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Der Herr Generaldirektor

Von Oliver Stock
Günter Geyer, Generaldirektor des Versicherers Wiener Städtische, will im Januar ein Aktienpaket an die Börse bringen. Das Unternehmen verspricht sich davon 700 Millionen Euro Einnahmen. Geyer rechnet außerdem damit, dass die Börse nächsten Monat die Aktie des Konzerns in den Wiener Leitindex ATX aufnimmt.
WIEN. Gedeckt ist hier, im 20. Stock des grauen Gebäudes am Wiener Ringturm, immer für ein Dutzend Personen. Roter Wein aus dem Burgenland oder aus Ungarn lagert nebenan. Die Küche liefert österreichische Mehlspeisen und anderes. Und der Bedarf steigt. ?Wichtige Entscheidungen?, sagt Günter Geyer, ?treffen wir hier am besten beim Essen.? Der 62-Jährige ist Chef oder ? wie es in Österreich klangvoller heißt ? Generaldirektor der Wiener Städtischen.Der Versicherer mit dem bescheidenen Namen ist mit elf Millionen Kunden in Osteuropa die Nummer zwei und ? je nach Land ? dem Branchenführer Allianz mal mehr, mal weniger dicht auf den Fersen. Im Januar will Geyer unter Führung seiner Partner von der Ersten Bank und von Goldman Sachs ein weiteres Aktienpaket an die Börse bringen. Er verspricht sich davon 700 Millionen Euro Einnahmen ? Geld, das er wieder im Osten ausgeben will. Dann werden sich 30 Prozent der Aktien in Streubesitz befinden.

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Entscheidungen zu treffen gibt es also zuhauf. Entsprechend gut besucht ist der holzgetäfelte Saal in der 20. Etage. Es ist später Nachmittag und damit wirklich nicht die Zeit für opulente Menüs. Draußen ist es schwül, und der Generaldirektor hat sein dunkles Jackett abgelegt.Bei Gebäck und einer Melange redet Geyer über die Zukunft. Er rechnet damit, dass sich die Börse im nächsten Monat dazu entscheiden wird, die Aktie der Wiener Städtischen, die bislang mehrheitlich einer Stiftung gehört, in den Wiener Leitindex ATX aufzunehmen.Der Mann, der so harmlos durch jene große Brille schaut, die garantiert noch aus dem letzten Jahrtausend stammt, beschreibt damit eine der größten Börsenoperationen Europas in diesen Monaten. Dabei spielt er nicht die Rolle des Dynamikers, der auf Road-Shows seine Story loswerden muss. ?Das liegt ihm nicht. Das können wir mit ihm nicht machen?, sagt einer, der den Generaldirektor berät.Werte, die zu dem behäbigen Mann mit dem schütteren Haar passen, der sich fast nie in jenen Runden sehen lässt, die in Wien die ?Seitenblicke-Gesellschaft? genannt werden, müssen anders lauten: Beständigkeit vielleicht. Bescheidenheit, auch Beharrlichkeit.Eine Episode erzählt Geyer immer gern. Sie hat ihn geprägt, und der Mann, den seine Konkurrenten in deutschen und österreichischen Vorstandsetagen gern unterschätzen, ist der Meinung, dass sie ihn besonders gut charakterisiert.Die Geschichte stammt aus der Zeit des ?wilden Ostens?. Geyer, damals noch die Nummer zwei bei der Wiener Städtischen und für Osteuropa zuständig, berichtet von der Konkurrenz: ?Alle waren nur auf Mehrheiten aus.? Er sei beinahe verspottet worden, als er sich beim tschechischen Marktführer Kooperativa mit 13 Prozent der Anteile zufrieden gab. Heute besitzen die Wiener sowohl an der Kooperativa in Prag als auch an jener im slowakischen Bratislava annähernd 100 Prozent.Ein Mann wie Geyer kommt nicht, sieht nicht, siegt nicht. ?Geduld zeigen, Vertrauen schaffen, vor Ort sein?, heißt seine Strategie, der er nur einmal im Oktober 2001 nicht gefolgt ist und dennoch einen großen Coup landete: Die Regierung in Prag hatte endlich die Liberalisierung der Autohaftpflicht umgesetzt. Ein wachsender Markt öffnete sich vor der Haustür der Wiener. Geyer war klar: ?Wer zuerst kommt, macht das Geschäft.? Also schickte er seine Leute los. Innerhalb von drei Monaten verkauften sie 1,1 Millionen Autoversicherungen. ?Ich habe meinen Mitarbeitern Heiligabend freigegeben. Von 18 bis 22 Uhr?, sagt Geyer.Ein Heuschrecken-Überfall? Geyer schüttelt den Kopf. ?Wir sind Partner, nicht Heuschrecken, weil wir die in den Reformländern erzielten Gewinne wieder in den jeweiligen Ländern investieren.?Lesen Sie weiter auf Seite 2Härte sei eine seiner Eigenschaften, die man Geyer nicht ansehe, sagt ein Mitarbeiter. Geyer hat sie gebraucht, um mit 58 nochmal anzusetzen und den Sprung an die Spitze des Versicherers zu wagen. Lange hatte er im Schatten des in Österreich populären Siegfried Sellitsch gestanden, dem er einst im Studentenwohnheim begegnete und der ihn 1974 zur Wiener Städtischen holte.Die Arbeitsteilung war einfach: Sellitsch genoss die Triumphe, Geyer machte die Arbeit. Dann aber erwies sich eine Entscheidung der Nummer eins als verhängnisvoll: Die Wiener Städtische hatte sich eng mit der Bank Austria Credit-Anstalt verbündet. Als die bayerische Hypo-Vereinsbank die Bank Austria übernahm, musste der Versicherer ohnmächtig mitansehen, wie der Wert der Aktien, auf denen er saß, in den Keller rauschte. 360 Millionen Euro Abschreibung lautete das Ergebnis. Sellitsch ging, Geyer rückte auf. ?Er hat sich freigeschwommen?, sagt ein Berater und meint das auch politisch: Unter Sellitsch war die Wiener Städtische so rot wie ihr geblümtes Logo. Die Stadtregierung betrachtete sie als eine Art verlängerte Werkbank. Sozialdemokrat Geyer zieht heute eine Trennlinie: Die Stadt sei ein guter Kunde. So werde sie behandelt. Nicht besser, nicht schlechter.Derzeit weilen Herr und Frau Generaldirektor übrigens im Urlaub und reisen wie immer im Auto durch die Gefilde der alten Habsburger Monarchie. Geyer hat es sich zum Hobby gemacht, dabei die eigenen Filialen zu besuchen. Seine Art von Road-Show sieht so aus: Ein untersetzter Mann betritt eine Geschäftsstelle und lässt sich informieren. Manchmal kauft er sogar eine Police. ?Ich habe inzwischen ziemlich viele Versicherungen?, sagt Geyer. Wenn die Beratung nicht stimmt, hinterlässt er eine Visitenkarte ? und einen nachhaltigen Eindruck.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.08.2005