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Der Jack Welch aus den Alpen

Von Oliver Stock
Mit der Übernahme von Saurer kommt Oerlikon-Chef Thomas Limberger seinem großen Vorbild einen kleinen Schritt näher. Demnächst dürfte Limberger an der Spitze eines der größeren Schweizer Industriekonzerne stehen.
Thomas Limberger, Chef von Oerlikon. Foto: PR
ZÜRICH. Der Respekt steigt vor dem drahtigen, kleinen Mann mit der hohen Stirn und dem schnellen Mundwerk, der keine Woche verstreichen lässt, ohne etwas anzukündigen. Nachdem in der Nacht zum Dienstag der Verwaltungsrat des Textilmaschinenherstellers Saurer ein Übernahmeangebot des Oerlikon-Konzerns gutgeheißen hat, dürfte Oerlikon-Chef Thomas Limberger noch in diesem Jahr an der Spitze eines der größeren Schweizer Industriekonzerne stehen.Er ist damit wieder eine Stufe näher an sein großes Vorbild gerückt. Das heißt Jack Welch, war einst Chef von General Electric, ?einem Unternehmen, das mich schon während des Studiums fasziniert hat?, sagt Limberger.

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Gut, der Weg von einem 18 000 Mitarbeiter großen Industriekonzern, wie ihn Oerlikon und Saurer auf die Waage bringen, zu einem Schwergewicht nach dem Muster von General Electric ist noch weit. Aber wenn Limberger in dem Tempo weiterwirbelt, schafft er es noch ? mit 39 Jahren bleibt ihm schließlich noch ein bisschen Zeit.Zeit. Zeit ist relativ.Für Limberger, den Porschefahrer, bedeutet das ganz objektiv gesehen, dass er relativ viel in einem relativ schmalen Zeitbudget erledigen will. Eigentlich ist er einer, der ankommen will, bevor er losgefahren ist, und nur sein Verstand, den er selbst als ?außerordentlich analytisch? beschreibt, sagt ihm, dass das nicht geht.Bei den Eidgenossen, wo Tempo 120 auf der Autobahn und eigentlich auch im Leben gilt, kommt so etwas nicht immer glänzend an. Einer von ihnen, der den Berchtesgadener Internatszögling Limberger kurz nach seinem Amtsantritt im Sommer des vergangenen Jahres erlebt hat, raunte hinterher die Worte von Erich Kästner zu seinem Nebenmann: ?Ein Renommist, das ist ein Mann, der viel verspricht und wenig kann.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Limbergers Traumarbeitgeber war General Electric Ganz subjektiv gesehen, sagt Limberger und verzieht den schmalen Mund zu einem flüchtigen Lächeln, ?sieht das Tempo nur von außen vielleicht rasant aus?. Tatsächlich habe er bisher bei Oerlikon nichts weiter als einen systematischen Prozess in Gang gebracht.So wie schon damals, als er zu seinem Traumarbeitgeber General Electric stieß und dort Deutschland-Chef wurde, indem er einen Plan entwarf, wie sich die 190 Unternehmensbereiche auf elf reduzieren ließen. Die Amerikaner gaben ihm eine Chance. ?Ich war das Versuchskaninchen?, sagt Limberger.Sein Spiel ging auf. Für die Chance, machen zu können, liebt er die Amerikaner noch heute: ?In einem deutschen Konzern wäre ich länger in der Suppe geschwommen.?Bei der Schweizer Oerlikon war das Spiel nicht so einfach zu gewinnen, zumal dem Schnelldenker aus Deutschland, der nichts mehr verabscheut als ?Diskussionen in epischer Breite?, nicht unbedingt eine Welle der Sympathie entgegenschwappte. Vielmehr sahen die Eidgenossen ihn an der Spitze jenes Konzerns, der einst mit seiner Waffenschmiede Oerlikon zu den Vorzeigeunternehmen der wehrhaften Schweizer gehört hatte. Nun sahen viele den Konzern nur noch als verlängerten Arm schnöder Investoren aus Österreich, die sich das Unternehmen unter den Nagel gerissen und dabei eine alteingesessene Unternehmerfamilie über den Tisch gezogen hatten.Da half auch alles Lob nicht viel: ?Er ist ein Kenner der Technologiebranche und Innovationsszene?, sagte beispielsweise Mirko Kovats über Limberger, jener umtriebige österreichische Geschäftsmann, der zu dieser Zeit bei Oerlikon das Sagen hatte.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Nicht alles gelingt ihmLimberger ließ sich nicht beirren. Er forderte die Spartenleiter auf, nicht mehr nur ein Mal im Vierteljahr, sondern ein Mal in der Woche ihre Ergebnisse zu präsentieren. Er verlangte Wochenendarbeit dort, wo die Lage besonders heikel war, und trennte sich von denen, die da nicht mitzogen. Er stoppte den Geldabfluss und leitete den Verkauf der Unternehmensteile ein, die ihm entbehrlich erschienen. ?Wir haben unser eigenes Haus geregelt?, sagt er heute.Nebenbei sorgte er dafür, dass Oerlikon seinen alten Namen wiederbekam. Unaxis hatte es geheißen, als Limberger gekommen war. ?Ein statistischer Ausreißer?, sagt der Unternehmenschef mit Blick auf die 100-jährige Geschichte des Industriekonzerns. Nicht alles gelingt ihm: Die Halbleitersparte, die eigentlich verkauft werden sollte, gehört immer noch zur Oerlikon. Egal.Schließlich startet Limberger, gerade ein Jahr im Amt, einen der größten Übernahmeversuche der Oerlikon-Geschichte: Er bietet für Saurer. Dabei setzt er das ein, was er hat ? Bubencharme und Hartnäckigkeit. Mit Charme spricht er von einer ?absolut freundlichen Übernahme?. Aber: ?Es handelt sich um eine Übernahme und nicht um eine Fusion unter Gleichen.?Bei allem Führungstalent kann Limberger allerdings nicht allein agieren. Da kommt es ihm gelegen, dass mit Georg Stumpf ein Österreicher neuerdings an der Spitze des Verwaltungsrats steht, der ebenfalls nur eine Richtung kennt: nach vorne und das möglichst schnell.Ein Mal in der Woche trifft sich Limberger mit dem noch fünf Jahre jüngeren Stumpf, der es bereits zu einem Airbus 319 als eigenem Dienstflugzeug gebracht hat. Die beiden könnten Zwillingsbrüder sein. Worte wie ?Träume? oder ?Visionen? kommen ihnen nicht über die Lippen. Es geht um Zahlen und die Geschwindigkeit, mit der sie sich erreichen lassen. Es geht ums Geld, von dem Stumpf genügend hat und noch mehr besorgen kann. Den Milliardendeal zur Saurer-Übernahme finanziert zum Teil die deutsche Hypo-Vereinsbank, zu der die Mannschaft von Oerlikon einen engen Draht pflegt.Wer Limberger dennoch nach seiner Vision von einem aus Oerlikon und Saurer fusionierten Unternehmen fragt, kehrt wieder zu den Ursprüngen zurück: ?Die Messlatte?, sagt Limberger, und es klingt nur fast schwärmerisch, ?ist General Electric? ? ein Unternehmen, das so breit aufgestellt sei, dass es stets den Aufs und Abs der Märkte trotzen könne.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.10.2006