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Der Japaner aus Tumlingen

Von Martin-W. Buchenau
Mit äußerster Akribie baut Klaus Fischer den gleichnamigen Dübelhersteller nach dem Toyota-Produktionssystem um ? und bereitet gleichsam seine Nachfolge vor. Er würde damit zum Paradebeispiel für einen vorbildlichen Generationswechsel.
Klaus Fischer. Foto: PR
STUTTGART. Klaus Fischer legt eine Folie nach der anderen auf. Er redet über Effizienz und Begeisterung seiner Mitarbeiter mit so einem Elan, dass man sich kaum vorstellen kann, dass sich der 56-Jährige schon jetzt intensiv mit seinem Rückzug beschäftigt. ?30 Jahre an der Spitze des Unternehmens sind genug?, sagt aber der Sohn von Artur Fischer, dem Erfinder von Spreizdübel, Fotoblitzen und Kinderspielzeug.Das wäre dann in drei Jahren im Jahr 2010. Fischer würde mit 60 Jahren gehen und damit zum Paradebeispiel für einen vorbildlichen Generationswechsel. Große Unternehmer in Baden-Württemberg wie Hans Peter Stihl, Reinhold Würth oder auch Berthold Leibinger taten sich mit der Nachfolge wesentlich schwerer ? und blieben bis über 70 im Amt.

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So weit will es Klaus Fischer nicht kommen lassen. Sein Nachfolger steht schon heute fest. Es wird Jörg, der Ältere von beiden Söhnen. Fischers schmale Augen leuchten, wenn er über den 1,0-Abiturienten mit Uni-Abschluss in Cambridge spricht. Seit Oktober 2005 ist der Filius im Unternehmen. Ihm gehört bereits ein Prozent der Unternehmensanteile. Den Rest hält der Vater. Jörg büffelt Japanisch und kümmert sich um den heißesten Markt des Unternehmens ? Asien. Mit 30 Jahren hat er in der Firma begonnen, just im gleichen Alter, als sein Vater 1980 das Regiment vom Firmengründer übernahm.Klaus Fischer liebt diese Parallelen. Dass er einen fähigen Nachfolger aus der Familie hat, macht ihn zutiefst glücklich. Er will den Jungen seinen eigenen Weg gehen lassen, hat er doch selbst erfahren, wie schwer das ist. ?Ich wollte nie in die Fußstapfen meines Vaters, ich war immer anders?, sagt Fischer.Dessen Einfallsreichtum war ohnehin nicht zu übertrumpfen. Aber der Sohn entwickelte andere Stärken. Er treibt die Internationalisierung voran, baut Werke in China und Tschechien auf, diversifiziert in die Bauchemie sowie die Automobilzulieferung und versechsfacht den Umsatz auf über eine halbe Milliarde Euro. Über 70 Prozent der Erlöse stammen inzwischen aus dem Ausland ? mit steigender Tendenz. Das Asiengeschäft ist im ersten Halbjahr um 50 Prozent gewachsen. ?Klaus Fischers Leistung als Vertreter der zweiten Generation ist enorm?, sagt der Hauptgesellschafter eines anderen großen Mittelständlers, der gerade auf einen familienfremden Manager zurückgreifen musste.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Was Klaus Fischer nach seinem Rücktritt vorhat Wenn Klaus Fischer schon nicht der geniale Erfinder war, so ist er beseelt von der permanenten Verbesserung seines Unternehmens. Wenn er über sein Lieblingsthema Verschwendung redet, kann er sich regelrecht ereifern. Mit scharfem Blick geht der Schwarzwälder durch die Werkshallen in Waldachtal-Tumlingen, wo sein Vater Fischer Dübel gründete. Hier kennt der Mann mit dem längeren grauen Haar jede Maschine. Sein Ordner ist gespickt mit Folien, wie im Hause gespart wird: Auf dem ?Spaghetti-Diagramm? werden die Laufwege der Beschäftigten aufgezeichnet. ?Allein durch eine neue Anordnung der Maschinen konnten wir die Wege deutlich verkürzen ? in einem Fall von 260 auf 40 Meter.?Seine Akribie geht so weit, dass er selbst im Büro in jeder Schublade die Umrisse aufzeichnet, wo Schere, Marker und Kugelschreiber zu liegen haben. Und Mitarbeiter schickt er zu Benimmkursen. Mit Bevormundung habe das nichts zu tun. ?Der Mitarbeiter ist das Wichtigste für den Erfolg des Unternehmens?, sagt Fischer. Und bei den Mitarbeitern ist die Bindung zum Familienunternehmen offensichtlich groß. Zum Pensionärstreffen reist ein Ehemaliger extra aus Kassel mit dem Wohnmobil an und schaut mal bei Klaus Fischer rein.Der Chef mit Firmenlogo im Knopfloch ist besonders stolz, dass sein Credo fruchtet. Viele Verbesserungsvorschläge kämen von den Beschäftigten selbst. Fast zehn Patente pro 1 000 Mitarbeiter jährlich meldet das Unternehmen an, der Industriedurchschnitt liegt bei 0,6.?Als mein Vater das Unternehmen aufbaute, war allein die Innovation entscheidend. Heute müssen im weltweiten Wettbewerb vor allem die Prozesse stimmen, um sich durchzusetzen?, sagt Fischer. Nur so seien die Arbeitsplätze noch in Deutschland zu halten. Geprägt hat ihn das Vorbild Japan. Das Buch ?Das Toyota-Produktionssystem? von Taiichi Ohno kennt er in- und auswendig.Sein Schlüsselerlebnis ist die Unternehmenskrise zu Beginn des Jahrzehnts, als Fischer über 170 Leute entlassen muss. ?Wir fahren in eine Schlucht rein ? wenn es uns nicht gelingt umzudrehen, bekommen wir ein großes Problem?, sagt er damals den Beschäftigten. Ab da ist der Weg frei für Veränderungen. Er installiert japanische Organisationsmethoden. Im Kern werden alle Prozesse vereinfacht, um die Qualität zu steigern.Herausgekommen ist die schwäbische Variante des Kaizen, das ?FPS Fischer Produktions-System?, dass er inzwischen an andere Firmen weitergibt. ?Hätten wir das schon damals beherrscht, hätten wir die Leute vielleicht gar nicht entlassen müssen.? So etwas soll in Waldachtal nie wieder passieren ? wie der Streit ums Erbe. Seit Jahren wehrt sich Fischer gegen Nachforderungen seiner Schwester, die ausgezahlt wurde und keine Anteile mehr am Unternehmen hält. Bislang hat er alle Prozesse gewonnen. Mit seinem zweiten Sohn Frank, der nicht ins Unternehmen will, werde es eine ?vernünftige Lösung? geben.Wenn Klaus Fischer den Chefposten an Sohn Jörg abgibt, will sich der passionierte Jäger nicht ganz aufs Altenteil zurückziehen. ?Ich würde mir die Zeit nehmen und Handwerker stundenlang bei ihrer Arbeit beobachten.? Er würde bestimmt vieles finden, das man verbessern kann. Nur seinem Sohn will er dann nicht mehr reinreden.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.07.2007