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Der König zweier Welten

Von Christoph Hardt
Der Präsident des Slowakischen Industrieverbands, Präsident des Verbands der Autoindustrie seines Landes und Wirtschaftsberater des Ministerpräsidenten, Jozef Uhrik, kann mit einer ungewöhnlichen Karriere aufwarten. Er war einemal Generaldirektor eines Waffenkombinats.
BRATISLAVA. Der VW-Touareg ist schwarz wie Espresso und steht im allerstrengsten Halteverbot. Auch der Zwei-Meter-Mann mit Knopf im Ohr, der aus dem blitzblank polierten Geländewagen springt, um dem Herrn in Braun- Grau im Trubel der Innenstadt von Bratislava die Türe aufzuhalten, könnte düsterer nicht wirken. Eines ist sofort klar: Jemand Wichtiges ist vor dem Außenministerium der slowakischen Republik angekommen. Dort gilt es nun, eine Pressekonferenz zur Zukunft der nationalen Industrie zu halten. Auch der stellvertretende Außenminister kommt.Der Name des schmächtigen Manns in Braun-Grau, der behände aus dem Geländewagen steigt, ist Jozef Uhrik. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein freundlicher älterer Herr, der in einem Alter angekommen ist, in dem man hier zu Lande längst über das Ziel der nächsten Kreuzfahrt sinniert. Nun, Josef Uhrik, 65, mag nicht mehr viele Haare haben, aber er hat noch viele Pläne.

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Denn Uhrik ist Präsident des Slowakischen Industrieverbands, Präsident des Verbands der Autoindustrie seines Landes und Wirtschaftsberater des Ministerpräsidenten. Vor allem aber ist er Präsident und Vorstandsvorsitzender des mit Abstand wichtigsten Industriebetriebs seines Landes, von Volkswagen Slovakia. Macht habe er nicht, sagt er, aber Einfluss. Zweifellos, er ist einer der einflussreichsten Männer eines Landes, das man inzwischen als eine europäische Wachstumsregion kennen gelernt hat. Manche nennen ihn hier ?die graue Eminenz?. Ein Kollege sagt es so: ?Hinter der Fassade des netten Onkels steckt ein gewiefter Manager, der sehr rational plant und entscheidet.?Im Kreise seiner deutschen Vorstandskollegen fällt dieser Mann auf Anhieb auf: vor allem wegen seiner Anzüge, deren Chic Leuten wie Egon Krenz womöglich heute noch imponiert. Das Altmodische an seinem Wesen hat vor allem mit Uhriks Manager-Leben vor Volkswagen zu tun. Damals nannte er sich nicht CEO, sondern Generaldirektor. Damals, in der anderen Welt, war Uhrik Generaldirektor beim ZTS Martin, einer der größten Waffenhersteller des Warschauer Pakts. Das Kombinat beschäftigte mehr als 80 000 Menschen. Unter anderem bauten sie den Kampfpanzer T 72. Insofern kann man Uhrik auch als einen der führenden Apparatschiks seines Landes bezeichnen. ?Uhrik ist eine Symbolfigur für den gelungenen Übergang von plan- zu marktwirtschaftlichen Strukturen?, sagt Peter Kollarik, Chef der slowakischen Siemens-Tochter.Heute ist Josef Uhrik vor allem Patriot, einer, der mit Zähigkeit und Schläue lange Jahre darauf hingearbeitet hat, die industrielle Substanz seines Landes zu erhalten und auszubauen. Er hat sich dabei nicht gescheut, mit unterschiedlichsten politischen Lagern umzugehen. ?Wir müssen mit vielen Parteien klarkommen?, sagt er. Einer, der ihn lange begleitet hat, bestätigt: ?Uhrik ist einer, der auf der Klaviatur der Macht hervorragend zu spielen versteht.?Redet Uhrik über VW, redet er immer auch über sich und sein lange fast vergessenes Land, über Armut und künftigen Reichtum, das neue Europa und damit genau das, was weiter westlich Masterplan genannt würde. ?Wir haben immer eine langfristige Strategie verfolgt?, sagt er.Lesen Sie weiter auf Seite 2Kann man wohl sagen. Uhrik war als stellvertretender Minister dabei, als der Vertrag mit VW zur Ansiedlung in Bratislava verhandelt wurde. Er war dabei, als noch in Prag der Plan entworfen wurde, die industriellen Kernstrukturen der ehemaligen Tschechoslowakei durch den Erhalt und den Ausbau einer eigenständigen Automobilindustrie zu erhalten. Im Westen der Slowakei hat Uhrik dann bewiesen, was man mit unternehmerischer Hartnäckigkeit erreichen kann.Längst ist um den Kern VW herum eine eigenständige Zulieferindustrie entstanden. VW selbst hat in Martin, der ehemaligen Wahlheimat Uhriks, ein Zulieferwerk eröffnet. Peugeot lässt in der Slowakei Autos bauen, von 2006 an wird mit der Hyundai-Tochter Kia ein dritter großer Autokonzern in der Slowakei produzieren.Uhriks heutige Wirkungsstätte wirkt von fern in der hügeligen Landschaft westlich Bratislavas wie ein Block aus weißem Marmor. Kommt man näher, fesselt eine gewagte Liftanlage den Blick: Daran hängen wie im Sessellift fabrikneue VW-Touaregs. Sie sind unterwegs zum Testgelände. ?Eine einzigartige und sehr effektive Lösung?, sagt Uhrik. Überhaupt ist alles sehr effektiv bei Uhrik und Volkswagen Slovakia.Die Fabrik gehört zu den produktivsten im Konzern, wahrscheinlich ist sie sogar die Nummer eins. Gewinnzahlen nennt der Konzern nicht. Aber selbst Facharbeiter erhalten hier nicht mehr als 450 Euro monatlich. Man wundert sich im Montagewerk, wie heute eine Autofabrik funktioniert. Freundliche Menschen in weißen Overalls schrauben auf sachte sich bewegenden Buchenholzbändern an satt glänzenden Touareg-Karosserien herum. Es wäre kein Wunder, wenn hier zur Arbeit auch noch leichte Wiener Klassik zu hören wäre. ?Es gibt wirklich keinen besseren Job im Land?, sagt Monteur Jan Bohacz.?In Wolfsburg sind sie noch nicht so weit?, erklärt ein leitender Angestellter wenig später vollmundig. Nicht weit davon steht der ältere Herr im braunen Anzug und dem scharf geschnittenen Gesicht und streichelt über seine Unterlagen. Jozef Uhrik, der Mann, der als Manager in seinem Land erreicht hat, was man wohl erreichen kann, lässt für einen Augenblick seine Beherrschung fahren und schaut ins Weite, als wäre er gerührt.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.05.2004