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Der gute Cop aus Hannover

Von Mark C. Schneider
Am Donnerstag wird es ernst für Continentals Personalvorstand Heinz-Gerhard Wente. Die EU-Kommission entscheidet dann über den Kauf von VDO.
Heinz-Gerhard Wente ist Personalvorstand bei Continental. Foto: dpa
HANNOVER. In Krimis mit Schauplatz New York kommt bei Verhören das Prinzip "Guter Cop, böser Cop" zum Einsatz. Ein Polizist gibt den verständnisvollen Zuhörer, sein Partner baut die Drohkulisse auf. Meist wirkt das clevere Schauspiel. Die Ordnungshüter bekommen, was sie wollen.Eine ähnliche Strategie verfolgt offenbar der Automobilzulieferer Continental in Hannover. An der Spitze prescht der kantige Westfale Manfred Wennemer lautstark vor und schüchtert seine Gegner mit markigen Worten ein. Die Rolle des geduldigen Ansprechpartners für Manager, Mitarbeiter und Arbeitnehmervertreter kommt dann Personalvorstand Heinz-Gerhard Wente zu.

Die besten Jobs von allen

"Wir verfolgen meist dasselbe Ziel", sagt Wente über Wennemer. "Ab und zu kommen wir zu unterschiedlichen Lösungsansätzen. Deshalb gibt es verschiedene Rollen in einem Vorstand." Beide kennen sich gut, arbeiten seit Jahren zusammen, pflegen untereinander ein offenes Wort. Vor einem halben Jahr machte Wennemer den Manager der Konzerntochter ContiTech, die Schläuche, Luftfedern und Keilriemen herstellt, zum Arbeitsdirektor. Nach 29 Jahren im Unternehmen zog Wente in den Zentralvorstand ein.Auf positive Resonanz stößt die Personalie selbst auf der anderen Seite des Verhandlungstischs. "Mit Wente kann man reden", sagt ein Spitzenfunktionär der IG Metall. Der Manager stehe zu seinem Wort. Vorgänger Thomas Sattelberger, heute Personalvorstand der Telekom, galt in seinen knapp vier Jahren bei Conti vielen Gewerkschaftern eher als Mann großer Worte, der wenig greifbar war. "Wente sieht aus wie ein Beamter, entscheidet aber schnell", sagt der Funktionär.Kein gering zu schätzendes Lob angesichts der Auseinandersetzungen, die von Seiten der IG Metall und der Betriebsräte von Conti und VDO derzeit mit der Konzernspitze ausgetragen werden. Die Arbeitnehmervertreter fürchten, der Vorstand könnte nach der VDO-Übernahme massiv Jobs abbauen und ganze Standorte dichtmachen. Über entsprechende Zahlenspiele kann sich der sonst nüchterne Niedersachse Wente, geboren im beschaulichen Nettelrede bei Hameln, echauffieren. "Die Restrukturierungen werden an mancher Stelle nicht einfach sein. Aber jetzt Tausende von Arbeitsplätzen als gefährdet hinzustellen schürt aus unserer Sicht nur die Angst. Betriebsbedingte Kündigungen sind für uns immer nur das allerletzte Mittel." Klar ist aber, dass der Conti-Vorstand erhebliche Einsparpotenziale ausmacht. "Wenn wir zwei Verwaltungen zusammenführen, erwarten wir Synergien", sagt Wente nüchtern.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Am Donnerstag muss erst einmal die EU-Kommission als oberste Wettbewerbshüterin den Kauf genehmigen. Alles andere als grünes Licht aus Brüssel wäre eine große Überraschung. "Die Signale sind grundsätzlich positiv", sagt Wente. Innerhalb weniger Monate will er dann den Detailplan für die VDO-Integration vorlegen. Es muss schnell gehen, schon jetzt sind viele in der Belegschaft beunruhigt. "Eine gewisse Verunsicherung bei den Mitarbeitern kann ich verstehen", sagt Wente. "Deshalb wollen wir schnell ein Konzept vorlegen, sobald das Closing abgeschlossen ist." Dem Personalvorstand kommt zugute, dass er im gepflegten Gegensatz zu seinem Chef Wennemer als stets gesprächsbereit gilt. "Ich bin ein kommunikativer Mensch", sagt Wente.Hilfreich ist auch, dass er parallel operative Verantwortung für die Contitech-Sparte Fluid trägt und so die eigenen Entscheidungen als Arbeitsdirektor auszubaden hat. Fluid entwickelt und produziert an 35 Standorten weltweit Schlauchsysteme. Knapp 9000 Mitarbeiter erwirtschaften 1,1 Milliarden Euro Umsatz. Einmal am Tag hält Wente sich über die Lage bei Fluid auf dem Laufenden. "Ich habe ein gutes Team, das sehr selbstständig ist." Sein wesentlicher Kommunikationskanal sind E-Mails. Einen Blackberry nutzt er nicht - aus Kostengründen, wie er freimütig sagt.Der drahtige Manager macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Ein Auto-Enthusiast sei er nicht, interessiere sich aber inzwischen auch privat für Infotainment im Fahrzeug, etwa Navigation und Multimedia.Die drei Kinder studieren. Früher hat Wente Fußball gespielt, heute freut er sich, wenn er Zeit zum Joggen findet. Dann läuft er am liebsten um Hannovers Maschsee.Wie wichtig ist der traditionelle Conti-Standort noch für den Konzern? "Mir fällt es schwer zu sagen, dass wir noch ein Hannoveraner Unternehmen sind", sagt Wente. "Dort ist und bleibt zwar unsere Zentrale. Aber wir haben weit mehr als die Hälfte unserer Mitarbeiter außerhalb Deutschlands." Wente trägt die soziale Verantwortung für 89 000 Mitarbeiter weltweit, nach der Übernahme werden es rund 140 000 sein.Es ist nur schwer vorstellbar, dass jemand von Hannover oder Frankfurt aus Systeme für Billigautos in Indien entwickelt. Wegen der großen Wachstumschancen in Asien wird deshalb auch VDO vor Ort präsent sein müssen. Conti ist auch offen für Akquisitionen.Die Konzentration in der Branche geht weiter. "Durch den Kauf von VDO ist die Gefahr einer Übernahme von Conti sicher geringer. Unsere neue Finanz- und Bilanzstruktur ist für Übernahmen nicht mehr so attraktiv und schwerer einzunehmen. Aber wir können nicht sagen, wir seien vor so etwas jetzt gefeit", sagt Wente.Gelingt dem 56-Jährigen die Integration, gilt er als Kandidat für die Nachfolge von Konzernchef Wennemer. "Um die Kronprinzenrolle konkurriert er mit Finanzchef Alan Hippe", sagt ein Conti-Aufsichtsrat. Zuvor könnte er die Verantwortung für den gesamten Contitech-Bereich übernehmen, wenn der zuständige Vorstand Gerhard Lerch Ende 2008 altersbedingt ausscheidet.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von H.-G. WenteVita von Heinz-Gerhard Wente 1951 wird Heinz-Gerhard Wente am 23. April in Nettelrede/Niedersachsen geboren. Nach dem Abitur macht er eine kaufmännische Lehre bei Continental. Später studiert er Wirtschaftswissenschaften in Hannover und Göttingen mit dem Abschluss Diplom-Kaufmann.1978 startet er bei Continental im Industrial Engineering und übernimmt später verschiedene Aufgaben im Marketing-/Controllingbereich. So leitet er ab 1988 die Abteilungen Marketing, Vertrieb und Logistik im Geschäftsbereich Antriebssysteme.1993 wird er Geschäftsführer der Contitech Antriebssysteme und 1998 dort Vorsitzender der Geschäftsführung.2000 wird Wente Vorsitzender der Geschäftsführung der Contitech Vibration Control. Und ein Jahr später leitet er den Geschäftsbereich Contitech Fluid.2004 wird er Vorstand der Contitech AG und ein Jahr später auch Vorstand der Phoenix AG.2007 wird Heinz-Gerhard Wente am 3. Mai Personalvorstand und Arbeitsdirektor des Conti-Konzerns.
Dieser Artikel ist erschienen am 13.11.2007