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Der große Systematiker

Von Christoph Hardt
Siemens ist mehr als nur Skandal: Vorstand Erich Reinhardt führt die Medizintechnik nach einer langen Einkaufstour in die Weltspitze. Er denkt in Zeiträumen, gegen die Quartale und die entsprechenden Zahlen zu Episoden verkümmern.
Erich Reinhardt. Foto: PR
MÜNCHEN. Der ?Professor?. So wird er in der Siemens-Welt überall auf dem Globus genannt, und er lässt es sich gern gefallen. Wenn also Professor Erich Reinhardt seinen derzeit bevorzugten Vortrag hält, dann ereignet sich schon am Anfang eine schöne Szene: Neben der Leinwand links der Herr Professor, auf der Leinwand rechts ganz groß das Foto eines chinesischen Greises, in der Mitte eine beeindruckende Zahlenreihe: 2050 werden 9,3 Milliarden Menschen auf der Erde leben. Dann wird es mehr 60-Jährige als 14-Jährige geben. In China werden fast acht Prozent der Bevölkerung älter als 80 sein. Reinhardts simpler Schluss: ?Kein Zweifel, der Bedarf an Gesundheitsleistungen wird wachsen.?Nun ist die Perspektive 2050 für ein Unternehmen, das selbst die Liefertermine seiner Computerkernspintomographen vom Rhythmus der Quartalszahlen abhängig macht, ein gewaltig langer Zeitraum. Doch wenn Reinhardt in der Riege der führenden Siemens-Manager eine Eigenschaft auszeichnet, dann die, in langen Zeiträumen nicht nur zu denken, sondern daran auch seine Strategie auszurichten.

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Und weil der äußerlich so unscheinbare Mann dabei offenbar so überzeugend gewirkt hat, ist die Medizintechnik binnen einem Jahrzehnt von einem der großen Sorgenkinder des Konzerns zu einem der ganz großen Hoffnungsträger geworden. Zwischen 2000 und 2007 hat der Bereich Med 40 Unternehmen im Gesamtwert von zehn Milliarden Euro gekauft ? eine der größten Shoppingtouren in der Geschichte des Technik-Konzerns aus München.Unter den dicken Brocken war Bayer Diagnostics der größte. Zum 1. Januar 2007 hat Siemens den Spezialisten für Labordiagnose aus New York zusammen mit dem US-Zukauf DPC im neuen Geschäftsgebiet Medical Solutions Diagnostics, kurz DX, zusammengeschlossen. Siemens hat für die beiden Unternehmen mehr als fünf Milliarden Euro ausgegeben, um so nach Roche zweitgrößter Anbieter der Welt zu werden.Reinhardt ist damit fast da, wo er sein will. Fast. Denn eigentlich sieht sich der Mann, vom Habitus her Ingenieur pur, als Visionär. Seine Vision: Medizin wird künftig eine an den Bedürfnissen des einzelnen Patienten ausgerichtete Kette von Früherkennung bis zur Therapie und Nachsorge sein, die sich aller heute nur denkbaren technischen Mittel bedient. Ob genetische Früherkennung und ausgefeilte Labordiagnose, ob Krebsoperation mit Hilfe modernster optischer Analysegeräte, ob Nuklearmedizin oder internetgestützte Nachbetreuung ? in Reinhardts neuer Gesundheitswelt passt das, über intelligente IT vernetzt, alles zusammen. Im Ergebnis soll eine Medizin stehen, die nicht nur besser, sondern auch viel kostengünstiger ist.Reinhardt, der Schwabe, manchmal ist seine Rede wie eine Predigt. Bei Siemens hat er viele Jünger. Nicht zuletzt deshalb galt er in den Skandalwirren des Konzerns, die den Rücktritt von Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld zur Folge hatten, immer wieder als möglicher interner Nachfolgekandidat für den Posten des Vorstandschefs. Reinhardt, das ist die seltene Verbindung eines Naturwissenschaftlers, der auch als Manager Erfolge hat ? Leute von solchem Naturell haben Siemens über Jahrzehnte geprägt.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Aufsichtsrat hat anders entschiedenNun, der Aufsichtsrat hat anders entschieden: Mit dem Pharmamanager Peter Löscher bekommt Siemens aber einen Konzernchef, der der Medizintechnik so nahe steht wie wohl keine andere Spitzenkraft neben dem Herrn Professor.Vor wenigen Tagen haben sich Reinhardt und Löscher getroffen. ?Wir kennen uns schon seit vielen Jahren. Ich habe mit ihm in Projekten zur Zukunft der Kernspinresonanztomographie zusammengearbeitet?, erzählt Reinhardt. Mehr will er am Rande einer Präsentation in New York über seinen neuen Chef nicht sagen. Dass die Medizintechnik unter Löscher eine noch größere Rolle spielen werde, will er nicht ausdrücklich bejahen. Aber er betont doch, dass die Sparte Med schon vor dem Chefwechsel Schwerpunktthema gewesen sei, der Aufsichtsrat habe dies jetzt noch mal bestätigt.Zweifellos spricht Reinhardt hier mit dem Selbstbewusstsein dessen, der sich seine Freiheiten im Konzern durch Erfolge erarbeitet hat. Deshalb hat Reinhardt bei Siemens auch eine Sonderstellung: Er ist als operativ zuständiger Bereichsvorstand zugleich Mitglied im Konzernvorstand, womit er sich im komplizierten Geflecht der Siemens-Zuständigkeiten sozusagen selbst betreut. Kurz gesagt, Reinhardt ist nicht nur eine Macht im Hause, er symbolisiert das hohe Selbstverständnis der Bereichschefs gegenüber der Konzernzentrale. Peter Löscher wird auf den Rang seiner ?Fürsten? Rücksicht nehmen müssen, wenn es in der Aufarbeitung der Skandalfolgen an die Neuordnung der Unternehmensspitze geht.Fragt man in den USA, welche Spuren der Skandal dort hinterlassen hat, erntet man ein leicht verständnisloses Lächeln. Nicht eine Nachfrage seiner Kunden habe es gegeben, sagt Timothy Adams, regionaler Verkaufsleiter der Laborsparte. ?Das ist hier kein Thema, unser Geschäft läuft blendend?, bekräftigt Tony Bihl, Chef des Geschäftsgebiets DX. Siemens in Amerika, das erscheint trotz der Ermittlungen der US-Börsenaufsicht SEC fast wie die heile Welt. Beinahe die Hälfte des gesamten Umsatzes von zuletzt 8,2 Milliarden Euro erzielt Siemens-Med in den USA, auch deshalb will Reinhardt hier seine Vision der Medizin der Zukunft in die Praxis umsetzen.?Wir müssen das Schubladendenken überwinden, vom Produktdenken hin zur Orientierung an Krankheitsbildern kommen?, sagt Reinhardt. So erprobt Siemens mit Genehmigung der US-Gesundheitsbehörde FDA seit 1. Juni vergangenen Jahres einen Biomarker, mit dem sich der gefährliche Alzheimer-Plaque frühzeitig erkennen lässt. Auch die Krebstherapie verspricht in manchen Bereichen erhebliche Fortschritte durch die neue Kombination mehrerer optischer Techniken. So kann das neu entwickelte PET/CT Tumore nicht nur erkennen, sondern auch punktgenau im Körper zuordnen.In seiner Umgebung nennen sie Reinhardt den ?großen Systematiker?. Ein Vortrag reicht, um zu wissen, dass ?Work-Flow? sein Lieblingswort ist. Glaubt man guten Bekannten, hat er die Fähigkeit, selbst vertrackte Arbeitsprozesse in winzige Teilschritte aufzudröseln, um dann die Schwächen zu analysieren. So setzt er sich seit fast drei Jahrzehnten mit dem Thema der menschlichen Gesundheit auseinander. ?Gesundheit, das ist das globalste Geschäft, das sich überhaupt denken lässt?, gerät der Kaufmann im Techniker so ins Schwärmen, dass man seinen Visionen nach den Siemens-Desastern schlicht Glauben schenken möchte.Vita: Erich Reinhardt1946: Er wird am 3. Oktober in Öhringen/Baden-Württemberg geboren. Später studiert er Elektrotechnik in Stuttgart, anschließend promoviert er am Institut für physikalische Elektronik.1983: Er kommt zum Siemens-Konzern, wird Anwendungsentwickler auf dem Gebiet der Magnetresonanztherapie, die heute zu den erfolgreichsten Geschäftseinheiten des Unternehmens gehört.1990: Reinhardt übernimmt die Führung der Siemens-Landesgesellschaft in Bombay/Indien.1994: Er rückt in den Bereichsvorstand von Siemens Med, der Medizinischen Technik, in Erlangen auf und wird bald darauf Vorstandschef des Bereichs, in dem er alsbald mit der Sanierung beginnt.2001: Erich Reinhardt, seit 1989 auch Honorarprofessor in Stuttgart, steigt im Dezember in den Vorstand der Siemens AG auf.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.05.2007