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Der Herr der Stifte

Von Markus Fasse
Eine Tasse Tee auf dem Tisch, einen knarzenden Parkettboden unter sich, doziert der 64-Jährige über das Kunststück, wie man im Zeitalter des Computers den Menschen edle Schreibgeräte verkauft ? made in Germany. Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell verdient im Zeitalter des Computers mit Bleistiften und edlen Füllfederhaltern gutes Geld. Sein Unternehmen ist der größte und älteste Bleistiftproduzent der Welt.
STEIN. Er hat sich lange gewehrt. ?Ich kann mir für mein Leben etwas Interessanteres vorstellen, als eine Bleistiftfabrik in Nürnberg zu leiten?, gibt der junge Graf in einem Schulaufsatz trotzig zu Protokoll. Schwer lastet die Familienbürde auf ihm: Sieben Generationen Faber und Castell liegen hinter ihm, eine Dynastie auf Stiften errichtet. Anton Wolfgang flüchtet: Er modelt für Herrenhemden und geht als Investmentbanker nach London und New York. Bloß nicht nach Nürnberg.Ein halbes Jahrhundert später haben Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell die Bleistifte eingeholt, sein Unternehmen ist der größte und älteste Bleistiftproduzent der Welt.

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Eine Tasse Tee auf dem Tisch, einen knarzenden Parkettboden unter sich, doziert der 64-Jährige über das Kunststück, wie man im Zeitalter des Computers den Menschen edle Schreibgeräte verkauft ? made in Germany. Warum sich ein Manager mit seinem Produkt identifizieren muss ? statt nur für die jährlichen Boni zu arbeiten. Und warum er das Familienschloss auf dem gräflichen Fabrikgelände in Stein vor den Toren Nürnbergs erhalten will ? der Tradition wegen. ?Ich habe meine Lektionen mühsam gelernt?, sagt er heute im Rückblick.Zunächst bricht er mit Traditionen. Als sein Vater ihn 1975 in das Unternehmen holt und zu seinem Nachfolger erklärt, ahnt Graf von Faber-Castell, dass sich der Markt dreht. Mühsam erholt sich das Unternehmen vom Einbruch im Rechenschiebergeschäft. Der schnöde Plastikkuli tritt den Siegeszug in den Büros an.Der weltgewandte Junior, groß gewachsen und kerzengerade, verkündet eine neue Maxime für Faber-Castell: ?Wir müssen uns abheben von den Pfennigprodukten?, predigt er und beansprucht die alleinige Führung vor dem Clan. Die restlichen Familienmitglieder zahlt er aus.Er sucht Trends. ?Bloß weg vom Bleistift? , denkt sich der Graf. Zeichenbedarf für technisches Zeichnen und Druckbleistifte versprechen frischen Absatz. Marktforscher entwerfen die Vision des papierlosen Büros.Vieles probiert er in diesen Jahren aus, manches floppt. Die Minen der Druckbleistifte brechen, der Computer übernimmt die Funktion der Zeichenbretter. ?Der Graf ist in seine Aufgabe hineingewachsen?, merkt Betriebsratsvorsitzender Holger Heimbrecht an.Die traditionelle Produktion von Blei- und Buntstiften bleibt das Rückgrat des Unternehmens. Und sie wächst. ?In diesen Jahren habe ich erkannt: Holz und Farbe sind unsere Kernkompetenz?, sagt Faber-Castell heute. Weitsicht prägt sein Handeln: Für die Produktion in Brasilien lässt er Pinienwälder pflanzen, die er erst 15 Jahre später für neue Bleistiftgenerationen nutzen kann. Das Moosgrün als alleinige Firmenfarbe hat ausgedient, Stifte für Kinder erhalten ein kräftiges Gelb als Corporate Identity, Blau steht für Produkte im Jugendbereich. Das alte Ritterlogo kehrt auf die Bleistiftschachteln zurück, 240 Jahre Firmentradition werden zum Trumpf in der Beliebigkeit des Massenmarktes.?Kinder haben einen natürlichen Drang zu malen?, sagt der Vater eines neunjährigen Zwillingspärchens heute. Dass die beiden auch mit dem Gameboy spielen, ist für ihn kein Widerspruch. Farben, Gestalt und Kreativität sind für ihn Ausdruck menschlicher Grundbedürfnisse, sagt der passionierte Kunstsammler, das sei eben sein Markt. Und während im Treppenhaus des ehrwürdigen Verwaltungshauses sieben Generationen von Faber-Castell in Öl hängen, ziert sein Büro ein Werk des derzeit angesagten Leipziger Malers Neo Rauch. Kunstkritiker nennen seine Werke neokonservativ.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bewahren, erhalten, nach vorne blickenBewahren, erhalten, nach vorne blicken: Mit Bleistiften und neuerdings auch edlen Füllfederhaltern aus Bernstein oder Rochenleder lässt sich gutes Geld verdienen. 287 Millionen Euro Umsatz macht Faber-Castell, der Gewinn ist im abgelaufenen Geschäftsjahr um fast zehn Prozent auf 26 Millionen Euro gestiegen. 5 500 Mitarbeiter auf der ganzen Welt, allein 800 in Stein bei Nürnberg, fertigen mittlerweile jedes Jahr 1,8 Milliarden Stifte für Faber-Castell.Wie zu Großvaters Zeiten rattern die Bleistiftrohlinge über die Bänder, erfüllt der Duft von Grafit die Luft. Die denkmalgeschützten Hallen beherbergen mittlerweile lasergestützte Produktionsanlagen. ?Ein museales Gelände, das durch eine erfolgreiche Produktion lebendig bleibt?, nennt Faber-Castell sein Reich. Das sehen auch seine Mitarbeiter so. ?Wir rechnen ihm hoch an, dass er weiter hier produziert?, sagt Betriebsratschef Heimbrecht.Und auf den Bleistift lässt der Graf nichts mehr kommen, er erfindet ihn gar neu. ?Grip? heißt der Kassenschlager, der eine Art Killerapplikation unter den Schulbleistiften geworden ist. Dreieckig geschnitten, mit ergonomischen Griffnoppen an der Seite, hat er es in das Lastenheft für Erstklässler in Deutschland geschafft. Das Gebrauchsmuster ist weltweit geschützt, mittlerweile machen ?Grip?-Stifte die Hälfte der heimischen Produktion aus.?Wir bieten Mehrwert. Dafür sind Mütter bereit, mehr zu zahlen?, sagt der Graf. Das Qualitätsversprechen demonstriert er gern öffentlich: Publikumswirksam wirft er ein Paket Bleistifte von den Zinnen des Familienschlosses. Sie bleiben natürlich heil.Und so soll der Bleistift weltweit seine Mission fortsetzen. Südamerika, Indien und China sind die Wachstumsmärkte der Zukunft, schon heute produziert Faber-Castell fast überall vor Ort. Dass gerade in China seine Marke munter gefälscht wird, nervt ihn: Anfang des Monats lässt er fast eine Million imitierter Bleistifte verbrennen. ?Plagiate und Preisdumping in den neuen Märkten sind die Herausforderung einer globalen Wirtschaft?, sagt Faber-Castell.Ein Problem, mit dem sich sein Nachfolger herumschlagen müsste. Der Graf denkt aber vorerst nicht ans Aufhören, und Druck auf die neunte Generation will er auf keinen Fall ausüben, das verbietet seine eigene Geschichte. Sein ältester Sohn ist 25 und arbeitet als Investmentbanker in den USA. So begann auch der Graf einst.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.12.2005