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Der Illuminator

Von Oliver Stock
Fast wäre beim weltgrößten Leuchtenhersteller Zumtobel das Licht ausgegangen. Aber Jürg Zumtobel hat das Familienunternehmen gerettet ? mit einem Finanzinvestor. Das Unternehmen aus dem österreichischen Dornbirn ein paar Kilometer vom Bodensee entfernt, ist seit dieser Woche an der Spitze des österreichischen Leitindex ATX, was der Aktie einen lang ersehnten Schub nach oben brachte.
DORNBIRN. Konzentrieren wir uns aufs Licht: Es ist hell, aber nicht gleißend. Im Laufe des Gesprächs nimmt es an Intensität zu. Säßen wir bis heute Abend hier, würde es wieder dunkler und sich wie ein Weichzeichner über das schmale Gesicht und die hohe Stirn von Jürg Zumtobel legen.Kunstlicht, das den Tagesverlauf simuliert, ist eine Spezialität aus dem Hause Zumtobel. Das Unternehmen aus dem österreichischen Dornbirn ein paar Kilometer vom Bodensee entfernt, ist weltweit die Nummer eins in Sachen Beleuchtungstechnik und seit dieser Woche auch im österreichischen Leitindex ATX, was der Aktie am Mittwoch einen lang ersehnten Schub nach oben brachte.

Die besten Jobs von allen

Der freundliche Herr Zumtobel ist die Nummer eins im Aufsichtsrat, und nur seinem verbindlichen Lächeln zu vertrauen hieße, ihn zu unterschätzen. Der 70-Jährige hat gemeinsam mit seinem Bruder das ehemalige Familienunternehmen durch dick und dünn gebracht. Er stand am Dimmer und hat stets versucht, die Firma im besten Licht erstrahlen zu lassen.Als er es allein nicht mehr schaffte, hat er nicht den Ausknopf gedrückt, sondern sich einen Finanzinvestor, den andere als Heuschrecke betiteln würden, und einen fremden Manager ins Haus geholt. Der eine ist ausgestiegen, mit dem anderen führt Zumtobel nun den Börsenneuling durchs derzeit unruhige Fahrwasser der Märkte. ?Ich habe mich mein Leben lang daran gewöhnen können, nicht allein das Sagen zu haben?, stellt Zumtobel fest. Ungewöhnlich für einen Patron. Und ungewöhnlich für viele Familienunternehmer, bei denen Finanzinvestoren häufig für reichlich Konfliktstoff sorgen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Einer Umsatzverdreifachung folgte der GauDer Vater, ein Vollbluttechniker, gründet Zumtobel 1950 und wandelt später das prosperierende ?Elektrogeräte- und Kunstharzpresswerk? in eine Kapitalgesellschaft um. Der Sohn studiert derweilen in den USA die Branche und sieht, dass dort kleine Leuchtenanbieter so lange kleiner werden, bis sie verschwinden, während Große wachsen und wachsen. Seine Erkenntnis: ?Wir waren zu groß für eine Nische und zu klein fürs internationale Geschäft.?Mit seinem Bruder geht Jürg Zumtobel auf Einkaufstour. In den neunziger Jahren verdreifachen sie den Umsatz. Dann kommt der Gau. Auf dem Höhepunkt des Börsenbooms kauft Zumtobel im Jahr 2000 die um einiges größere britische Leuchtengruppe Thorn ? ?viel zu teuer?, wie er heute feststellt.Der ruhige Herr lässt seine schlanken Hände noch immer wild gestikulieren, wenn er von dieser Zeit erzählt, als um ein Haar das Licht in Dornbirn ausgegangen wäre. Der ein oder andere Berater habe damals einen ?saumäßigen Job? gemacht. ?Tempi passati?, seufzt Zumtobel.Auf der Suche nach Geldgebern stößt Zumtobel auf die US-Finanzinvestorengruppe Kohlberg Kravis Roberts. Die fackelt nicht lange. Sie übernimmt knapp die Hälfte der Anteile des Leuchtenherstellers und besetzt einige Zimmer in der Führungsetage in Dornbirn. Die mehr als 8 000 Mitarbeiter ziehen die Köpfe ein und wittern Heuschrecken.Zumtobel aber schüttelt den Kopf. ?Wir haben alle Entscheidungen gemeinsam gefällt. Und ich habe dazugelernt: Wie man Kapital besser nutzt, Kosten senkt, Innovationen vorantreibt.? Zum Kostensenken gehört, dass das Unternehmen heute 1 200 Beschäftigte weniger hat. Ein Werk in Deutschland schließt gerade endgültig. Dafür macht in Rumänien ein neues auf. Ihr Instinkt hat die Mitarbeiter also nicht getrogen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zumtobel wurde nicht zerlegtPatron Zumtobel spricht von dieser dunklen Phase mit dem Selbstbewusstsein desjenigen, der am Ende gewonnen hat. Immerhin: Die Firma Zumtobel wird nicht zerlegt und in Filetstücken auf den Markt gebracht. Sie wandelt nur ein paar Jahre im Schatten und ist daraus erst jetzt, da der Konzerngewinn wieder steigt, hervorgekrochen ? und im Rampenlicht gelandet: Im Mai ging Zumtobel an die Wiener Börse. Der Einstieg glückte gerade noch, einen Tag später strauchelten die Kurse an den Börsen. Zumtobels Aktie zählte bis vor kurzem nicht zu den Glanzlichtern.An dieser Stelle der jüngeren Unternehmensgeschichte überlässt Jürg Zumtobel das Reden einem anderen. Andreas Ludwig ist Chef in Dornbirn. Der Wiener, der neben seinem Präsidenten wie ein Boxer neben einem Florettfechter aussieht, kommt vom Kitsch-Imperium Swarovski und ist sozusagen eine Hinterlassenschaft der Amerikaner, die ihn 2003 als Sanierer holten. ?Ich habe in den vergangenen Wochen gelernt, dass der Kurs Mechanismen gehorcht, die kurzfristig nichts mit dem Unternehmen zu tun haben?, sagt Ludwig und gibt die Devise aus: ?Sich nicht verrückt machen zu lassen.?Ludwig und nicht Zumtobel ist der Mann, der nun das operative Geschäft führt und Fragen der Investoren aushalten muss, die einen höheren Aktienkurs lieber sähen und beispielsweise das Thema Zukäufe ansprechen. Dreieinhalb Monate nach dem Börsengang reagiere er darauf ?sehr entspannt?, sagt Ludwig. Er weiß allerdings, dass aus der Entspannung in Lichtgeschwindigkeit Anspannung wird, wenn er auch nächstes Jahr um diese Zeit nichts Neues vorzuweisen hat.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Glanzpunkte statt RampenlichtSo etwas kann auch dem Präsidenten nicht egal sein. Auf die Frage danach, wofür sie künftig bei Zumtobel das Geld der Aktionäre ausgegeben wollen, antwortet deswegen der Patron. Er rückt neue Projekte ins richtige Licht. Etwa die Zusammenarbeit mit Porsche, mit denen die Österreicher zum ersten Mal Lampen für den Privatgebrauch entwickeln werden. Im Übrigen allerdings, versichert Jürg Zumtobel, und bei der Zimmerbeleuchtung ist gerade nicht zu erkennen, ob Ludwig bei der Bemerkung ein Lächeln übers Gesicht huscht, mische er sich nicht ins operative Geschäft ein.Statt des Rampenlichts sucht der Patron mit dem Hang zum Schönen Glanzpunkte. Er, der sich in den Museen New Yorks und Frankfurts mindestens so zu Hause fühlt wie in Dornbirn, findet und setzt sie, in dem er Lichtskulpturen bekannter Künstler in den Werkshallen installieren lässt. In der Dornbirner Produktion zum Beispiel werden Lichtröhren hergestellt ? unter einer bunt leuchtenden Farbwand. Die Mitarbeiter wissen, dass sie das Kunstwerk ihrem Präsidenten zu verdanken haben. Ob sie etwas damit anfangen können? Egal. ?Jürg Zumtobel wird wegen seiner Kompetenz und Voraussicht von den meisten Mitarbeitern nach wie vor als Galionsfigur gesehen?, sagt Hubert Buyle. Er weiß es, denn er ist Betriebsratschef und seit 40 Jahren bei Zumtobel.?Für uns geht es darum, durch Licht bleibende Eindrücke zu hinterlassen?, sagt Zumtobel selbst, steht auf und verabschiedet sich. Das Licht lässt er an.


Jürg Zumtobel1936: Jürg Zumtobel wird im Schweizerischen Frauenfeld geboren. Wie der Vater will er Techniker werden und studiert Hochfrequenztechnik in München.1961: Er tritt in das Familienunternehmen ein, wo er zwei Jahre später bereits verschiedene Aufbautätigkeiten und später Leitungsfunktionen übernimmt. Er heiratet und beginnt, sich für die Kunstszene zu interessieren.1991: Er wird Vorstandsvorsitzender der Zumtobel AG mit ihren mehr als 8 000 Mitarbeitern. Unter seiner Ägide verdreifacht sich in den nächsten zehn Jahren der Umsatz.2003: Er tritt nicht zuletzt auf Druck einer Finanzinvestoren-Gruppe von diesem Amt zurück und wechselt an die Spitze des Aufsichtsrats.
Dieser Artikel ist erschienen am 21.09.2006