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Der Kabel-Träger

Von C. Busse, K. Slodczyk, Handelsblatt
Wenn es um Fernsehen geht, bekommt Roland Steindorf leuchtende Augen. Sieben TV-Geräte hat er in seinem Haus im Münchener Nobelstadtteil Bogenhausen, erzählt er lachend. Da läuft morgens schon ein Nachrichtensender.
MÜNCHEN. Fernsehen ist Steindorfs Profession: Der Manager, groß gewachsen mit sportlicher Figur und grauem, streng gescheiteltem Haar, ist Chef der Kabel Deutschland GmbH (KDG). Die Firma versorgt fast zehn Millionen Haushalte mit Flimmerware. Und hat noch große Pläne für das deutsche Fernsehen. Steindorfs Mission: Das TV-Kabel, das Ex-Postminister Christian Schwarz-Schilling mit Milliardenaufwand vor mehr als 20 Jahren vergraben ließ, soll nicht zur Investitionsruine verkommen, sondern zum neuen Alleskönner für Digital-TV und Hochgeschwindigkeitsinternet werden.?Wir schaffen Vielfalt?, rühmt er sich und träumt von einem Kaufhaus für Fernsehprogramme, in dem sich jeder Zuschauer das Passende aussuchen kann. Mit der Digitalisierung könnten die Kunden 300 TV-Kanäle empfangen. Vorbild sind die USA: Dort wächst die Branche.

Die besten Jobs von allen

Diese Woche kommt die erste große Bewährungsprobe für Steindorfs Traum. Das Bundeskartellamt trifft eine Vorentscheidung darüber, ob KDG drei kleinere Wettbewerber übernehmen darf. Die Zahl der KDG-Kunden würde sich auf gut 17 Millionen fast verdoppeln. Aber auch das alte Monopol würde quasi wiederauferstehen: Schon bis 2000 war das Kabelnetz in der Hand der Deutschen Telekom, ehe der Konzern mit dem Verkauf begann ? weil die EU dies aus Wettbewerbsgründen forderte und das Unternehmen ohnehin Geld zum Schuldenabbau brauchte. Als wahrscheinlich gilt, dass das Kartellamt die Fusion nur unter Auflagen genehmigt.Steindorf, seit März 2003 KDG-Chef, hätte dann zwar eine wichtige Hürde genommen, aber er wäre noch lange nicht am Ziel. Er kämpft gleich an mehreren Fronten: Große TV-Sender wie RTL haben Angst vor mehr Konkurrenz. Sie wollen den knappen Werbemarkt nicht weiter aufteilen. Viele hundert kleine Netzbetreiber, die von KDG das TV-Signal empfangen und dann über den letzten Meter weiter in die Haushalte leiten, fürchten einen bundesweiten Kabelgiganten, der ihnen die Preise diktiert. Und die Verbraucher wollen nicht in neue digitale Set-Top-Boxen investieren, die Zahl der Kabelkunden ist rückläufig. Nur kleinere Programmanbieter stehen derzeit auf Steindorfs Seite.An der schwierigen Ausgangslage sind schon andere gescheitert, vor drei Jahren etwa US-Kabelkönig John Malone, den das Bundeskartellamt mit einem Veto stoppte.All das weiß Steindorf natürlich, aber er rückt von seinen hoch gesteckten Zielen nicht ab. Vielleicht auch deshalb bezeichnen manche den Sohn eines Polizeikommissars als ?arrogant und größenwahnsinnig?. Fingerspitzengefühl sei nicht seine Stärke, so der Manager einer kleineren Kabelfirma. Ehemalige Kollegen beim nordrhein-westfälischen Kabelbetreiber Ish, den Steindorf einst beriet, haben ihn aber auch anders erlebt: ?Steindorf ist sehr geschmeidig und aufgeräumt.?Eine Eigenschaft, die ihm bei seinem Job noch helfen kann. Offen räumt er ?externe Markthemmnisse? ein. Intern krempelt er die verstaubte KDG um. Kein leichtes Unterfangen: Ein großer Teil der mehr als 2 200 Mitarbeiter haben Beamtenverträge aus Telekom-Zeiten. Steindorf will die Strukturen aufbrechen. Wichtigster Schritt: 2003 ist die Zentrale von Bonn in den Münchener Medienvorort Unterföhring umgezogen. Gut gelaunt zeigt Steindorf Besuchern die große Terrasse im obersten Stock des Glasbaus. Aus den Fenstern seines geräumigen Büros ? übrigens ohne TV-Gerät ? kann er bei gutem Wetter die Berge sehen. Im Winter zieht es ihn dort oft zum Skifahren hin.Steindorf hat keinerlei Scheu vor Konflikten und verbreitet am liebsten Optimismus. Im Frühjahr erschreckte er seine Gesellschafter, die drei Finanzinvestoren Goldman Sachs Capital, Providence Equity und Apax, mit der Ankündigung, er plane für 2005 den Börsengang. ?Zu früh und zu riskant?, kritisierten die Kapitalgeber. Steindorf musste kleinlaut den Rückzug antreten.Dass nicht alle Träume in der Medienbranche immer in Erfüllung gehen, zeigt auch eine große, provisorisch zugeschüttete Baugrube gleich neben dem KDG-Sitz. Hier sollte einst eine glitzernde Konzernzentrale für Leo Kirch entstehen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.08.2004