Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der Herr der Pillen

Von Steffi Augter, Handelsblatt
Mark McClellan, Chef der US-Gesundheitsbehörde FDA, fordert höhere Medikamentenpreise in Deutschland.
NEW YORK. Schon als Kleinkind konnte er sich angeblich alles merken. ?Sogar die Katalognummer seiner Wünsche sagte Mark dem Weihnachtsmann auswendig auf?, erinnert sich seine Mutter. Nicht nur Santa Claus war beeindruckt und erfüllte ihm jeden Wunsch. Mit seinem fotografischen Gedächtnis hat es Mark McClellan auch beruflich weit gebracht. Zuerst war er Doppelprofessor in Ökonomie und Medizin an der Stanford University, dann Wirtschaftsberater von US-Präsident George W. Bush. Seit einem Jahr ist der 40-Jährige Chef der Food and Drug Administration (FDA).Bei der Vielfalt der Arbeitsbereiche ? die FDA ist für die Sicherheit von Nahrungsmitteln und Medikamenten in den USA zuständig ? kann er sein Supergedächtnis gut gebrauchen. Die Entscheidungen der mächtigen Gesundheitsbehörde haben Auswirkungen auf über 20 Cent von jedem Dollar, den US-Konsumenten jährlich ausgeben.

Die besten Jobs von allen

Doch diese Macht ist dem klein gewachsenen McClellan kaum anzumerken. Sein eigenes Büro ist zwar etwas repräsentativer als die übrigen schlichten Räume des Gesundheitsministeriums in Rockville, außerhalb von Washington D.C. Das Mobiliar ist aber ? wie der Boss hinter dem Schreibtisch ? eher bescheiden. McClellan spricht ruhig, formuliert klar und präzise. Es scheint, als habe er alle Antworten gespeichert und warte nur auf ein Stichwort, um ganze Reden abzurufen.Zurzeit muss er einige Fragen beantworten. Als oberster Kontrolleur der US-Pharmabranche hat McClellan andere Staaten dafür kritisiert, dass sie sich zu wenig an den steigenden Kosten der Industrie beteiligen. Da Medikamente in Deutschland viel preiswerter seien als in den USA, beteiligten sich die Deutschen zu wenig an den Forschungs- und Entwicklungskosten der amerikanischen Konzerne, argumentiert er.Während die US-Kunden die Hälfte der Kosten trügen, kämen deutsche Verbraucher wegen der festgesetzten Preise für weniger als fünf Prozent der Pharmakosten auf. ?Das ist nicht fair?, findet McClellan. ?Andere Nationen, die ungefähr dieselbe Kaufkraft haben wie wir, sollten einen entsprechenden Teil der Kosten übernehmen.? Er ließ aber offen, wie das aussehen soll.Sich nur nicht festlegen ? da ist er ganz Politiker. Kein Wunder: Der FDA-Chef entspringt einer typischen texanischen Politikerfamilie. Mit Präsident George W. Bush, der ihn nominiert hat, verbindet ihn die geographische und politische Heimat. Sein Bruder Scott ist Sprecher im Weißen Haus, seine Mutter Carole Keeton Rylander ist heute Schatzmeisterin der Republikanischen Partei in Texas. Von ihr hat er gelernt, wie Politik funktioniert ? aber ihn selbst zieht es nicht dorthin. ?In meiner Familie wimmelt es nur so von Politikern und Rechtsanwälten. Ich wollte etwas anderes machen.?In der Tat hat er einiges anders gemacht. Als er den Posten als Oberaufseher der FDA mit einem Budget von jährlich 1,8 Milliarden Dollar im vergangenen November übernahm, war dieser seit zwei Jahren unbesetzt. Personelle Engpässe und fehlende Führung hatten die Zulassungszeiten für Medikamente in die Länge gezogen und ihren Teil zur Branchenkrise beigetragen.Heute sind die Zulassungsverfahren für neue Medikamente im Schnitt sechs Monate kürzer. Das Krebsmittel Velcade von der US-Biotechfirma Millennium genehmigte er sogar nach nur drei Monaten und einer verkürzten Testphase, ?weil dort ein besonders großer medizinischer Bedarf besteht?, begründet er dies. In diesem Jahr hat er 15 Präparate zugelassen. Der Herr der Pillen, der nie in der Pharmaindustrie tätig war, zeigt sich firmenfreundlich.Seiner Meinung nach ist die Zahl der Neuzulassungen in den USA in den vergangenen zehn Jahren auch deshalb gesunken, weil sich die Kosten für Forschung und Entwicklung verdoppelt haben. Bis ein Präparat auf den Markt komme, vergehe oft ein Jahrzehnt. Er will den Prozess verkürzen. Die Anforderungen an Sicherheit und Effektivität neuer Medikamente stehen für ihn aber nicht zur Debatte. ?Wir setzen den Goldstandard.? Dieses Selbstbewusstsein kann er sich leisten. Er genießt das Vertrauen der Politik, worauf die Bush-Administration Wert legt, und hat Erfahrungen als Arzt und Ökonom, was die Gesundheitsbranche überzeugt. An der FDA-Spitze ist er Bindeglied zwischen Politik, Industrie und Wissenschaft.Bisher hat er die Rolle gemeistert. ?Mark bringt einen einmaligen Mix an Fähigkeiten für diesen Job mit?, sagt Stanford-Professor Alan Garber, der ihn an der Universität einstellte. Freunde nennen ihn ein Multitalent. Er setze sich stets neue Ziele und gehe sie zupackend an.Das hat er in seiner schnellen Wissenschaftskarriere bewiesen, in der er Top-Abschlüsse in Medizin, Wirtschaft und Verwaltungswesen schaffte und Professor in Stanford wurde. Kollegen würden ihn wegen seines bemerkenswerten Lebenslaufes am liebsten hassen. Sie können es aber nicht. Er sei einfach so nett, sagen sie. Außerdem gebe er sich manchmal geschlagen, zumindest beim Tennis, verrät sein Bruder.Nach Feierabend liest McClellan momentan nur ?wissenschaftliche Artikel und die Märchenbücher meiner Töchter?. Diese Texte kann der Vater von Zwillingen sicher auch schon auswendig.
Dieser Artikel ist erschienen am 28.10.2003