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Der Hartnäckige

Till Hoppe und Georg Weishaupt
Oberstaatsanwalt Fred Apostel kann so schnell nichts erschüttern. Er hat in Parteispendenaffären und Dopingskandalen ermittelt ? jetzt geht er in der Telekom-Spitzelaffäre vor.
Friedrich Apostel, Bonner Oberstaatsanwalt, spricht in der Konzernzentrale der Deutschen Telekom in Bonn. In der Telekom-Bespitzelungsaffäre hat die Bonner Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Mikrofonstative recken sich ihm entgegen, Kameraleute, Fotografen und Journalisten hocken und stehen im Halbkreis und lauschen gebannt einem Mann. Fred Apostel ist der Star an diesem Tag. Der Mann mit dem grauen Walrossbart steht konzentriert im lichtdurchfluteten Foyer der Bonner Konzernzentrale der Deutschen Telekom und spricht mit ruhiger, sympathischer Stimme.Oberstaatsanwalt Fred Apostel hat Nachrichten, die die ganze Republik interessieren: Er hat die Ermittlungen in der Spitzelaffäre der Telekom aufgenommen. Es geht darum, dass der Konzern Telefonkontakte wohl vor allem von Aufsichtsräten und Journalisten aufgezeichnet hat. Strafverfolger haben die Zentrale des Bonner Unternehmens, dessen Mobilfunktochter T-Mobile und die Räume einer Berliner Firma durchsucht, sagt Apostel. Er bestätigt: Auch Ex-Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke und der frühere Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel ?sind Gegenstand der Ermittlungen?.

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Trotz des großen Wirbels in der Telekom-Zentrale bleibt Apostel ruhig, er redet leise mit der Stimme eines gelassenen, älteren Herrn, den so schnell nichts mehr erschüttern kann. Er hat schon viel erlebt: ?Ich hatte schon größere und vor allem aufregendere Fälle?, sagt er dem Handelsblatt. Er erinnert sich an spektakuläre Aktionen, wo er nachts mit der Spezialeinheit GSG 9 einrückte und Unterlagen sicherstellte. Der 59-Jährige mit dem lichten Haar hat schon in Parteispendenaffären, Schmiergeldskandalen und auch beim grauenvollen Mord an dem 20-jährigen Häftling in Siegburg ermittelt.Der Oberstaatsanwalt macht auch jetzt kein großes Aufhebens um seine Person. Er mache die Arbeit schließlich nicht alleine, betont Apostel. Er sei ja nur derjenige, ?der die Mitarbeiter führt?, und verweist auf das ?gute Team, das mich unterstützt?. Fünf Staatsanwälte, 50 Polizeibeamte sowie Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes (BKA) stehen ihm nach eigenen Angaben zur Seite.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Über sein Privatleben gibt ungern etwas preis Apostel ist das Rampenlicht gewohnt. Und große Namen können ihn nicht beeindrucken. Mehrfach ermittelte er schon gegen Prominente. In den 80er-Jahren ging er den Vorwürfen in der Flick-Affäre nach, die die Republik erschütterte. In dem Skandal um versteckte Parteispenden bekam er allerdings auch die Grenzen seiner Macht zu spüren: Die Angeklagten, darunter der damalige Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff, kamen mit milden Strafen davon. Der Richter beklagte, viele Zeugen seinen ?durch ihr schlechtes Erinnerungsvermögen? aufgefallen.Schon damals im Visier Apostels: Helmut Kohl. Ende der 90er-Jahre bekam es der Alt-Bundeskanzler erneut mit Apostel zu tun. Der Staatsanwalt ermittelt wegen der illegalen Parteispenden an die CDU, die Kohl eingeräumt hatte. Zudem musste Apostel in Detailarbeit nachprüfen, ob am Ende der Amtszeit Kohls im Kanzleramt unerlaubt heikle Akten vernichtet worden waren. Nach jahrelangen Ermittlungen erteilte er dessen Mitarbeitern aber die Absolution: Die Papiere, auch über den Verkauf der ostdeutschen Ölraffinerie Leuna, seien nur falsch abgelegt worden.Erneut für Schlagzeilen sorgte Apostel, als er sich an die Fersen Jan Ullrichs heftete. Bei dem gefallenen Rad-Helden ließ er Gnade walten: Das Verfahren wurde gegen die Zahlung einer saftigen Geldstrafe eingestellt. Zwar fand Apostel klare Worte: ?Unsere Ermittlungen über 21 Monate haben ergeben: Ullrich hat gedopt.? Doch die kriminelle Energie des Profis sei nur gering gewesen.Der gebürtige Rheinländer, der aus einem kleinen Ort zwischen Köln und Bonn stammt, fing bereits 1982 bei der Staatsanwaltschaft Bonn an und übernahm im Jahr 2000 schließlich in Bonn als Oberstaatsanwalt die Verantwortung. Wenn er einmal eine Spur verfolgt, ist er unerbittlich. Dann kennt er auch keine Angst vor ?Entscheidungsträgern?.Zu privaten Dingen schweigt Apostel am liebsten. Er möchte auch seinen Lebenslauf nicht herausgeben. ?Da gibt es nichts Besonderes.? Aber dann gewährt er doch einen kleinen Einblick in das, was er nach der Arbeit treibt. ?Für besondere Hobbys habe ich nicht viel Zeit?, räumt er ein. ?Aber ich habe vier Kinder. Da ist immer genug los?, sagt er. Und es klingt aus seinem Munde nicht wie eine zusätzliche Belastung für einen Oberstaatsanwalt mit einem heiklen, anstrengenden Job.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.05.2008