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Der Herr der Bälle

Von Peter Brors
Das Duell mit dem weltweit größten Sportartikelhersteller Nike treibt Adidas-Chef Herbert Hainer fortwährend aus der fränkischen Provinz in alle Welt hinaus. Adidas will die globale Goldmedaille. Doch dazu muss die Integration von Reebok klappen. Eine Handelsblatt-Reportage.
Adidas-Chef Herbert Hainer mit dem Wm-Ball ?Teamgeist". Foto: dpa
PEKING. Herbert Hainer begrüßt das mit allerlei Schusswaffen ausgerüstete Wachpersonal. Dann legt er an diesem schwülheißen Augusttag in Peking flott sein Jackett ab, schnappt sich einen knallroten Bauarbeiterhelm, zieht ihn über den Kopf, biegt um den fast drei Meter hohen Holzzaun, der das Objekt der Begierde für das gemeine Volk noch blickdicht abriegelt, hält einen Moment inne und ruft: ?Wow! Nicht schlecht, oder??Aus dem Staub wächst direkt vor ihm eine dramatische Konstruktion aus Stahl und Beton, die einmal Chinas neuer Stolz sein soll, die 91 000 Zuschauer fassende Olympiaarena. Das Tribünendach wirkt wie ein gewaltiges Mikadospiel aus Eisen und Stahl, kreuz und quer sind die Träger miteinander verbunden, mitunter ragen sie scheinbar ohne jeden statischen Sinn und Verstand ziellos in den Himmel. Die Einheimischen nennen das Stadion ?bird?s nest?.

Die besten Jobs von allen

Für Adidas-Chef Hainer soll es bei Olympia 2008 zum Sammelbecken werden, randgefüllt mit Goldmedaillen, gewonnen von Athleten aus aller Welt in Adidas-Trikots und -Schuhen, noch dazu vor den Augen von einer Milliarde erwartungsfrohen und konsumbereiten Chinesen. Hainer sagt: ?China ist für uns und für Nike ohne jeden Zweifel einer der wichtigsten Märkte in den nächsten Jahren. Nike ist hier noch vorn, aber wir holen auf. Hier wird sich mitentscheiden, wann wir Nike überholen.?Für Herbert Hainer ist der Zweikampf mit der US-Konkurrenz Aufgabe und Motivation zugleich. Das Messen mit und an Nike hat aus dem gebürtigen Niederbayern einen globalen Manager gemacht, stets bewegt und getrieben von neuen Märkten und Trends, vom nächsten sportlichen Großereignis und der Mission, weltweit die Nummer eins zu sein.Wie aber managt man eine globale Marke, deren Produkte zu 98 Prozent außerhalb der Republik in nahezu 60 verschiedenen Ländern auf vier Kontinenten von 465 000 Menschen in 700 fremden Fabriken hergestellt und in mehr als 150 Nationen zum Kauf angeboten werden? Wie kann da der Angriff auf die Konkurrenz in China, Indien und in aller Welt ausgerechnet aus der fränkischen Provinz heraus gelingen?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Unter Analysten genießt Hainer den Ruf, ein ?echter Sportler? zu sein.Herzogenaurach, Adidas-Zentrale. Eine allenfalls mittelgroße Ortschaft zwischen Nürnberg und Würzburg, schlappe 7 800 Kilometer von Peking, dem nächsten Adidas-Megaprojekt entfernt, immerhin aber mit eigenem Autobahnanschluss. Also, runter von der A3 geht es vorbei am Industriegebiet Frauenaurach und dem kommunalen Kompostplatz, dann hinab in eine kleine Senke und wieder hinauf, rechts und links liegen dichte Laubwälder.Die Sonne steigt bereits in den Vormittagshimmel, als die ?Herzo Base? endlich auftaucht, jenes campusartige Gelände draußen am Kleinstadtrand, das die US-Luftwaffe zwischen 1945 und 1992 kontrollierte, ehe Adidas die Kaserne übernahm und den Namen beibehielt, passte er doch so gut zur neuen Internationalität des Konzerns. Dass Englisch längst Firmensprache ist, davon künden die Namen der Gebäude, die ?Brand Center?, ?Event Hall? und, klar, ?World of Sports? heißen.Herbert Hainers Schreibtisch steht im ersten Stock, und wer aus dem Treppenhaus tritt, ist schon fast mittendrin im Büro des CEO und Chairman. Der Flur der Board-Mitglieder ist einladend weit geöffnet, hier breitet sich hinter einer Glastür ein heller, mit Pokalen, Trikots und anderen Memorabilien dekorierter Raum aus. Vom Chefsessel aus fällt der Blick auf das ?Stripes?, jene preisgekrönte futuristische Mitarbeiterkantine, gelegen auf einer Insel in einem künstlichen See. Ansonsten scheint Hainer an der Einrichtung seines vielleicht 40 Quadratmeter kleinen Büros nicht viel zu liegen: einfache Möbel, einfache Gerätschaften. Was er braucht, liegt einfach so da: Mappen, Prospekte, Memos.Seine Gespräche rund um den Globus führt er mit lässiger Weltläufigkeit, stets bayerisch-akzentuiert, was zusammen leicht aufgesetzt wirken könnte, es aber nicht ist, weil es zu ihm passt: geraderaus, die Herkunft nicht verleugnend und die globale Aufgabe meist im Blick. Sein Englisch kommt ihm dabei so flüssig über die Lippen, dass der warm klingende Unterton seiner Heimat ihm in der Ferne nicht schadet. Im Gegenteil: Die Tonalität gibt ihm jene Authentizität, die er für seine Marke mit den drei Streifen allerorten und immerzu verspricht.Unter Analysten genießt Hainer den Ruf, ein ?echter Sportler? zu sein: mit Beharrungsvermögen und ordentlich Ehrgeiz ausgestattet. Im Betriebsrat nennen sie sein Verhalten ?weitgehend partnerschaftlich?. Mitunter bezeichnen Arbeitnehmervertreter den Chef im stetigen Streben, Ligabester zu werden, aber auch als ?verbissen und dünnhäutig?. Er könne einfach nicht gut verlieren, wenn es um Marktanteile und neue Sponsorenverträge gehe, schon gar nicht gegen Nike und den so herrlich lokalen Rivalen Puma.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Warum Hainer um jeden Preis die Marktführerschaft will.Hainer trägt einen schwarzbehaarten vollen Schopf, zunehmend durchsetzt mit grauen Strähnen, er hat einen durchtrainierten Körper, kein Gramm Fett ist unterm Hemd zu vermuten. Weil fast alle hier auf der ?Herzo Base? derart drahtig aussehen, könnte man schon auf die Idee kommen, die tägliche Leibesertüchtigung gehöre zum unverhandelbaren Bestandteil eines jeden Adidas-Arbeitsvertrags. Aber das ist eine andere Geschichte.Hainers Gesichtsausdruck wirkt munter, oft auch entschlossen, wenn er die Augen hinter seiner unauffälligen Brille zusammenkneift, die auffällige Zahnlücke in Erscheinung tritt und er frohlockt: ?There is no doubt. In a few years we will be worldwide market leader.? Seine Vision ist so einleuchtend wie einfach: Adidas, mit 9,5 Milliarden Euro Umsatz und nach dem Zukauf von Reebok unter den 500 größten Firmen der Welt, will die Marktführerschaft. Noch läuft Nike vorneweg mit elf Milliarden an Erlösen und ist dazu deutlich profitabler.Wer Hainer danach fragt, warum ihm dieses Ziel so wichtig sei, dem erzählt er seine Geschichte vom sportlichen Duell, das ja zur Branche so gut passt. Aber er weiß auch, natürlich, um die Notwendigkeit, immerfort zu wachsen, um die Wirkung von Skaleneffekten und Produktionsverlagerungen. Wie aber passt da der Standort Herzogenaurach ins global gefärbte Bild? ?Ach?, sagt Hainer dann nur, ?ob München, Paris oder Franken ? Hauptsache, sie haben Disziplin und den Willen, ein klar formuliertes Ziel auch zu erreichen, dann ist der Standort nicht entscheidend.? Nicht für die Verwaltung mit seinen 2 200 Angestellten, aber sicher doch für die Produktion? ?Natürlich ist es in Zeiten der Globalisierung für uns extrem schwer geworden, noch hier im Land zu produzieren?, sagt er und fügt ein ?leider? hintendran.Scheinfeld, Adidas-Fabrik. Hinter einem mannshohen Zaun sind noch Relikte aus den Adidas-Gründertagen zu besichtigen. Hier, in Scheinfeld, 50 Kilometer westlich der Zentrale in Herzogenaurach, auf halbem Weg nach Ochsenfurt, steht die letzte Drei-Streifen-Fabrik auf deutschem Boden. Hier fertigen 100 Angestellte die beiden Adidas-Bestseller ?Copa Mundial? und ?World Cup?. Dass diese Fußballschuhe noch von Arbeitern im idyllischen Steigerwald geklebt, gestanzt und zugeschnitten werden und nicht in China, Indien oder sonstwo, das rührt wohl auch daher, dass sich Adidas die totale Globalisierung nicht leisten kann.Denn Spitzensportler, die bei Adidas unter Vertrag stehen, verlangen nach bester Ausrüstung. Und so fertigt die letzte Adidas-Manufaktur mit dem über Jahrzehnte erworbenen Know-how fränkischer Schuhmacher hier die maßgeschneiderten Kickstiefel für Oliver Kahn, Lukas Podolski und, auf besonderen Wunsch, auch für David Beckhams Söhne.Lesen Sie weiter auf Seite 4: Eine Fehde als unternehmerischer AntriebFür einen Moment fühlt sich der Besucher zwischen den Näherinnen und Leistenmachern zurückversetzt in die Anfangszeit des Unternehmens, als die Familie Dassler ihre ersten internationalen Erfolge feierte: Jesse Owens holte bei Olympia 1936 in Berlin vier Goldmedaillen in handgefertigten Schuhen von Adi Dassler. Ein Umstand, der der Familie während der amerikanischen Besatzung Bayerns später half.Doch schon kurz nach dem Krieg sorgten Spannungen in der Familie für Probleme. Während Adi Dassler Adidas gründete, baute Bruder Rudolf nur wenige Schritte entfernt auf der anderen Uferseite der Aurach die Konkurrenz namens Puma auf.Beiden diente die Fehde zunächst als unternehmerischer Antrieb, eine herzlich gepflegte Feindschaft trennte die Brüder, und so ist es noch heute. Fragen nach Puma und Jochen Zeitz wehrt Hainer weitgehend ab: ?Puma macht einen guten Job. Persönlich aber kennen wir uns nicht näher. Mehr gibt es nicht zu sagen.?Adidas gegen Puma ? so lautete lange das Spitzenspiel der Branche. Ehe Nike beide überholte. Adidas und Hainer haben nun fast wieder aufgeschlossen, er sagt: ?Wir wollen, was den technischen Fortschritt, was neue innovative Produkte, was die Qualität angeht, deutlich machen, wer der Beste ist?, und dafür ist Scheinfeld wichtig.Das Festhalten an Scheinfeld ? irgendwie passt es auch zum Lebenslauf des Herbert Hainer. Aufgewachsen in Dingolfing, nur eine Autostunde südlich des fränkischen Kernlands, spielt Hainer lange Fußball, in der Bayernliga immerhin, beim lokalen FCD, mit dem er 1977 die niederbayerische Meisterschaft über die Spielvereinigung Plattling erringt.Nach dem BWL-Studium in Nürnberg treibt es Hainer ein einziges Mal während der Karriere dauerhaft über Bayerns Grenzen hinaus. Er heuert bei Procter & Gamble an, lernt, was eine globale Marke ausmacht.1987 wechselt er zu Adidas, arbeitet unter Bernard Tapie, sieht, wie die Firma in eine existenzbedrohende Krise rutscht, weil neue Produkte floppen, weil ihr ein Image fehlt, eine Vision, ein Ziel. Es kommt Robert Louis-Dreyfus, den Hainer noch heute ?den Retter von Adidas? nennt.Er selbst steigt unter dem Franzosen zum Deutschland-Chef auf, rückt in den Vorstand, wird 2001 als Dreyfus? Nachfolger gar Vorstandsvorsitzender. Forciert in der Folge selbst die Internationalisierung, setzt als Sponsor auf kostspielige Großereignisse wie die WM und Olympia ? und holt 2005 zum großen Coup aus: Für 3,1 Milliarden Euro schluckt Adidas die Nummer drei Reebok. Viel Geld für eine bloße Marke, die keine eigene Fabrik besitzt, dafür aber reichlich Regalmeter im umkämpften US-Einzelhandel. Einem Markt, auf dem Adidas traditionell schwächelt.Lesen Sie weiter auf Seite 5: Reebok wird für Adidas zum Prüfstein.Canton/Massachusetts, Reebok- Zentrale. Allein im ersten Halbjahr 2006 fliegt Hainer siebenmal an der Ostküste ein. Er hat den prognostizierten Konzern-Cash-Flow über 300 bis 400 Millionen Euro per annum der nächsten vier bis fünf Jahre und noch etwas mehr eingesetzt.Doch die ersten positiven Ergebnisse lassen auf sich warten, Analysten und Investoren sind unruhig. Als Hainer Anfang November eine Gewinnwarnung aufs globale Spielfeld tröpfeln lässt, sackt der Aktienkurs dramatisch ab. Minus sieben Prozent an einem einzigen Tag, und das nur deshalb, weil die Gewinnsteigerung für 2007 auf Grund der schleppenden Reebok-Integration nun nicht mehr bei 20, sondern nur noch bei 15 Prozent liegen dürfte.Hainer fühlt die Nervosität der Märkte, er muss jetzt beweisen, dass sich die Akquisition auch wirklich rechnet. ?Was hätten wir mit dem Geld tun sollen? Aktien zurückkaufen? Die Dividende erhöhen, ohne zu wissen, ob es einem die Anteilseigner auch danken? Da sind wir lieber in die Offensive gegangen. Und deshalb ist da jetzt auch ganz und besonders der Chef gefragt?, weiß er, ?und das so oft wie möglich auch persönlich vor Ort?.Und so ist die Adidas-Welt wieder ein gutes Stück globaler geworden, Hainer sagt: ?Inzwischen bin ich 65 Prozent meiner Arbeitszeit unterwegs.? Da ist das GMM, das globale Marketing-Meeting in Schanghai, das Treffen der Sales-Truppe für Golfequipment in Kalifornien, die Präsentation des neuen Sponsorenvertrags mit dem australischen Olympia-Team in Sydney, dazwischen 19 Spiele der Fußball-WM, garniert mit der Hochzeitsfeier des langjährigen Adidas-Partners Franz Beckenbauer in Kitzbühel, um gleich darauf wieder eine Sitzung des so genannten Steuerungsausschusses zur Integration von Reebok in Boston zu leiten.Kollegen halten Hainer zugute, dass der Adidas-Chef ?genau weiß, was er will?, auch und vor allem jetzt mit Reebok. Dass Branchenkenner gleichwohl derart skeptisch sind, hat auch mit der Tatsache zu tun, dass die Integration der Skimarke Salomon, das letzte große Adidas-Abenteuer Ende der 90er-Jahre, jämmerlich gescheitert ist. ?Einspruch?, sagt Hainer, ?zu Salomon gehörte auch ,TaylorMade?, das Golfgeschäft, das sich blendend entwickelt hat und das wir selbstverständlich nicht wie die Wintersportsparte wieder abgegeben haben.? Einerseits.Andererseits räumt aber auch Hainer ein, dass nach dem Salomon-Erwerb für damals stolze 2,4 Milliarden D-Mark vom alten Adidas-Management viele Fehler gemacht wurden, die er jetzt bei Reebok unbedingt vermeiden will: So stand binnen Wochen die neue Struktur, von etwa 500 Managern trennte sich der Konzern.Lesen Sie weiter auf Seite 6: Wie Adidas es anstellen will, im amerikanischen Markt bekannter zu werden, ohne Reebok zu schaden.Schnell war auch klar, das Reebok als Marke erhalten bleiben würde mit eigenen Verantwortlichen für Vertrieb und Marketing, und dass die üblichen Stabstellen wie Personal und Recht aber in die Adidas-Struktur eingepasst und nach Deutschland verlagert werden. Dazu tagt über Streitfragen regelmäßig eine Art Vermittlungsausschuss, das Steering Committee, und erhört Wünsche und Nöte der Belegschaft ? gleichwohl alles keine Garantien, dass ausgerechnet diese transatlantische Fusion alsbald süße Früchte trägt.Im Moment sieht es so aus, als ob Nike ?das Beschäftigen mit sich selbst? , wie ein Researcher die derzeitige Lage bei Adidas umschreibt, nutzen könnte. Die Amerikaner gewinnen wieder Marktanteile und befeuern so die Grundskepsis der Kapitalmärkte zusätzlich. Und so warten die Analysten weiter auf eine schlüssige Antwort Hainers zur wohl alles entscheidenden (Fusions-)Frage: Wie will Adidas es anstellen, im wichtigen amerikanischen Markt selbst bekannter und beliebter zu werden, ohne Reebok zu schaden?Da sind etwa die von Reebok geerbten Sponsorenverträge mit der US-Profibasketball-Liga NBA und den American Footballern der NFL, ?alles millionenschwere Rohdiamanten, die wir schleifen müssen?, sagt Hainer. Was er damit meint, ist seit Saisonbeginn auf den NBA-Spielfeldern zu besichtigen: Dirk Nowitzki, Shaq O?Neal und Co. tragen statt Reebok jetzt Adidas-Leibchen und -Hosen. Der Handel ist irritiert, die US-Kunden auch ? und so erwarten Experten von diesem Trikottausch zunächst allenfalls leicht anziehende Adidas-Absätze, aber ?womöglich deutliche Einbußen? bei Reebok.Hainer will von alldem nichts wissen, verweist vielmehr darauf, dass es Adidas zuletzt immer wieder gelungen ist, sich auf den verschiedensten Märkten mit einer durchdachten Marketingstrategie und tüchtig Geld (insgesamt gibt Adidas 14 Prozent des Umsatzes, fast eine Milliarde Euro fürs Sponsoring und Marketing aus) durchzusetzen. ?Das haben wir mit Adidas bei der Vermarktung des WM-Balls ,Teamgeist? gerade erfolgreich und global vorgemacht?, sagt er. ?Und das schaffen wir wieder.?Siracha Saha Group Industrial Park, 100 Kilometer südlich von Bangkok. Palmen säumen die Straße zum neuen Gewerbegebiet. Am Rande gurgeln Springbrunnen, Gärtner maniküren Parkanlagen. Hier steht die vielleicht größte Fußball-Fabrik der Welt, die Molten Thailand Limited, südostasiatische Tochter des gleichnamigen japanischen Konzerns. Fast 1 000 Arbeiterinnen nähen hier Jahr für Jahr Millionen Bälle zusammen, unter anderem für Adidas den ,Teamgeist?. Allein in Asien werkeln 410 000 Menschen für die Franken, Hainer sagt: ?Ohne diese Verlagerung gäbe es die Firma nicht mehr.?Lesen Sie weiter auf Seite 7: Adidas reagiert auf die Schattenseiten der Globalisierung.Gleichwohl macht auch diese Seite der Globalisierung dem Unternehmen nicht nur Freude. Als 1998 der chinesische Dissident Bao Ge berichtete, Adidas-Produkte würden von Strafgefangenen unter unwürdigen Bedingungen hergestellt, kratzte dies am Image. Später stellte sich zwar heraus, dass die Gefangenen auf Rechnung Dritter Fälschungen produzierten, aber das Thema war in der Welt. Und so machte sich der Konzern daran, Standards für alle Zulieferer zu formulieren. Darin heißt es seitdem, dass keine Kinder beschäftigt werden dürfen, dass Überstunden zu vergüten sind, dass der jeweils vorgeschriebene gesetzliche Mindestlohn zu zahlen ist.In jeder Adidas-Zulieferfabrik hängen diese Regeln nun in drei Sprachen aus. 65 eigene Kontrolleure überwachen die Einhaltung der Standards, unabhängige Experten der Fair Labor Association, einem Zusammenschluss großer Markenartikler, prüfen darüber hinaus stichprobenartig die Betriebe. Und wer sich nicht an die Standards hält, der bekommt, so Hainer, ?zuerst eine Warnung, dann eine Abmahnung und beim dritten Mal die Kündigung?.Die ist für Adidas stets aber auch mit Risiken behaftet. Denn nicht selten produzieren derart ausgemusterte Fabrikanten mit dem erworbenen Know-how und noch übrig gebliebenen Originaletiketten Adidas-Produkte einfach weiter und überschwemmen den Weltmarkt. Erst kürzlich entdeckten Zöllner im Hamburger Hafen wieder Hundertausende Adidas-Fälschungen.Hainer weiß das natürlich und räumt auch ein: ?Bei allem guten Willen kann ich nicht behaupten, dass es überhaupt keine Verfehlungen mehr in unseren Zulieferfabriken gibt. Aber wir arbeiten daran.?Wie im Fall Molten. Als die Kontrolleure ernste Probleme bei der Verarbeitung einer gesundheitsgefährdenden Chemikalie namens Toluol ausgerechnet in der ?Teamgeist?-Fabrik entdeckten, verpflichtete sich die Geschäftsführung, in Thailand künftig weniger schädliche Lösungsmittel einzusetzen; ähnliche Fälle gab es auch schon in China.Peking, New China Insurance Tower. Hier, nahe des Stadtzentrums, hat Adidas neue Büros bezogen. Hainer steigt im Foyer in den Lift, drückt auf die Acht, die Aufzugkabine erwacht zum Leben und gleitet in die Höhe. Oben hat sich die Adidas-Mannschaft ?North China? versammelt. Die vielen jungen Frauen und Männer tragen fast ausnahmslos Produkte des Hauses: enge Tops und T-Shirts, manch einer ist gar im Deutschland-Trikot erschienen.Lesen Sie weiter auf Seite 8: Hainer vermittelt ein Stück individuellen Wohlstands.Dem Ereignis angemessen, ist die Dependance fein hergerichtet. Auf dem Empfangstresen recken rote Blumen mit Stengeln lang wie Modelbeine ihre Köpfe Richtung Eingang. Hainer ahnt, was die Mitarbeiter von ihm jetzt erwarten: ?Zeigen, dass jeder Einzelne wichtig ist, zeigen, dass wir mit Motivation und Kreativität unsere Ziele erreichen können, und nicht zuletzt zeigen, dass auch der Chef nur ein Mensch ist.?Also trimmt sich Hainer, 52, auf jung, legt die Jacke ab, entlässt die obersten beiden Knöpfe seines weißen Hemds in die Arbeitslosigkeit und tritt mit breitem Lächeln vor seine Angestellten. Applaus ist ihm gewiss, als er vom ?großartigen Erfolg? der Fußball-WM für Adidas erzählt, von den Plänen als exklusiver Partner des Pekinger Organisationskomitees und davon, in China zu den bereits bestehenden 2 600 Adidas- und 500 Reebok-Geschäften Jahr für Jahr 750 neue Shops (500 für Adidas, 250 für Reebok) eröffnen zu wollen.Für die jungen Adidas-Angestellten sind es nicht bloße betriebswirtschaftliche Beteuerungen, für jeden Einzelnen verheißen diese Worte auch ein Stück individuellen Wohlstands, sind sie doch als Adidas-Beschäftigte mit dabei beim rasanten Aufstieg des Landes. Hainer sagt: ?You are important parts in our game. China and the Olympics 2008 are our next great platforms.?Die Angestellten klatschen. Hainer blickt zur Uhr. Gleich wartet Chinas Sportminister zum Dinner, mit dem einen oder anderen Schnaps. Und dann muss Hainer schnell zurück nach Deutschland: Die Quartalszahlen stehen an, auch die nächsten Bundesligaspiele mit der Adidas-Beteiligung Bayern München.Hainer ist stellvertretender FCB-Aufsichtsratsvorsitzender, sagt: ?Ins Stadion kann ich diesmal nicht. Termine. Aber dieses eine Geschäft läuft ja glücklicherweise fast von allein.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Adidas und Herbert Hainer. Ein Überblick.Adidas und Herbert HainerDas Unternehmen: Gegründet von dem fränkischen Unternehmer Adi Dassler, befindet sich die Adidas-Zentrale in Herzogenaurach nahe Nürnberg. Das Unternehmen setzte im vergangenen Jahr 6,6 Milliarden Euro um und kommt seit dem Zukauf des amerikanischen Konkurrenten Reebok im Herbst 2005 auf Erlöse von 9,5 Milliarden Euro. Konkurrent Nike liegt bei über elf Milliarden Euro. Der Cash-Flow lag 2005, also vor der Reebok-Integration, bei 380 Millionen Euro. Adidas-Chef Herbert Hainer hat Asien zur wichtigsten Region seiner Expansionsstrategie erklärt: ?Vor allem China wird in den nächsten drei bis fünf Jahren ungemein an Bedeutung gewinnen.? Schon heute gibt es in dem Riesenreich 2 600 Geschäfte, die ausschließlich Adidas-Produkte vertreiben, dazu kommen 500 Reebok-Geschäfte. In Zukunft sollen jeweils 500 für Adidas und 250 für Reebok pro Jahr dazukommen, vielleicht auch mehr. Derzeit verdoppelt sich der Markenumsatz von Adidas in China nahezu jährlich. Er liegt für 2005 bei 125 Millionen Euro, für 2006 soll er auf 250 Millionen steigen. ?Im Land gibt es 1,3 Milliarden Menschen, wenn sich davon nur zehn Prozent unsere Produkte leisten können und wollen, dann sind das immer noch gut doppelt so viele Konsumenten wie in Deutschland?, rechnet Hainer vor. Die angebotenen Adidas-Produkte weisen in etwa das gleiche Preisniveau auf wie in Europa, allenfalls sind sie bis zu zehn Prozent billiger. ?Mehr geht nicht, sonst machen sie sich die Marke kaputt?, sagt Hainer.Die Führung: Seit 2001 leitet Diplom-Betriebswirt Herbert Hainer den Dax-Konzern Adidas. 1954 in Dingolfing geboren, verbringt Hainer, nach einer Station als Verkaufsmanager bei Procter & Gamble, seine gesamte Karriere bei Adidas. 1991 wird er Gesamt-Vertriebsdirektor, 1993 Deutschland-Chef. 1997 rückt er in den Vorstand auf, den er nun bald sechs Jahre leitet. Er sitzt im Aufsichtsrat der Bayerischen Versicherungsbank und der zehnprozentigen Adidas-Beteiligung FC Bayern München.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.11.2006