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Der Kapitän der ?boot?

Von Georg Weishaupt, Handelsblatt
Meter für Meter geht es voran. Mehrere Arbeiter passen auf, dass die 130 Tonnen schwere Fracht auf dem Düsseldorfer Messegelände nirgendwo aneckt. Auch ein älterer Herr mit lichtem, grauem Haar und im dunklen Mantel beobachtet das Manöver aufmerksam.
DÜSSELDORF. Er sieht aus wie der Eigentümer des elf Millionen Euro teuren Luxusliners ?Mangusta 108 Open? der französischen Rodriguez Group aus Cannes. Aber Abdul-Rahman Adib besitzt nicht einmal eine kleine Segeljolle, geschweige denn einen Bootsführerschein. Der 60-Jährige, auf dessen Visitenkarte schlicht ?Projektleiter? steht, ist Chef der weltgrößten Wassersportmesse ?boot?, die morgen in Düsseldorf beginnt und bis 25. Januar laufen wird.?Ich liebe es, vor Ort überall dabei zu sein?, erzählt Adib später in seinem Büro. Er wirkt selbst so kurz vor Beginn der Mammutschau wie die Ruhe selbst. Weit holt er aus, wenn er von seinem Job berichtet, und beantwortet zwischendurch noch alle Anrufe per Handy freundlich und konzentriert.

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Dabei ist zurzeit die Hölle los: Protokolländerung für die Ehrengäste zur Eröffnung, darunter Bundeswirtschafts- und -arbeitsminister Wolfgang Clement, Absprachen mit den Transporteuren der Luxusyachten, Probleme bei der Standvermietung. Alle haben Fragen, alle erhalten eine Antwort.Adib ist die ?boot?. Und für sie kämpft er. Als er im vergangenen Herbst feststellt, dass die Ausstellerzahl zu wünschen übrig lässt, geht der gelernte Kaufmann selbst ?an die Front?, wie er es nennt. Und er schafft es. ?Wir haben wieder genauso viele Aussteller wie im Vorjahr, trotz Krise?, sagt er heute stolz.Der gebürtige Libanese, der Deutsch und Französisch am Goethe-Institut in Tripoli lernte, hat die Messe von einer Regionalveranstaltung zur Nummer eins weltweit gemacht. Eigentlich hatte ?Mr. boot?, wie er in der Branche genannt wird, ganz andere Pläne. Er war ?nicht besonders glücklich? in der Lebensmittelgroßhandlung seiner Eltern in Tripoli. Da gab ein Freund dem jungen Adib den Tipp, in Deutschland eine Ausbildung als Messekaufmann zu absolvieren, um auf dem neuen Ausstellungsgelände seiner Heimatstadt zu arbeiten. Doch dann begann der Bürgerkrieg im Libanon.So bleibt er in Düsseldorf und kommt als Referent zur gerade entstandenen ?boot?, der kaum Chancen eingeräumt werden. Die Konkurrenten in Hamburg, Genua und Cannes sind seit Jahren etabliert und liegen optimal direkt am Wasser, nicht mitten im Binnenland wie die rheinische Metropole. Die ersten Veranstaltungen sind bescheiden. Nur 183 Aussteller kommen 1970 ? heute belegen 1 650 Aussteller alle 17 Hallen.Doch die Messegesellschaft und Adib lassen sich nicht entmutigen. ?Ich bin hartnäckig, wenn ich von einer Idee überzeugt bin?, behauptet er von sich ? und das bekommen auch seine engeren Mitarbeiter zu spüren, wenn er bei Projekten immer und immer wieder nachhakt. Er muss damals viele Klinken putzen. Das liegt ihm. ?Er hat eine große persönliche Überzeugungskraft?, bestätigt nicht nur Jürgen Tracht, Geschäftsführer des Bundesverbands Wassersportwirtschaft (BWVS) in Köln.Geschickt erweitert Adib das Angebot der ?boot? von Jahr zu Jahr. Er holt alle Verbände an Bord, die mit Wassersport zu tun haben, rückt die Messe in den Blickpunkt der Öffentlichkeit durch Partnerländer, die Prominenz wie Königin Silvia von Schweden oder Fürst Rainier von Monaco an den Rhein locken. Und er macht sich Freunde in der Branche, wenn er breite Kampagnen für den Wassersport als Freizeitbeschäftigung aus der Taufe hebt.Aber ihm gelingt nicht alles. So kann er einen Ableger der ?boot? in Kiel nicht halten. ?Der Markt musste Rücksicht auf die Messe Hamburg nehmen?, erklärt Adib den Fehlschlag. Jetzt setzt er auf die ?Beirut Boot?, die dieses Jahr zum vierten Mal stattfindet.Es gibt auch Kritik an der Düsseldorfer Schau. Irwin Jacobs, Chef des US-Bootsherstellers Genmar, findet, dass kostspielige Großstadtmessen keine ?ökonomisch sinnvollen Marketinginstrumente? mehr seien. Adib rutscht auf seinem Stuhl nach vorne und legt los. Boote müsse man besichtigen, da gehe es um hohe Investitionen, und nur die Messe biete diese Vielfalt. Er unterstreicht seine Worte, in dem er mit der Handkante auf den Tisch klopft.Ja, auf seine ?boot? lässt er nichts kommen. Da kümmere er sich auch um jedes Detail, verrät seine Sekretärin und fügt hinzu, er sei regelrecht ?pingelig?. So ist Adib auch in der kommenden Nacht wieder mit seinem braunen Lederheftchen unterwegs. Er durchkämmt Halle für Halle und notiert fein säuberlich alles, was ihn stört. Und er sorgt dafür, dass spätestens Samstagmorgen um zehn Uhr alles perfekt ist, wenn die ersten der erwarteten 300 000 Besucher aufs Gelände drängen.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.01.2004