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Der Junker und der Junge

Von Christoph Nesshöver
Hilmar Kopper als einer der letzten Granden der Deutschland AG und Dieter Zetsche als Künder einer neuen Ära. Die beiden so unterschiedlichen Männer trafen auf der Hauptversammlung von Daimler-Chrysler zusammen ? und hatten sich doch nichts zu sagen.
Zwei, die wenig gemeinsam haben: Zetsche und Kopper. Foto: dpa
BERLIN. Als der Aktionär Manfred Klein um kurz nach elf als Erster akustisch randaliert, tut er dem Vorsitzenden einen großen Gefallen. ?Das ist ein Verlangen, kein Wunsch!? brüllt Klein gen Podium. Hilmar Kopper blickt kurz über die Lesebrille, dann sagt er ruhig wie ein Löwe, der aus dem Mittagsschlaf erwacht: ?Dann müssen wir alle hier ein wenig länger sitzen.? Der Aktionär bekommt sein Recht: Die komplette Tagesordnung wird verlesen.Hilmar Kopper hat in seinem Leben über 60 Aufsichtsräten angehört ? 13 Dax-Konzerne waren darunter ? und Tausende Stunden in Hauptversammlung abgesessen. Er weiß, was nun kommt. Nach einer guten Minute rufen die ersten Aktionäre von Daimler-Chrysler im Berliner Kongresszentrum ICC genervt: ?Aufhören! Aufhören!?

Die besten Jobs von allen

Die Aktionäre ärgern sich übereinander ? nicht über ihn. Ein erster Sieg für Hilmar Kopper.Eine Stunde später spricht Lars Labryga vom Aufhören. Der Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) findet ebenso wie eine gefühlte Mehrheit der Aktionäre, Hilmar Kopper solle endlich aufhören. Den Chefsessel im Aufsichtsrat abgeben, den er seit 1990 besetzt.Koppers rotwangiges Gesicht lacht, denn Labryga spricht charmant und verschmitzt ? und er preist ihn sogar, natürlich mindestens halb im Scherz: ?Herr Kopper, Sie werden immer besser.? Das ist ein feiner Zug ? ein Lob zum Schluss. Für den 71-jährigen Kopper könnte es die letzte Hauptversammlung sein, der er vorsitzt. Das letzte Denkmal der Deutschland AG trotzt noch einmal den Attacken aus einem Saal voller Aktionäre, über 8 000 sind es heute.Zwar läuft Koppers Vertrag noch bis 2007. Aber dass er wie sein Vertrauter Jürgen Schrempp 2005 im Laufe des Jahres ausscheidet und an seinen designierten Nachfolger Manfred Bischoff übergibt, das liegt irgendwie in der klimatisierten Luft des Saales 1, ICC Berlin.Buhmann sollte sie sein, die letzte große Rolle Hilmar Koppers. Weil er Ex-Vorstandschef Jürgen Schrempp so lange stützte und im Amt blieb, als dieser ging, wollten sich die Aktionäre von Daimler-Chrysler auf ihn einschießen. Auch wenn Kritiker wie Labryga erstmals erreichen, dass über die Entlastung der Aufsichtsräte ? eine kleine Demütigung für Kopper ? einzeln abgestimmt wird: Die Show bleibt lange No-Show.Das verdankt Hilmar Kopper dem neuen Konzernchef Dieter Zetsche, der demütig und einfühlsam die Rolle des jugendlichen Helden über-nimmt. Wer will da noch den alten Schwiegervater prügeln?Als Kopper um kurz nach zehn ans Pult tritt, ist es mucksmäuschenstill. Als um halb elf Dieter Zetsche vortritt, empfängt ihn warmer Applaus. Der Mann mit dem drolligen Walrossbart steht für das Einläuten einer neuen Zeit bei Daimler.Kopper ist die alte Zeit. Als Banklehrling in Köln-Mülheim hat der Bauernsohn am 1. April 1954 seine Karriere begonnen. Er schafft es bis zum Chef der Deutschen Bank, zum Multiaufsichtsrat, zum einflussreichsten Strippenzieher in derjenigen deutschen Wirtschaft, die wegen ihrer Untereinanderverflechtungen Deutschland AG hieß. Kopper war der Aufsichtsratschef dieser AG.Sein letzter Chefposten ist der bei Daimler-Chrysler, ?an dem mein Herz hängt?, wie er einmal sagte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Selbst im Privatleben schienen die beiden Vertrauten Seite an Seite zu schreitenFür viele Aktionäre hing Koppers Herz weniger an Daimler-Chrysler als an seiner letzten Machtbastion, dem letzten 1a-Posten, der ihm blieb. Und an Jürgen Schrempp. Zwei Mal wurde der Vertrag des Daimler-Chefs auf Koppers Betreiben verlängert ? einmal sogar vorzeitig.Selbst im Privatleben schienen die beiden Vertrauten Seite an Seite zu schreiten. Schrempp löste seine erste Ehe und heiratete im Jahr 2000 seine langjährige Mitarbeiterin Lydia Deininger. Kopper ließ sich nach 38 Jahren Ehe 1999 scheiden und heiratete 2003 die Kanzlerwitwe Brigitte Seebacher-Brandt. Man lebt nun im grünen Westerwald, und wenn Zeit ist, erwandert der Westpreuße Kopper gerne die deutschen Lande.Als Kopper in seine Eröffnungsworte einen ?besonderen Dank? an Schrempp einflicht, gellen Pfiffe und Buhrufe. Zum ersten Mal blickt Kopper auf und seine Augen blitzen über die Lesebrille in den Saal: ?Ein bisschen Anstand? müsse schon sein, mahnt der Junker das Gesinde. ?Professor Schrempp hat sich um das Unternehmen verdient gemacht.? Rasch ist wieder Ruhe. Die Aktionäre sind des Meckerns müde. Und als es später laut wird, tut Kopper ohnehin seine Meinung über die Revoluzzer kund: ?Eine Hauptversammlung als Gericht zu missbrauchen ist in Deutschland üblich.?Der Ausgebuhte Ex-Chef sitzt in der ersten Reihe. Zur Überraschung vieler ist er samt Gattin Lydia angereist. Regungslos sitzt er da. Nach Zetsches Rede verlässt den Saal.Seine Rücktrittsankündigung im Juli 2005 jagte den Kurs um mehr als zehn Prozent in die Höhe. Damit machte der Vorstandschef seine Aktionäre um 3,4 Milliarden Euro reicher ? ?ein Drittel des Kursgewinns des gesamten Jahres?, wie Susan Levermann von der Fondsgesellschaft DWS, die Koppers Alma Mater Deutsche Bank gehört, stichelt.?Ich bin sicher, der Aktienkurs würde ebenfalls um ein paar Euro zulegen, wenn Sie auch zurücktreten?, sagt später Richard Mayer in Richtung Kopper. Der Großaktionär, der eingangs seine 78-jährige Mutter begrüßt, hat durchgesetzt, dass später über Sonderprüfungen der Verlustmarken Smart und Maybach abgestimmt wird. Mayer wird verlieren ? aber es geht ums Prinzip.Kopper demonstriert derweil, welch schwere Arbeit die des Aufsichtsratsvorsitzenden ist, er also jeden Euro der knapp 250 000 Euro Jahresentschädigung wert ist. Er blättert so emsig in seinen Unterlagen, als würde er den Geschäftsabschluss 2005 noch mal nachrechnen. Kritik perlt an seiner wuchtigen Stirn ab wie Frühlingsregen auf einer frisch gewachsten S-Klasse-Moterhaube.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ein wenig Grandezza muss dennoch seinStoisch-entrückt der eine, freundlich-engagiert der andere: Mit wenig Fakten, aber viel Charme sucht der neue Konzernlenker Zetsche das Wohlwollen der Aktionäre. Alles klingt weich, sogar das ?T? von Tradition. Keine Siegesmeldungen im Zackzackstil à la Schrempp, sondern ?anspruchsvolle, aber realistische Ziele? bietet er.Ein wenig Grandezza muss dennoch sein, schließlich haben Daimler und Benz einst das Automobil erfunden. Deshalb sagt Zetsche: ?Unser Anspruch ist es, Daimler-Chrysler wieder ganz nach vorne zu bringen.?Vorne, da sitzt Hilmar Kopper. Und da will er noch bis 2007 bleiben. Drum zieht er seinen Trumpf schon gegen halb drei: Er ist reingewaschsen. Ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Stuttgart, die ihn des Verstoßes gegen Insiderrichtlinien verdächtigte, wird eingestellt ? perfektes Timing. Der Ex-Vorstandssprecher der Deutschen Bank soll seinen Nachfolger Josef Ackermann, den er einst von der Credit Suisse zur Deutschen Bank lotste, vorab über den Führungswechsel bei Daimler-Chrysler unterrichtet haben. Hat er nicht, sagt der Staatsanwalt.So scheint das Scheinwerferlicht noch ein wenig wärmer auf den Aufsichtsratsvorsitzenden in seinem schwarzen Anzug. Hilmar Kopper blinzelt und spielt mit seine Brille. Der König darf weiterthronen. Vor ihm, in der ersten Reihe sitzt Manfred Bischoff. Die ganze Zeit. Den Thron immer im Auge.
Hilmar Kopper1935 wird er am 13. März im westpreußischen Oslanin geboren.1945 flieht die Familie nach Lübeck.1954 beginnt er nach dem Abitur eine Banklehre und geht dann als Trainee in die USA.1967 übernimmt er die Leverkusener Filiale der Deutschen Bank.1971 zieht er in den Vorstand der Deutschen Bank ein.1989 wird er nach der Ermordung seines Vorgängers Alfred Herrhausen Vorstandssprecher.1994 prägt er in der Affäre um den Baulöwen Jürgen Schneider den Begriff ?Peanuts?.1997 wechselt er in den Aufsichtsrat. Fünf Jahre später gibt er die Leitung des Gremiums ab.
Mitarbeit: Martin-Werner Buchenau, Carsten Herz
Dieser Artikel ist erschienen am 13.04.2006