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Der Herr der Möbel

Mit einer geliehenen Summe von umgerechnet 33 Euro baute Ingvar Kamprad sein Ikea-Imperium auf und wurde so zum viertreichsten Mann der Welt. Kamprad, der sich selbst als knauserig bezeichnet, konnten selbst Skandale nicht aufhalten. Am heutigen Donnerstag feiert er seinen 80. Geburtstag.
Ingvar Kamprad feiert seinen 80. Foto: Ikea
HB BERLIN. Der laut ?Forbes?-Liste viertreichste Mann der Erde soll einen 13 Jahre alten Volvo fahren, nur Economy fliegen und im Zug grundsätzlich in der zweiten Klasse reisen. Ikea-Gründer Kamprad lässt sich gern als bescheiden, einfach und beinah etwas zu geizig porträtieren. Der gebürtige Schwede verdankt seinen Erfolg einer Mischung aus Hartnäckigkeit, Sparsamkeit und Kalkulation.Kamprad wuchs im südschwedischen Smaland auf, einer der ärmsten Gegenden des Landes. Glaubt man der Ikea-Legende, so soll der Möbelpionier, dessen Vater Förster war, als 5-Jähriger schon mit Streichhölzern gehandelt haben. 1943, im Alter von 17 gründete er mit gepumpten 300 Kronen (heute 33 Euro) das Unternehmen Ikea. Der Name eines der wohl erfolgreichsten Geschäfte der Welt setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben Ingvar Kamprad, dem ersten Buchstaben des elterlichen Bauernhofs Elmtaryd und dem Anfangsbuchstaben seines Heimatdorfes Agunnaryd.

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Anfangs vertrieb Kamprad ein buntes Gemischtwarensortiment aus Kugelschreibern, Strümpfen, Streichhölzern, Haushaltswaren, Möbeln und Uhren bis er Anfang der 50er Jahre ganz auf Möbel umschwenkte. Kamprad umging den Zwischenhandel, bot billiger an als die Konkurrenz und nutzte Anzeigen und Postversand, um seine Waren in die schwedischen Haushalte zu bringen. 5 Jahre nach Gründung von Ikea erschien 1948 der erste Katalog, der bis heute die wichtigste Beziehung zwischen Kunden und Möbelhaus darstellt.Kaum einer habe so viele Fehler gemacht wie er, kokettierte Kamprad einmal über den beispiellosen Erfolg seines Unternehmens. Die Rückschläge, die Ikea erlitt, habe er aber stets als Chance zu nutzen gewusst. Etwa die Idee mit den Bausatzmöbeln: Weil der Transport sperriger Stücke schwierig und teuer war, legt man die Möbel kurzerhand zusammen und verstaute die Einzelteile in flachen Paketen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Hilfe hinter dem Eisernen VorhangMitte der 50er Jahre war die Zeit günstig für Kamprad und Ikea. Viele Schweden zogen vom Land in die Stadt und brauchten platzsparende, preisgünstige Möbel. Als Ikea ein Opfer seines Erfolgs zu werden drohte, und die Nachfrage nicht mehr decken konnte, holte sich Kamprad Hilfe in Polen. Auf der Höhe des Kalten Krieges, im Jahr des Mauerbaus 1961, begann die Zusammenarbeit zwischen dem schwedischen Kapitalisten und den polnischen Sozialisten. Bis zum heutigen Tag zählt Polen zu den wichtigsten Produzenten für Ikea.Der Expansion des Möbelhauses in den schwedischen Nationalfarben blau-gelb steht nichts mehr im Wege: 1965 wird die erste Filiale in Stockholm eröffnet, in der das Prinzip der Selbstbedienung und des Selbstabholens praktiziert wird. 1973 folgt das erstes Haus außerhalb Schwedens in Spreitenbach in der Schweiz. 1974 kommt Ikea nach Deutschland: Die erste Filiale steht in Eching bei München. Inzwischen betreibt Ikea in 33 Ländern seine Filialen und eröffnet jedes Jahr bis zu 20 Häuser weltweit. Seit 1999 ist das Möbelhaus auch in China präsent, beim skandinavischen Nachbarn Finnland hingegen erst seit 1996. In 231 Warenhäusern erwirtschaftete der Konzern im vergangenen Jahr mit seinen 90 000 Mitarbeitern einen Umsatz von 14,8 Mrd. Euro.Kamprad als ?harter Hund?Auch Skandale konnten den Erfolg von Kamprad und Ikea nicht stoppen. Als 1994 bekannt wurde, dass der Möbelpionier schwedische Nazi-Organisationen unterstützt hatte, entschuldigte sich Kamprad in einem handgeschriebenen Brief an seine Mitarbeiter und sprach ?von der größten Dummheit seines Lebens?.Als durchaus ?harter Hund? erwies er sich unter anderem auch gegenüber Gewerkschaften und beim Einsatz billiger osteuropäischer Zulieferer schon Anfang der sechziger Jahre. Mehr Schlagzeilen aber machten Kamprads verblüffende und ehrlich wirkenden persönlichen Bekenntnisse, so zu seiner ausgeprägten Lese- und Schreibschwäche (Dyslexie) und zum ewigen Kampf gegen den Dämon Alkohol: ?Ich mag Whisky und Wein sehr. Aber ich muss Pausen machen, sonst wird das ein Problem, und ich trinke einfach immer weiter.?Für seine Angestellten hat der unscheinbare Milliardär aus dem Bullerbü-Land, der seit Mitte der 70er Jahre steuersparend in der Schweiz lebt, das Geheimnis seines Erfolgs sogar schriftlich niedergelegt. In dem ?Vermächtnis eines Möbelhändlers? mahnt er die Verkäufer zu Bescheidenheit, Sparsamkeit und dem unbedingten Willen zum Profit. Jedes Problem sei eine Chance, lehrt Kamprad, der von einem Bauernhof in Südschweden auszog, um die halbe Welt zu möblieren.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.03.2006