTTGART/DÜSSELDORF. Als der Eon-Manager vor einer Woche erstmals als neuer Chef der Energie Baden-Württemberg (EnBW) gehandelt wurde, ging er nicht wie die anderen genannten Kandidaten und in solchen Fragen ratsam auf Tauchstation, sondern bestätigte öffentlich erste Kontakte. Ein Vorstellungsgespräch bei der Electricité de France (EdF), einem der zwei Großaktionäre, hatte der 49-Jährige da zwar schon hinter sich.Die nicht weniger wichtigen Termine beim zweiten Eigner, dem kommunalen Zweckverband Oberschwäbischer Elektrizitätswerke (OEW), und bei den Vertretern der Arbeitnehmerseite standen aber noch aus. Aufsichtsratschef Claus Dieter Hoffmann, der OEW-Verbandsvorsitzende Kurt Widmaier und die EdF hatten Mühe klarzustellen, dass noch keine Entscheidung getroffen ist.

Die besten Jobs von allen

Noch nicht im Amt, traf Villis unbeabsichtigt den neuralgischen Punkt der EnBW. Abstimmungsprozesse sind bei der EnBW nie einfach ? und schon gar nicht in Personalfragen. EdF und OEW, beide mit 45 Prozent beteiligt, achten peinlichst genau auf die schwierige Machtbalance. Selbst die Landespolitik mischte sich noch in diesen Tagen ein und mahnte an, dass die Franzosen durch die Neubesetzung des Vorstands nicht die Oberhand gewinnen dürften.Letztlich hat Villis aber alle Parteien überzeugt. Nur zwei Wochen nachdem der umstrittene Utz Claassen angekündigt hatte, seinen im kommenden Jahr auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern, bestimmte der Aufsichtsrat gestern den Kompromisskandidaten ab 1. Mai 2008 zum künftigen Vorstandsvorsitzenden. Der EnBW-Vertreter im Vorstand, Pierre Lederer, wird zum Stellvertreter ernannt und damit klar aufgewertet. Personalvorstand Bernhard Beck und Finanzchef Christian Holzherr erhalten neue Verträge. Damit verzichtet die EnBW auf eine Radikalkur. Claassen bleibt bis Vertragsende.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Branchenkenner halten Villis Berufung für eine gewagte Personalie.Hans-Peter Villis als Chef des drittgrößten deutschen Versorgers? In der Branche hatte zunächst keiner den Manager, der zurzeit Finanzvorstand bei Eons schwedischer Tochter ist, auf dem Zettel. ?Positiv ausgedrückt, halte ich die Entscheidung für eine Überraschung, negativ für eine gewagte Personalie?, sagte ein intimer Branchenkenner. ?Es bleibt abzuwarten, ob er der Stratege ist, den die EnBW jetzt braucht.?Große Schlagzeilen hat Villis bislang in der Tat keine gemacht. Damit wird er nach dem Medienrummel um seinen Vorgänger Claassen bei den Aufsichtsräten aber eher Pluspunkte gesammelt haben.In der Branche hat sich der Hobby-Golfer durchaus einen Ruf als solider Finanzfachmann erworben. Seine Karriere verbrachte er bislang fast nur im Eon-Konzern, und er zählt dort durchaus zum Goldfischteich der Manager, die für höhere Aufgaben vorgesehen sind. 1993 baute er als Finanzchef die Städtischen Werke Magdeburg auf. Nach Einschätzung von Weggefährten bewies er sehr viel Fingerspitzengefühl im Umgang mit den Kommunen. Von 2000 bis 2002 entsandte ihn Eon als Finanzvorstand zu Gelsenwasser, die sich gut entwickelte. Als Eon Gelsenwasser wegen Kartellauflagen verkaufen musste, behielt sie Villis und betraute ihn als Chef der Elektrizitätswerke Wesertal in Hameln mit der heiklen Fusion von drei Kommunalversorgern zur neuen Eon Westfalen Weser. Auch dort musste sich der als besonnen geltende Manager mit den Kommunen arrangieren ? eine Erfahrung, die er bei der EnBW gut gebrauchen kann.Inzwischen verfügt er zudem über die internationale Komponente im Lebenslauf, auf die der zweite Großaktionär Wert legen dürfte. Eon Nordic führt die nordeuropäischen Aktivitäten des Konzerns, setzte zuletzt mit 5700 Beschäftigten rund 3,2 Milliarden Euro um.Bei der EnBW erwartet den Diplom-Ökonomen aber eine ungleich größere und komplexere Aufgabe. Das Unternehmen setzte 2006 mit 20000 Beschäftigten über 13 Milliarden Euro um. Finanziell ist das Unternehmen nach vier Jahren Claassen, das räumen selbst dessen Kritiker ein, saniert. Jetzt muss das Unternehmen aber strategisch vorankommen. Es buhlt um Beteiligungen an Stadtwerken, strebt gar eine Kooperation mit Deutschlands Nummer fünf, der EWE aus Oldenburg, an.Gleichzeitig muss sich der ehemalige Mitarbeiter des heutigen RAG-Chefs Werner Müller politisch profilieren. Claassen hat die politische Bühne geschickt genutzt, Villis hat sich bislang nur auf regionaler Ebene mit protestierenden Kunden auseinander gesetzt.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Villis muss zwei Herren dienen.Und bei alle dem muss er es beiden Großaktionären recht machen und damit zwei Herren dienen. Vor allem das wichtige Projekt EWE verlangt höchstes Fingerspitzengefühl. Die EdF beäugt die Gespräche mit dem Regionalversorger aus dem Norden, der in kommunalem Besitz ist, genau. Allzu schnell könnten sich die Machtverhältnisse verschieben.?Villis kann das packen. Ich kann mir keinen Besseren für den Job vorstellen?, sagt ein Vertrauter. Dass er vom Papier her aus der zweiten Reihe komme, sei eher ein Vor- als ein Nachteil. Villis habe mehr zu gewinnen als zu verlieren.Der verheiratete Vater zweier Kinder gilt als Workaholic. So gesehen ändert sich für die EnBW-Beschäftigten nichts. Anders als sein Vorgänger ist er aber unkompliziert im Umgang, und Standesdünkel sind ihm fremd. Ihm werden zudem besondere Fähigkeiten als Moderator zugeschrieben. Er führe klar, ohne zu polarisieren. Er gilt nicht als angriffslustig, geht aber Konfrontationen nicht aus dem Weg. Sein vielleicht größtes Manko: Er spricht nicht Französisch.Die ihm zugesprochene hohe Sozialkompetenz wird er brauchen, damit nicht nach der EADS der nächste deutsch-französische Konzern in weitere Turbulenzen gerät.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.07.2007