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Der Kick beim gelungenen Deal

Von Bettina Mävers, Handelsblatt
Für Oleg de Lousanoff sind gelungene Fusionen eine Art Lebenselexier. Der Fusionitis auf dem Anwaltsmarkt widersteht die Kanzlei Hengeler Mueller dennoch. Trotz beachtlicher Erfolge.
HB DÜSSELDORF. Nein, wissend lächelnd wird er die aktuellen Zahlen nur als Bestätigung dessen sehen, was ohnehin bekannt ist: Irgendwie sind sie ja doch die Besten, die ?Hengelers?, wie die Anwälte der Sozietät auch von Kollegen anderer Kanzleien respektvoll genannt werden. Und wenn Lousanoff sagt, ?wir sind die Besten, und wir nehmen nur die Besten?, klingt das nicht einmal arrogant ? eher wie eine unumstößliche Tatsache.So unumstößlich wie die Tatsache, dass die Sozietät auch beim Europa-Ranking ganz weit oben stünde, wären sie dem internationalen Fusionitis auf dem Anwaltsmarkt erlegen. Die Sozien entschieden sich aber ganz bewusst gegen einen Zusammenschluss, um ?Partnerschaftsstruktur, Kultur und Identität zu erhalten?. Die ist über viele Jahrzehnte gewachsen: Die Frankfurter Kanzlei Mueller Weitzel Weisner, 1947 gegründet von Rudolf Mueller, dem Wirtschaftsminister der ersten hessischen Landesregierung, fusionierte 1990 mit der 1901 gegründeten Düsseldorfer Kanzlei Hengeler Kurth Wirtz.

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Hengeler Mueller setzt bei der Beratung von Unternehmenstransaktionen auf ?integrierte Teams?, die sich aus den ?besten Kanzleien im Ausland? ? vor allem Slaughter & May in London ? rekrutieren . Die für ein spezielles Mandat zusammengestellten Teams funktionieren aus der Sicht des Mandanten wie ein Team einer fusionierten Sozietät, erklärt de Lousanoff: ein Ansprechpartner, eine Rechnung.Doch es ärgert ihn schon, dass Hengeler Mueller trotz ständiger Präsenz bei großen grenzüberschreitenden Zusammenschlüssen in den internationalen Rankings zwar respektabel weit oben, doch nie in der Spitzengruppe steht, weil die Zahlen der integrierten Teams nicht aggregiert werden. ?Mandanten nehmen diese Tabellen durchaus wahr?, sagt er, für einen kurzen Moment durch die randlose Brille blickend ? und deren Aussagekraft vielleicht zu ernst. Denn: ?In Zeiten eines zurückgehenden M&A-Marktes besinnen sie sich auf Qualität.? Ernsthafte Sorgen macht sich de Lousanoff allerdings nicht. Hengeler Mueller ist nach seinen Angaben an jeder zweiten deutschen M&A-Beratung beteiligt.So wird er sich wohl ein Glas Wein genehmigen, um auf die Spitzenposition seiner Kanzlei anzustoßen. Einen Bordeaux ? exzellent und französisch, wie de Lousanoff selbst: Die französische Staatsbürgerschaft musste er 1994 zwar gegen die deutsche eintauschen, weil er nur als Deutscher Notar werden konnte. Die enge Affinität zu Frankreich hat der vierfache Vater mit dem unüberhörbaren hessischen Zungenschlag aber ebenso bewahrt wie die tiefe Verbundenheit mit seinen russischen Vorfahren und der russisch-orthodoxen Religion. ?Wäre die Revolution nicht gewesen, würde ich jetzt als Offizier die Familienländereien verwalten.?Das jedoch wäre ihm sicher viel zu langweilig. Denn der Kick einer gelungenen Unternehmenstransaktion ist für den Anwalt, der beinahe Universitätsprofessor geworden wäre, eine Art Lebenselixier. Begeistert berichtet er von großen Transaktionen, etwa den Verhandlungen beim Zusammenschluss von Hoechst und Rhône Poulenc zu Aventis, der eine ganze Armada von Anwälten beschäftigte. Ein guter M&A-Anwalt, so de Lousanoff, muss bei Verhandlungen jede Veränderung blitzschnell in blitzsaubere Vertragsentwürfe umsetzen können. Dass man dafür ein blitzgescheiter Jurist sein muss, ist für ihn selbstverständlich. Einem Unternehmensvorstand der Gegenseite hat de Lousanoff einmal so imponiert, dass der ihm prompt den Posten als Leiter seiner Firmen-Rechtsabteilung anbot. De Lousanoff lehnte ab: ?Sie unterschätzen den Partnerstatus bei Hengeler Mueller.? Gleichwohl: Das Mandatsverhältnis zu diesem früheren Gegner besteht bis heute.V I T A:Oleg de Lousanoff. Er wurde 1952 in Frankfurt geboren und studierte Jura und Volkswirtschaft in Freiburg und Berkeley (Kalifornien). Von 1974 bis 1980 war er wissenschaftlicher Assistent und Dozent an der Universität Freiburg. Nach Forschungsaufenthalten in London und Tokio begann er 1981 als Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Gesellschaftsrecht in der Kanzlei Hengeler Mueller, seit 1984 ist er Partner der Sozietät. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.10.2002