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Der Klub der alten Herren

Von Joachim Hofer
Der zweitgrößte Sportartikelproduzent der Welt wirbt mit jungen, sportlichen Menschen, doch hinter den Kulissen ist die Realität eine andere: Mit Hans Friderichs, Ex-Bundeswirtschaftsminister, löst ein 76-Jähriger einen anderen 76-Jährigen an der Spitze des Aufsichtsrats von Adidas ab.
Modische Treter Adidas für die Jungen, Schönen und Sportlichen. Foto: ap
MÜNCHEN. In der Zentrale in der fränkischen Kleinstadt geben sich in diesen Tagen die Senioren die Klinke in die Hand: Am Donnerstag teilte Adidas in dürren Zeilen mit, dass der Konzern seit Mittwoch einen neuen Aufsichtsratschef hat. Der heißt Hans Friderichs, war unter den Bundeskanzlern Willy Brandt und Helmut Schmidt einst Wirtschaftsminister und ist vor drei Wochen 76 Jahre alt geworden.Friderichs löst einen anderen Pensionär ab, Henri Filho, ebenfalls 76. Der Franzose lege sein Amt ?aus persönlichen Gründen? nieder, hieß es bei Adidas.

Die besten Jobs von allen

Für Menschen wie Friderichs hat die Konsumgüterbranche vor einiger Zeit eine nette Bezeichnung gefunden: ?Best Ager? nennt sie die für sie so interessante Zielgruppe, die noch längst nicht zum alten Eisen gehören will, aber viel Zeit und noch mehr Geld zum Ausgeben hat.An finanziellen Mitteln mangelt es dem rüstigen Rentner Friderichs sicher nicht. Denn das Engagement des ehemaligen FDP-Politikers in der fränkischen Provinz war schon in den letzten Jahren ausgesprochen lukrativ. Als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von Adidas hat er vergangenes Jahr zwar nur 31 500 Euro bekommen. Das ist im Vergleich zur Vergütung in anderen großen deutschen Konzernen eher dürftig. Aber gleichzeitig kassierte er über einen Beratervertrag laut Geschäftsbericht 213 386 Euro. Sein Kollege Henri Filho strich sogar 285 100 Euro ein. Vorstandschef Herbert Hainer sieht kein Problem darin, dass er seinen Aufsehern so viel Geld überweist. Ganz normal sei das, betont er, wenn er darauf von Journalisten angesprochen wird. Auch eine Altersbeschränkung für Aufsichtsräte wie bei anderen Dax-Konzernen kennt Adidas nicht. So muss Commerzbank-Chefaufseher Martin Kohlhaussen demnächst ausscheiden, weil er 72 Jahre alt wird.Nun verfügt der neue Aufsichtsratschef Friderichs sicherlich über viel Erfahrung in der Wirtschaft und der Sportbranche. Fünf Jahre ist er in Bonn Wirtschaftsminister, dann wechselt er im Herbst 1977 zur Dresdner Bank in Frankfurt, wo er bald darauf Chef wird. Er habe da als ?teuerster Banklehrling aller Zeiten? angefangen, hat er selbst einmal gesagt. Mitte der 80er-Jahre fegt den Vater von zwei Kindern dann allerdings die Flick-Parteispendenaffäre aus dem Amt. Friderichs wird zwar vom Vorwurf der Bestechung freigesprochen, wegen Steuerhinterziehung aber verurteilt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mit dem Vorstand wird Friderichs vermutlich am meisten über Reebok diskutieren. Friderichs kennt Adidas bestens. Er ist dem Konzern seit fast 20 Jahren eng verbunden. Denn schon von 1990 bis 1993 war er einmal Chefaufseher der Marke mit den drei Streifen. Darüber hinaus saß der Jurist in vielen anderen Aufsichtsräten, von der AEG über Airbus und die Postbank bis zum Kamerahersteller Leica.Als er vergangenes Jahr 75 wurde, würdigte die ?Frankfurter Allgemeine Zeitung? ihn als Mensch, der durch seine ?elegant-bescheidene Art? eine angenehme Atmosphäre schaffen könne, in der sich Fronten aufweichen und zuvor unmöglich erscheinende Lösungen doch noch möglich werden. Seine absolute Diskretion mache ihn auch in heikelsten Fragen immer wieder zum gesuchten Gesprächspartner.Mit Adidas-Chef Herbert Hainer wird Friderichs die nächsten Monate vermutlich am meisten über Reebok diskutieren. Den US-Wettbewerber haben die Franken voriges Jahr für drei Milliarden Euro übernommen. Noch ist die Tochter aus Amerika aber längst nicht so profitabel wie das angestammte Geschäft unter der Marke Adidas.Friderichs weiß nur zu gut, wie schwierig solche Zukäufe fernab der Zentrale sind. Der begeisterte Skifahrer und Radsport-Fan musste bei Adidas schon einmal miterleben, wie eine teure Akquisition danebenging. 1997 kauften die Franken die französische Ski- und Outdoormarke Salomon. Es gelang Adidas aber nie, die Tochter in den Griff zu bekommen. Stets führten die Franzosen ein Eigenleben im Konzern. Zeitweise schrieb Salomon sogar rote Zahlen. Deshalb stieß Konzernchef Hainer die Sparte vor der Übernahme von Reebok entnervt wieder ab und behielt lediglich das Golf-Geschäft.Hans Friderichs ist nicht der einzige ältere Herr im Adidas-Aufsichtsrat. Dort tummeln sich für eine Sportmarke erstaunlich viele in die Jahre gekommene Manager. Manfred Gentz zum Beispiel, Jahrgang 1942 und Ex-Finanzvorstand des Autobauers Daimler. Oder Christian Tourres, geboren 1938 und früher selbst Vorstand des traditionsreichen Sportunternehmens. Und der neue Vize-Aufsichtsratschef, der Franzose Igor Landau, einst Chef des Pharmaproduzenten Aventis, nähert sich mit seinen 63 Jahren dem Rentenalter.Als 46-Jähriger ist Dresdner-Bank-Vorstand Stefan Jentzsch fast ein Jüngling in der Altmännerriege. Er rückt für Filho nach.
Dieser Artikel ist erschienen am 09.11.2007