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Der König ist tot

Von Inge Hufschlag, Handelsblatt
Wenn der König stirbt, dann leuchtet München nimmer so wie immer. Das war 1886 beim Tode vom ?Kini? Ludwig II. so, wie der König im Volksmund genannt wurde. Und nun ist?s wieder so, nachdem Mosi nicht mehr ist.
Rudolph Moshammer wurde ermordet. Foto: dpa
HB DÜSSELDORF. Sein Lebenslicht ist in der Nacht zum vergangenen Freitag erloschen. Mit einem Telefonkabel um den Hals war Moshammer am Freitagmorgen tot in seiner Grünwalder Villa gefunden worden. Am Wochenende nahm die Polizei den 25-jährigen Iraker Herisch A. fest. ?Nach mehrstündigen Vernehmungen hat er vor den Kollegen der Mordkommission ein Geständnis abgelegt?, erklärte der Leiter der Sonderkommission, Harald Pickert, am Sonntag. Als Motiv gab die Polizei Heimtücke und Habgier an. Der Verdächtige habe hohe Spielschulden.Laut Pickert war der Iraker am Donnerstagabend in der Nähe des Münchener Hauptbahnhofs in den Rolls-Royce des Modeschöpfers gestiegen und zu dessen Haus gefahren. Für sexuelle Handlungen sei nach Angaben des Festgenommenen ein Betrag von 2000 Euro ausgemacht worden, die der 64-jährige Moshammer nicht bezahlt habe. Darüber sei es zum Streit gekommen. ?In diesem Streit hat der Tatverdächtige Herrn Moshammer ein Kabel um den Hals geschlungen und ihn erdrosselt?, sagte Pickert. Da die Leiche keine Abwehrkampfspuren aufweise, müsse die Tat blitzschnell begangen worden sein.

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?Schrecklich, das hat er nicht verdient. Noch im Sommer haben wir bei einer Feier in Berlin zusammengesessen?, erinnert sich der Düsseldorfer Modehändler Albert Eickhoff an die schillernde Figur der Münchener Schickeria. Der Berliner Prominentenfriseur Udo Walz reagiert ?entsetzt und sprachlos? auf den Tod seines Freundes: ?Moshammer hat viel Gutes getan. Anonym hat er vielen Menschen geholfen.? Was nicht anonym blieb. Dafür sorgte nicht zuletzt der Helfer selbst, wenn er über seine Gaben an die Münchener Obdachlosen berichtete: ?Die polieren aus Dankbarkeit mit dem Ärmel meine Emily?. Eine seiner Emilys. Moshammer besaß mehrere Rolls-Royce in unterschiedlichen Farben.Der frühere Boss-Chef Werner Baldessarini spricht aus, an was viele spontan bei der Todesnachricht dachten: ?Die Wiederholung des Falls Walter Sedlmayr?, der 1990 ermordet wurde. Die Täter wurden damals im unmittelbaren Umfeld des ebenfalls homosexuellen Volksschauspielers gesucht und gefunden.Von Moshammer war offiziell immer nur bekannt, dass er eng mit seiner ?Mama Else? zusammenlebte. Nach deren Tod wurde er regelmäßig eigentlich nur noch mit seinem Yorkshireterrier Daisy gesehen. Die Hundedame war das blond gesträhnte Pendant zu seinem eigenen schwarzmoppigen Schopf. Wenn das Hündchen mit seiner kaputten, mit Platin geschienten Pfote nicht über seinem Arm hing, residierte es in einer Art maßgeschneidertem Taschenberg-Palais von Louis Vuitton. Seit dem Wochenende kümmert sich Moshammers Fahrer um das Tier.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Modeschöpfer positionierte sich selbst als eine Art MarkeDer Modeschöpfer positionierte sich mit seinem bizarren Auftreten selbst als eine Art Marke. So konnte er sich was leisten, was er auch tat. Der Mann, der nie eine Schneiderlehre absolviert hat, adelte sich selbst als Modemacher und verkaufte Luxus-Herrenmode an Herrschaften wie Karl Flick, José Carreras, Arnold Schwarzenegger oder Alfonso von Hohenlohe, auch an reiche Saudis und neureiche Russen.Aufträge in Millionenhöhe sollen keine Seltenheit gewesen sein. Da kostete ein Pelzmantel schon mal 50 000 Euro, ein Maßanzug 4000, eine Krawatte über 100 Euro. Doch als der Modemarkt keine Millionen mehr hergab, stieg auch Moshammer ein ins Massengeschäft. Von seinen Schlipsen zu 29,90 Euro, auf denen ?Mosi? stand, setzten seine Lizenzpartner Millionen ab. So konnte sein Name Programm und Bier-Liedtext bleiben: ?Moos hamma.?Dabei war es kaum Geldgier, wenn Moshammer für Interviews selbst von Lokalzeitungen Honorar verlangte. Er wollte etwas wert sein ? irgendwo, irgendwann, irgendwem. Vielleicht ist ihm ja gerade das zum Verhängnis geworden.Immer hat er an seiner Unsterblichkeit gearbeitet, als Schriftsteller mit Werken ?Nicht nur Kleider machen Leute?, mit einer Autoduografie ?Mama und ich?, einer Anleitung ?Elegant kochen ohne Schnickschnack? und als Biograf seiner Lebenspartnerin: ?Ich, Daisy ? Bekenntnisse einer Hundedame.?Im Blumenmeer vor Moshammers Geschäft in der Maximilianstraße liegen auch ein Stoffhase und ein weißer Teddy-Bär. ?Lass es dir gut gehen da oben?, ist auf einer Karte zu lesen, auf der der Namenszug Gianni Versace prangt. Sie stammt aus der Versace-Boutique auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Der italienische Modedesigner Versace war 1998 vor seiner Villa in Miami Beach mit zwei Schüssen aus nächster Nähe niedergestreckt worden. Der Täter war wohl ein homosexueller Callboy, der sich Tage später das Leben nahm.?Moshammer ist auch nach seinem Tod aus München und Deutschland nicht wegzudenken?, sagt Friseur Walz. Da wird er wohl auch bleiben. Sein Vater starb als Obdachloser. So wollte der Sohn nicht enden. Deshalb ließ er frühzeitig auf dem Ostfriedhof ein Mausoleum errichten. Für seine Mama und für sich.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Stationen im Leben des Rudolph MoshammerStationen im Leben des Rudolph Moshammer1940 wird er am 27. Dezember geboren. Er selbst behauptete lange, er sei erst 1945 zur Welt gekommen, doch bei einer Gerichtsverhandlung wurde sein wahres Alter publik. Er und seine Mutter litten unter einem alkoholkranken Vater, der schließlich Selbstmord beging.1968 eröffnet er nach einer Textillehre seine Boutique ?Carneval de Venise?. Er beliefert die Münchener Schickeria mit selbst entworfener, extravaganter Mode.1983 übernimmt er die Münchener Traditionskneipe ?Hundskugel?.1993 stirbt seine Mutter Else, mit der er bis zu diesem Zeitpunkt ein unzertrennliches Duo darstellte.1995 erscheint seine Autobiografie ?Mama und ich?.2005 wird er ermordet in seiner Wohnung gefunden.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.01.2005