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Der Irrweg zum ordentlichen Professor

Georg Turner
Das neue Hochschulrahmengesetz will den akademischen Nachwuchs fördern - mit absehbaren fatalen Folgen. Ein Gastkommentar von George Turner, ehemaliger Präsident der Hochschulrektorenkonferenz.
Der Bundestag und der Bundesrat haben zum Jahresbeginn ein neues Dienstrecht für die Hochschulen beschlossen. Mit einer Änderung des Hochschulrahmengesetzes soll ab dem 1. Januar die sogenannte Junior-Professur Regelvoraussetzung für die Professorenlaufbahn werden. Die Habilitation soll - nach einer Übergangsfrist von zehn Jahren - bei Berufungen keine Rolle mehr spielen. Mit der Änderung wird früheres eigenständiges Forschen und Lehren der Nachwuchswissenschaftler angestrebt. Die Absicht ist löblich, der Weg jedoch ein völlig falscher.

Schon gegen die Konstruktion der Juniorprofessur lassen sich erhebliche Bedenken geltend machen. Es besteht nämlich die Gefahr, daß alle Fehler wiederholt werden, die in den siebziger Jahren bei der Installierung der Assistenz-Professuren gemacht wurden

Die besten Jobs von allen


Die gleichen Fehler wie in den 70ern

Auch damals ging es den Befürwortern darum, dem wissenschaftlichen Nachwuchs an den Hochschulen die Chance zu geben, früher eigenverantwortlich zu arbeiten. Dieses sollte mit dem Risiko verbunden werden, nach Auslaufen der in der Regel auf acht Jahre befristeten Position aus der Universität ausscheiden zu müssen. Es trat das ein, was Kritiker von Anfang an befürchtet hatten: nur eine kleine Zahl von Assistenz-Professoren wurde auf reguläre Dauerstellen berufen.

Die übrigen übten einen erheblichen politischen Druck aus, so daß nicht zuletzt aus sozialen Gründen (viele waren 40 Jahre und älter und für eine Familie verantwortlich) ein Verbleiben in den Hochschulen durch Umwandlung der Zeit- in Dauerstellen erzwungen wurde.

Verkrustung des Lehrkörpers wird zunehmen

Nicht anders wird es mit den Junior-Profesuren geschehen, vor allem, wenn man nicht einen entscheidenden Fehler vermeidet. Dieser würde dann begangen, wenn die Junior-Professuren vornehmlich mit Kandidaten aus der eigenen Hochschule besetzt würden. Dann wird dieselbe Automatik eintreten wie unter anderer Bezeichnung in den achtziger und neunziger Jahren, mit dem einzigen Unterschied, daß die Betroffenen nicht bereits 40 alt sind, sondern Mitte 30.

Die oft beklagte Verkrustung des Lehrkörpers wird zunehmen, weil der eigene Nachwuchs versorgt werden muß und Berufungen von Dritten, die von außen kommen, immer mehr zur Ausnahme werden wird. Die viel beschworene Mobilität, von Internationalität ganz zu schweigen, wird auf der Strecke bleiben. Steht hinter dem Vorhaben, die Junior-Professur einzuführen, immerhin eine anzuerkennende Absicht, so muß der Versuch, die Habilitation mit abzuschaffen, indem sie nicht mehr Regelvoraussetzung für Berufungen ist, als überzogen bezeichnet werden

Schon jetzt gibt es Fächer, in denen nicht der förmliche Abschluß eines Habilitationsverfahrens Voraussetzung für eine Berufung ist. Das gilt in erster Linie für die Ingenieurwissenschaften und für künstlerische Berufe; es kommt ausnahmsweise aber auch in anderen Bereichen vor. Gefordert werden dann statt der Habilitation Leistungen, die vergleichbar sind

Es ist durchaus sinnvoll, solche (Ausnahme-) Regelungen in größerem Maße als bisher anzuwenden. Es ist auch erforderlich, die einzelnen Abschnitte der Qualifikation vom Studium über die Promotion und die Habilitation selbst zu straffen, um den Abschluß in einem Lebensalter zu erreichen, das deutlich unter den bisherigen Durchschnittswerten (41 - 42 Jahre) liegt

Das Kind mit dem Bade ausschütten

Um dies zu verwirklichen, muß man aber nicht "das Kind mit dem Bade ausschütten". Die Habilitation hat nicht nur eine lange Tradition, sondern stellt auch ohne Zweifel einen Qualitätsbeweis dar. Ernsthaft wird wohl niemand behaupten, daß es eines solchen Beweises nach der Promotion und bei der Berufung nicht bedarf.

Warum also soll ein etabliertes Verfahren aufgegeben werden, das weithin anerkannt ist? Wenn demgegenüber eingewandt wird, die Prozedur nähme zu viel Zeit in Anspruch, dann ist über die Verbesserung innerhalb des Systems zu reden, nicht aber über die Abschaffung desselben.

Verbot der Habilitation aus ideologischen Gründen

So kann die Absicht, ein "Verbot der Habilitation" zu erreichen, als ideologisch gefärbt angesehen werden, ebenso wie es das "Verbot von Studiengebühren" ist. Mit der Habilitation verbinden manche die Vorstellung von dem unterdrückten, abhängigen Wissenschaftsknecht, der sich nicht frei entfalten kann und auf Gedeih und Verderb von dem allmächtigen Ordinarius abhängig ist.

Gewiß gab es in der Vergangenheit und gigt es auch heute noch immer wieder solche und ähnliche Fälle. Sie blieben aber stets nur die Ausnahme. Wenn dies womöglich heute noch festzustellen ist, muß das nach der sogenannten Demokratisierung der Hochschulen und nach der Einführung der Mitwirkung aller Gruppen und größtmöglicher Transparenz an den Hochschulen überraschen.

Vor allem verblüfft eines: die heutigen Professoren sind ganz überwiegend bereits Produkte der seit 1970 ständig reformierten Universität. Die hochschulpolitischen Forderungen, vor rund dreißig Jahren erhoben, sollten tatsächliche oder vermeintliche Mißstände beseitigen

Wenn diejenigen, die seinerzeit die Reform betrieben haben und die Nachfolgenden womöglich manche Verhaltensweisen übernommen haben, die man der sogenannten Ordinarien-Universität nachgesagt hat, ist dies auch wieder nur die Ausnahme. Deshalb aber ein System zu kippen, das in den meisten Fächern seine Berechtigung hat, vermag nicht zu überzeugen.

Reform der Reform wird nicht ausbleiben

Und glaubt denn jemand im Ersnt daran, daß es unter den angestrebten Bedingungen der Junior-Professur als genereller Zugangsvoraussetzung zur Professorenlaufbahn keinen Mißbrauch und keine Willkür von Entscheidungsträgern geben wird? Es kommt darauf an, solche Erscheinungen zu bekämpfen. Dafür sind Transparenz und der Verzicht auf falsche Kollegialität unter anderem ein geeignetes Mittel.

Die Habilitation wird bei all dem aber als wissenschaftliche Popanz aufgebaut, damit die Beseitigung anschließend als politischer Erfolg verkündet werden kann. Wenn die Bundesbildungsministerin das Vorhaben "die größte Reform seit den sechziger Jahren" nennt, mag sie gewiss Recht haben. Jene Reformen von damals aber haben sich in den meisten Fällen als kurzatmig und fehlerhaft erwiesen. Sie mußten nach mehr oder weniger kurzer Zeit erneut reformiert werden. In diese Reihe paßt damit das neueste Produkt aus dem Haus der Bundesbildungsministerin

Der Verfasser war Universitätspräsident in Hohenheim, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz und Senator für Wissenschaft und Forschung.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.01.2002