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Der kleine Unterschied

Von Katja Ridderbusch
Sie berät Politiker, Coca-Cola und Militärs. Connie Glaser ist Amerikas Guru des ?Gender Talk?, der Kommunikation zwischen Männern und Frauen in der Geschäftswelt. Sie kämpft für die bessere Verständigung zwischen den Geschlechtern im Businessleben. Jetzt erscheint ihr neues Buch mit dem Titel ?Gender Talk Works: Seven Steps for Cracking the Gender Code at Work? (Windsor Hall Press, 19,95 Dollar).
ATLANTA. Die zierliche, elegante Frau im roten Jackett geht mit leichten Schritten auf der Bühne hin und her, ein Mikrofon an der Wange wie ein Popstar beim Konzert. Ihre Gegenwart füllt den Saal, in dem etwa 300 Manager und Managerinnen ihrem Vortrag lauschen. ?Lächeln ist eine gute Sache, aber wir Frauen lächeln zu oft?, sagt sie mit schneidend heller Stimme: ?Lernt, ein Pokerface aufzusetzen!?Dann wendet sie sich den Männern zu. Sie erzählt die Geschichte von Ärzten in einer Klinik, die eine neue Kollegin, die einzige Frau im Team, in eine Zigarrenbar einladen ? und sich wundern, dass sich die Kollegin offenbar unwohl fühlt. ?Jungs, wie würde es euch denn gehen, wenn euch zehn Frauen in den Schönheitssalon einladen würden?? Joviales Lachen von den Männertischen ? und einige nachdenkliche Gesichter.

Die besten Jobs von allen

Connie Glaser ist Amerikas Guru des ?Gender Talk?, der Kommunikation zwischen Männern und Frauen in der Geschäftswelt. Ihre Ratgeber-Bücher stehen in den USA auf den Bestsellerlisten und sind auch in Deutschland, Israel, Bulgarien, Korea, China und Japan erschienen. Nächste Woche kommt ihr neuestes Werk in die US-Buchläden mit dem Titel ?Gender Talk Works: Seven Steps for Cracking the Gender Code at Work? (Windsor Hall Press, 19,95 Dollar).Die Amerikanerin, die ihr Alter nicht verrät, hält Reden vor Führungskräften von Fortune-500-Unternehmen und Seminare über den erfolgreichen Umgang mit dem anderen Geschlecht. Zu ihren Kunden gehören AOL Time Warner, Johnson & Johnson, Hewlett-Packard, Coca-Cola und McDonald?s, außerdem Spitzenpolitiker und hohe Militärs. Connie Glaser macht das große Geschäft mit dem kleinen Unterschied.?Das Problem zwischen Männern und Frauen in der Businesswelt ist nicht die Tatsache, dass sie nach unterschiedlichen Regeln spielen?, sagt sie. ?Das Problem ist, dass sie diese Regeln oft nicht kennen.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Lernen im MännerhaushaltGlaser versteht sich als Mittlerin zwischen den beiden Kulturen. Und als Sympathisantin der Frauen. Aber sie ist keine Feministin. Auch keine Männerhasserin. Ganz im Gegenteil. Sie hat einen Mann, mit dem sie in der Südstaatenmetropole Atlanta lebt und der als Präsident die Israelisch-Amerikanische Handelskammer führt, und zwei Söhne, 22 und 24 Jahre alt. In einem Männerhaushalt habe sie gelernt, sich ?ein dickes Fell anzuzüchten?.Glaser ist davon überzeugt, dass Männer in der Geschäftswelt ihre Kolleginnen nur selten bewusst ausschließen. Sie berichtet von einer Szene, die sie jüngst bei einer Konferenz beobachtete: Eine Gruppe von Frauen steht in einem Kreis, ein Mann nähert sich, die Frauen öffnen den Zirkel. Männer in der gleichen Situation machen dagegen häufig keine Anstalten, die Frau in ihren Kreis zu bitten. ?Männer warten nicht darauf, eingeladen zu werden?, sagt Glaser. ?Wer rein will, der drängt sich eben rein.?Sie selbst hat früh gelernt, sich Gehör zu verschaffen. Sie wird geboren in der Nähe der Autostadt Detroit im US-Bundesstaat Michigan, studiert in den frühen siebziger Jahren Englisch und wird Lehrerin. ?Beim Unterrichten habe ich gelernt, Menschen zu motivieren?, sagt sie. ?Wenn man Pubertierende für englische Grammatik begeistern will, dann muss man sich schon etwas einfallen lassen.?Als ihre Söhne auf die Welt kommen, macht sie sich selbstständig und beginnt, Kommunikationsseminare für Unternehmen zu geben. Anfang der neunziger Jahre hält sie bei einer Tagung einen Vortrag über Frauen in der Geschäftswelt.Das ist das Schlüsselerlebnis. Kurz darauf erscheint ihr erstes Buch: ?Erfolgsfaktor Selbstbewusstsein. Wie Frauen im Beruf überzeugend auftreten.? Glaser wird zur Pionierin der Geschlechter-Kommunikation. Fünf Bücher hat sie geschrieben, ihr sechstes ist im Druck.Die Tageszeitung ?USA Today? spöttelt über den boomenden Markt der Selbsthilfebücher. Doch Glasers Werke seien ?flott geschrieben und wert, im Radio gesendet zu werden?. Bei ihren Reden und Workshops hält sie das Publikum mit Humor und Anekdoten wie ein Stand-up-Comedian im Bann. Sie verstehe es, ?verschiedene Gruppen anzusprechen, Seniorpartner, mittlere Manager, junge Angestellte oder Studenten?, heißt es beim Beratungsunternehmen Pricewaterhouse Coopers, das zu Glasers Kunden zählt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Auf die eigenen Stärken setzenMit ihren Geschlechtsgenossinnen geht Glaser bisweilen hart ins Gericht ? und legt ihre manikürten Finger in offene Wunden. Da sind zum Beispiel die vielen sprachlichen Einschränkungen, mit denen Frauen sich und ihre Leistung klein machen: ?Das ist vielleicht eine dumme Frage, aber . . .? Oder: ?Das werden Sie sicher wissen, trotzdem . . .? Oder die Neigung, sich zu entschuldigen: ?Zwischen Frauen sind Entschuldigungen Rituale der Höflichkeit?, sagt Glaser. ?Bei Männern sind es Signale der Hierarchie. Wer sich entschuldigt, hat sich unterworfen.?Connie Glaser will nicht der Anpassung das Wort reden. In ihrem Buch ?Die Delphin-Karriere? plädiert sie dafür, dass Frauen in der Geschäftswelt nicht das Verhalten der Männer kopieren, sondern auf ihre eigenen Stärken setzen: Klugheit, Intuition, soziale Kompetenz. Dennoch schade es nicht, bemerkt sie lakonisch, mal den Sportteil der Zeitung zu lesen, um bei den Gesprächen der Männer mithalten zu können.Das hat sie zu Hause gelernt, in ihrem Männerhaushalt. Da staunt die toughe Diplomatin des ?Gender Talk? noch immer, wenn ihre Söhne zu Besuch kommen und sie kumpelhaft und mit einem derben Witz begrüßen. ?Ich lerne Geschlechter-Kommunikation eben auf die harte Tour?, sagt Connie Glaser und lacht laut ? gar nicht damenhaft.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.11.2006