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Der heimliche Star

Von H.-P. Siebenhaar
Was offiziell noch nicht bestätigt wird, hat sich hinter den Kulissen schon herumgesprochen: Der 47-jährige Chef der Druck- und Mediendienstleistungssparte Arvato soll voraussichtlich im Juli 2007 den derzeitigen Bertelsmann-Vorstandschef Thielen ablösen.
DÜSSELDORF. Denn was offiziell noch nicht bestätigt wird, hat sich hinter den Kulissen schon herumgesprochen: Der 47-jährige Chef der Druck- und Mediendienstleistungssparte Arvato soll voraussichtlich im Juli 2007 den derzeitigen Vorstandschef Gunter Thielen ablösen.?Ostrowski ist als Nachfolger gesetzt?, bestätigt ein hochrangiger Bertelsmann-Kenner. ?Mit 99 Prozent wird Ostrowski der Nachfolger Thielens?, sagt ein Vorstand einer Bertelsmann-Konzerntochter. Auch der ansonsten schweigsame Favorit für den Chefsessel wagte sich vor wenigen Tagen aus der Deckung. ?Natürlich ist es eine reizvolle Aufgabe?, bekannte der gelernte Betriebswirt offenherzig im Fachblatt ?Werben & Verkaufen? und fügte sofort an: ?Ich fühle mich bei Arvato sauwohl.?

Die besten Jobs von allen

Am liebsten würde Thielen, Ziehvater von Ostrowski, das Thema Nachfolge auf die lange Bank schieben. Doch das Kandidatenkarussell bei Bertelsmann dreht sich immer schneller. Insider berichten, dass zusammen mit der Bertelsmann-Patriarchenfamilie Liz und Reinhard Mohn vor der letzten Aufsichtsratssitzung bereits eine Vorentscheidung gefallen sei. Der Konzern hingegen wollte eine Lösung der Nachfolgefrage nicht bestätigen. ?Es ist noch keine Vorentscheidung und keine Entscheidung gefallen?, sagte ein Sprecher.Wenn es nach Thielen geht, wird der Nachfolger offiziell erst im ersten Quartal 2007 benannt. Denn im Juli 2007 wechselt er an die Spitze der politisch einflussreichen Bertelsmann-Stiftung. Die Motive für seine Zurückhaltung sind klar: Der einstige Arvato-Chef kann derzeit keine Führungsdiskussion brauchen. Er will in die Annalen des traditionsreichen Hauses nicht nur als Sanierer, sondern auch als Wachstumstreiber eingehen. Sein Ziel: eine zweistelligen Umsatzrendite.Unterdessen wurde das Schaulaufen der Kandidaten in den vergangenen Monaten immer offensiver. Vor allem Ewald Walgenbach, Chef des Buch- und Musikclubgeschäfts (Direct Group), hatte sich bislang Chancen auf den Chefsessel ausgerechnet. Walgenbach war unter dem früheren Konzernchef Thomas Middelhoff in seiner Funktion als Chief Operating Officer bereits vor Jahren eine Art Kronprinz. Zuletzt hatten aber seine Gespräche über einen Wechsel zum Duisburger Mischkonzern Haniel für Misstöne gesorgt. Nach Angaben von Insidern ist er mittlerweile aus dem Rennen. Für Irritationen hatte gesorgt, dass Walgenbachs engster Mitarbeiter Marc Oliver Sommer, zuständig für das Buchclubgeschäft in Deutschland und Frankreich, zum Handelskonzern Karstadt-Quelle wechseln wird. Er konnte ausgerechnet den Abwerbeversuchen von Middelhoff nicht widerstehen.Auch Gerhard Zeiler, Vorstandschef des Fernseh- und Radiokonzerns RTL Group, gehörte bislang zu den Kandidaten. Doch der machtbewusste Österreicher mit Wahlheimat London hatte zuletzt mit den hausgemachten Problemen bei RTL in Deutschland an Ansehen in Gütersloh verloren.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ostrowski steht im Zenit seines Erfolgs.Mit Hartmut Ostrowski würde die Familie Mohn erneut aus der Dienstleistungssparte Arvato einen Nachfolger für den Chefposten des Medienkonzerns aussuchen. Nach dem Rückzug von Middelhoff vor über drei Jahren hatte die Eignerin Liz Mohn den damaligen Arvato-Lenker Thielen an die Spitze des Konzerns geholt. Mit dieser Wahl setzte Mohn endgültig den Schlussstrich unter die Ära Middelhoff, der vor allem wegen seiner aggressiven Wachstumspolitik das Vertrauen der Gesellschafter verlor.Ostrowski steht derzeit im Zenit seines Erfolgs. Mit seiner Lautlos-Methode hat er Arvato nach der Fernsehtochter RTL zum größten Umsatzbringer des Konzerns gemacht. Am Donnerstagnachmittag wird er fast zwei Stunden auf dem Berliner Managementkongress seine Erfolge und seine Vision vorstellen.Während beispielsweise im vergangenen Jahr die Zeitschriftentochter Gruner + Jahr gegen sinkende Erlöse und Erträge kämpfte, brillierte Arvato mit einer strammen Wachstumskurve und der Entdeckung neuer Geschäftsfelder. Heute zählt die Bertelsmann-Tochter mehr als 36 000 Mitarbeiter in rund 250 Tochterunternehmen. Die graue Maus unter den sechs Bertelsmann-Konzerntöchtern hat sich zum Musterschüler gewandelt. Der Mediendienstleister erzielte den Rekordumsatz von 3,8 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Der Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) schnellte auf 310 Millionen Euro hoch. Die Druckereien, Spezialverlage, Logistikunternehmen und Call-Center gelten als Rückgrat des Mediengiganten und erwirtschaften mehr als ein Fünftel der Konzernerlöse.Ostrowski gilt seit vielen Jahren als engster Vertrauter von Thielen und ist seit 23 Jahren in den Diensten Bertelsmanns. Der gebürtige Bielefelder, der auch über exzellente Beziehungen zu den Mohns verfügt, lieferte zuletzt mit der Gründung des Druckkonzerns Prinovis sein Meisterstück ab. Für Bertelsmann ging mit dem Joint Venture der Zeitschriften- und Katalogdruckereien von Arvato und Gruner + Jahr ein lang gehegter Traum in Erfüllung.Außerdem hatte Ostrowski im Frühjahr mit der Schaffung der Internet-Download-Plattform Gnab auf sich aufmerksam gemacht. Arvato bezeichnet Gnab als revolutionäre Neuerung für das legale Herunterladen von digitalen Inhalten aller Art, also vom Klingelton bis zum Spielfilm. ?Wir glauben, dass wir damit im nächsten Jahr einen dreistelligen Millionen-Euro-Umsatz erzielen können?, sagte Ostrowski im Frühjahr dem Handelsblatt.Eigentlich wollte Bertelsmann nach der Trennung von Thomas Middelhoff die Finger vom Internetgeschäft lassen. Ostrowski entdeckte Internet und Handy wieder als ?hochinteressante Wachstumsfelder?.Bertelsmann ist heute mit seinen Buchverlagen, Zeitschriften, Zeitungen, Fernseh- und Radiosendern, Druckereien, Musiklabels und Buchclubs in 63 Ländern präsent. Doch um mit den Konkurrenten wie Time Warner oder Sony mithalten zu können, braucht der Konzern neue Wachstumsimpulse. Die verspricht Ostrowski: ?Wir haben noch viele Ideen, ein Ende ist noch lange nicht in Sicht.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zur Person: Hartmut OstrowskiHartmut Ostrowski
  • 1958 Ostrowski wird in Bielefeld geboren.
  • 1982 Er beendet sein BWL-Studium in Bielefeld.
  • 1982 Seine Karriere bei Bertelsmann beginnt er als Assistent der Geschäftsleitung. Ein Jahr darauf wird er Abteilungsleiter der Bertelsmann Distribution.
  • 1988 Wechselt er als Geschäftsführer zum Finanzinvestor Security Pacific Eurofinance in München.
  • 1990 Kehrt er ins Bertelsmann-Reich zurück.
  • 1996 Er wird Chef der Bertelsmann Distribution und ein Jahr darauf Mitglied im Vorstand der Bertelsmann Industrie (heute Arvato).
  • 2002 Ostrowski besetzt den Arvato-Chefsessel.
  • 2005 Springer und Bertelsmann erschaffen den Druckkonzern Prinovis.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.12.2005