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Der große Wolf

Von Helmut Steuer
John Fredriksen ist sehr reich, aber nahezu unbekannt. Nun mischt der norwegische Tankerkönig beim Reisekonzern Tui mit. Doch die Motive des Mannes aus Oslo, der mit einem geschätzten Vermögen von rund sieben Milliarden Dollar reichster Mann Norwegens gilt, bleiben unklar.
STOCKHOLM. Er liebt es sehr direkt. ?Ich habe sieben Milliarden, du nicht. Da gibt es nur eine Lösung.? Das soll John Fredriksen einem widerspenstigen Großaktionär gesagt haben, weil der sich zierte, Fredriksens Übernahmeangebot anzunehmen.Mit dem korpulenten 63-jährigen Reeder aus Norwegen ist eben nicht zu spaßen, das mussten schon viele Konkurrenten und Widersacher bitter erfahren: Letztlich setzt sich der mächtige Tankerkönig immer durch. Zuletzt machte er von sich reden, als er mit mehr als drei Prozent beim deutschen Touristik-Riesen Tui einstieg.

Die besten Jobs von allen

Was hat er mit dem deutschen Reise- und Schifffahrtskonzern vor? Aufspalten? Niemand weiß es. ?Wir haben die Aktien gekauft, weil sie billig waren?, ist der einzige Kommentar von Tor Olav Trøim, Fredriksens rechter Hand seit vielen Jahren.?Ich glaube, Tui ist eine reine Finanzbeteiligung?, bestätigt Siri Evjemo Nysveen, Analystin bei der isländischen Bank Kaupthing. Sie müsste es wissen, denn bis vor kurzem arbeitete sie bei Frontline, Fredriksens wichtigstem Unternehmen: der größten Tanker-Reederei der Welt.Doch die Motive des Mannes aus Oslo bleiben unklar. Aber so ist er, ?storvargen?, der große Wolf, wie er in Norwegen genannt wird, einer, der vorsichtig seine Beute aufspürt, um dann überraschend zuzuschlagen. Genauso hat er es in der Vergangenheit gemacht. Mit Erfolg, denn heute gilt der streitbare Reeder als reichster Mann Norwegens und belegt mit einem geschätzten Vermögen von rund sieben Milliarden Dollar auf der ?Forbes?-Liste der vermögendsten Menschen weltweit Platz 104.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sohn eines SchweißersAls John Fredriksen 1944 in einem Arbeiterviertel von Oslo zur Welt kommt, ist der spätere Werdegang alles andere als vorgezeichnet. Der Sohn eines Schweißers muss von Beginn an lernen, jede Krone zweimal umzudrehen. In den Ferien jobt er als Bote bei einem Osloer Schiffsmakler. Das hinterlässt, bestätigen heute seine Freunde, nachhaltigen Eindruck: Die Leidenschaft des Jungen, den Lehrer als neugierig bezeichnen, gilt fortan der Schiffsmaklerei, dieses Geschäft mit fernen Ländern und fremden Waren, mit großen Schiffen und gigantischen Aufträgen.Neben dem Abendgymnasium jobbt er weiter als Bote und überzeugt den Arbeitgeber, ihm einen kleineren Maklerauftrag zu geben. Damit ist John Fredriksen ein für alle Mal für sämtliche anderen Berufe verloren. Nach Stationen bei Schiffsmaklern in Oslo, New York, Singapur, Athen und London macht er sich als Dreißigjähriger selbstständig.Schon bei seinem ersten Auftrag beweist er das, was später zu seinem Markenzeichen wird: das richtige Näschen. Er bringt mit einem angemieteten Tanker Rohöl aus dem Mittleren Osten nach Osteuropa. Ein riskantes Geschäft, sagen damals viele angesichts der politischen Lage und der großen Ölpreisschwankungen. Doch für ihn ist es ein lukratives Geschäft, ein sehr lukratives sogar. Von den ersten größeren Einnahmen kauft er einen betagten Tanker, dann werden es zwei, drei, vier ? und heute besitzt er die größte Tankerflotte der Welt. Und nebenbei überholt er noch den legendären griechischen Reeder Onassis.Rümpfte man in der Seefahrer- und Reeder-Nation Norwegen anfangs die Nase, wenn der burschikos wirkende Fredriksen auftauchte, so ist er heute in den feineren Kreisen zumindest geduldet. Immerhin ist er ja auch mit Abstand der reichste Norweger.Besser gesagt: Er war es. Denn im vergangenen Jahr hatte Fredriksen nach diversen Auseinandersetzungen mit den norwegischen Steuerbehörden die Faxen dicke, ging zur Polizei und gab seinen norwegischen Pass ab. Seitdem ist er offiziell zypriotischer Staatsbürger.Er hat dort eine Luxuswohnung. Doch meistens lebt er in London in einem Haus, das diesen Namen eigentlich nicht verdient. Es ist ein Palast, für den der russische Oligarch Roman Abramowitsch erst vor kurzem 190 Millionen Dollar geboten hat. Doch Fredriksen lehnte dankend ab.Der Reeder mit dem weißen, leicht schütteren Haar, das im Kontrast zu seiner leicht gebräunten Haut steht, ist nicht nur Schiffsmakler, sondern Reeder, Lachszüchter und ? Geheimniskrämer: Über sein weitverschachteltes Imperium mit Unternehmen in Liberia, Zypern, und Norwegen redet er nicht. Überhaupt meidet er die Öffentlichkeit, gibt nie Interviews.Das war nicht immer so: In den Anfängen seiner Karriere, als er das erste große Geld verdient, ist er gern und häufig gesehener Gast im Theatercafé in Oslo, der ersten Adresse, wenn es um Sehen und Gesehen werden geht. Sein Stammtisch dort trägt damals bei Freunden den Namen ?Kharg Island?. Das ist jene zu Iran gehörende Insel im Persischen Golf, die einst einen der größten Ölhäfen beherbergte, dann aber von Iraks Saddam Hussein zerstört wurde. Der Name passte: Der Sammler moderner norwegischer Kunst hat sein Vermögen mit Öltransporten aus der Krisenregion in alle Welt gemacht. Gegner sagten einmal, er ?war der Nabel der Ajatollahs?.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Eigentümer von LachsfarmenDie oftmals ausufernden Nächte im Theatercafé sind selten geworden, seine Vorliebe für dicke Zigarren und der liberale Umgang mit Alkohol dagegen geblieben. Aber er ist ruhiger geworden, poltert nicht mehr los und lässt seine Geschäftspartner ausreden.Mittlerweile mischt der zweifache Vater auch außerhalb des Tankergeschäfts mit. Er hat eine der größten Lachsfarmen in Norwegen gekauft, betreibt eine Inkassofirma, besitzt Service-Unternehmen für die Ölindustrie und setzt wegen des boomenden Welthandels auch auf Containerschiffe für Waren aller Art.Es ist wohl die unternehmerische Herausforderung, die ihn immer noch reizt. Geld ist wichtig, doch wenn das Bankkonto so prall gefüllt ist wie seines, gibt es neue Prioritäten. Als ihm ein norwegischer Reporter vergangene Woche vorrechnete, er habe durch die Turbulenzen an den Aktienmärkten im vergangenen Monat rund fünf Milliarden verloren, fragte Fredriksen nur kurz: ?Dollar oder Kronen??Vita John Fredriksen1944
Er wird am 11. Mai als Sohn eines Schweißers in einem Osloer Arbeiterviertel geboren. Bereits neben dem Abendgymnasium jobbt er bei einem Schiffsmakler. Später arbeitet er bei Schiffsmaklern in Oslo, New York, Singapur, Athen und London.
1974
Er macht sich als 30-Jähriger selbstständig.
1980
In den achtziger Jahren macht er sein Vermögen während der Iran-Irak-Kriege. Er transportiert Öl aus der Krisenregion nach Europa und in andere Teile der Welt.
2006
Nach Ärger mit den norwegischen Steuerbehörden tauscht er seine norwegische Staatsbürgerschaft gegen die von Zypern ein. Er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.08.2007