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Der große Motivator

Von Jens Koenen und Sandra Louven
Um die Geschäftskundensparte der Telekom zu retten, muss der neue T-Systems-Chef Reinhard Clemens einen schwierigen Balanceakt riskieren. Er muss eine harte Sanierung durchsetzen und gleichzeitig den T-Systems-Mitarbeitern wieder Mut machen - eine Herkulesaufgabe.
FRANKFURT/BERLIN. Locker und mit geradem Rücken steht er auf der Bühne des Telekom -Hauptstadtbüros. Reinhard Clemens, seit wenigen Wochen Chef von T -Systems, ist in seinem Element, ist doch Überzeugungskraft gefragt und davon jede Menge. Es geht um die Zukunft von T -Systems, Ideen für mehr Wachstum bei der kriselnden Geschäftskundensparte der Deutschen Telekom - angesichts von schwindendem Umsatz und immer neuen Rettungskonzepten kein leichtes Unterfangen.Clemens geht in solchen Situationen gerne zum Angriff über, nennt das Kind beim Namen. "Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, welch großen Vorteil der oft so verhöhnte Beamtenapparat für uns hat?" fragt er die anwesenden Journalisten. Und liefert die Antwort sogleich nach. Die Staatsdiener seien keineswegs nur eine Last, sondern im Gegenteil eine "unique selling proposition" - ein einmaliges Verkaufsargument. Seien sie doch gerade für sicherheitsrelevante Aufgaben bei Behörden prädestiniert. "Das kann sonst niemand", behauptet Clemens. So unaufgeregt und überzeugt sagt er das, dass man das sogar glauben möchte.

Die besten Jobs von allen

Clemens hat eine klare Vorstellung von dem Weg, den T -Systems einschlagen soll. Der "Neue" favorisiert nach Angaben aus Konzernkreisen eine Kooperation mit einem indischen IT-Dienstleister, ohne den an T -Systems zu beteiligen. Damit weicht er von dem Konzept ab, das Konzernchef René Obermann sich für die Sparte überlegt hatte. Der wollte große Teile daraus in ein Joint Venture einbringen, bei dem die Telekom sich sogar mit einem Minderheitsanteil zufrieden gegeben hätte.Dass Obermann den erneuten Strategiewechsel durchgehen lässt, zeigt, wie überzeugend Clemens sein muss. Darin unterscheidet er sich von seinem Vorgänger Lothar Pauly. Der ehemalige Siemens -Manager galt nicht als ausgewiesener IT-Experte und hatte im Telekom -Vorstand offenbar kein gutes Standing. Im vergangenen Juni trat er unter Hinweis auf seine möglichen Verstrickungen in den Siemens -Schmiergeldskandal ab.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Guter Verkäufer "Reinhard Clemens ist ein Verkäufer", beschreibt ein Insider den neuen T-Systems -Chef. Und genau den kann die IT-Service-Tochter der Deutschen Telekom gut gebrauchen. Nach dem Abgang von Pauly waren die rund 56 000 Beschäftigten ohne alleinverantwortlichen Chef kopflos.
Gleichzeitig drohte der von Obermann anvisierte Verkauf. Die Folge: Mitarbeiter und Kunden waren gleichermaßen verunsichert. Rivalen wie BT oder Orange Business Services rieben sich erfreut die Hände und berichteten fleißig, dass immer mehr T-Systems -Kunden zu ihnen überliefen.Doch das dürfte mit Clemens ein Ende haben. Der 47-Jährige gilt als ein Mann der klaren Worte und Taten. Das hat er bei der deutschen EDS mehrfach bewiesen. 2003 hatte er bei der deutschen Tochter des US-IT-Dienstleistungskonzerns das Ruder übernommen. Damals hatte die Landesgesellschaft zu viele Mitarbeiter und eine aufgeblähte und ineffiziente Organisation.Clemens packt zu, streicht Stellen, organisiert Abläufe neu. Zwar hat EDS heute in Deutschland nicht mehr die Bedeutung, die das Unternehmen international besitzt. Dafür trägt die Landesgesellschaft allerdings auch nicht jene Last der Überkapazitäten mit sich herum, die die meisten IT-Dienstleister in Deutschland heute noch stemmen müssen."Clemens kennt die Problematik bei T -Systems bestens", beschreibt ein Mitarbeiter seinen neuen Chef und ergänzt: "Wir hoffen, dass er das Unternehmen wieder in etwas ruhigeres Fahrwasser bringt."Doch ruhig dürfte es vorerst kaum werden, Clemens verlangt viel von seinen Kollegen. Nichts rege ihn mehr auf, als fehlendes Committment, sagt er vor einiger Zeit über sich selbst. "Ich will Leute um mich haben, die gemeinsam mit mir für die richtigen Sachen kämpfen." Die richtige Sache, das ist offenbar eine lockere Partnerschaft und die Sanierung aus eigener Kraft. Bei der Belegschaft dürfte er sich damit Freunde machen, auch wenn jeder weiß, dass die Einschnitte hart werden. Die Gewerkschaft warnt seit längerem vor einem Kahlschlag bei T -Systems.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Eine harte NussDoch das dürfte Clemens kaum beeindrucken. Viel bedeutender ist dagegen die Stimme des Bundes als Aktionär des magentafarbenen Riesen. Einen flächendeckenden Stellenabbau, das wird wohl kaum den Segen des Bundes finden. Erst recht nicht, seitdem durch die jüngsten Landtagswahlen das Thema "soziale Gerechtigkeit" klar gesetzt ist."Das wird eine echt harte Nuss für ihn, aber das weiß er", berichtet ein Wegbegleiter aus EDS-Zeiten. Zudem könne Clemens sich und seine Pläne auch gegenüber schwierigen Gesprächspartnern verkaufen. Sicher, so wird berichtet, zuweilen werde er laut, raste richtig aus. "Doch die Schwelle liegt bei ihm hoch. Das passiert eher selten", heißt es in EDS-Kreisen.Zur Entspannung gibt es dann anschließend Haribo, eine der großen Leidenschaften von Clemens. Überhaupt das Essen. Eigentlich wollte Clemens lieber Koch werden. Noch heute greift er gerne zu Schürze und Löffel, am liebsten für die eigene Familie. Doch sein Vater überredete ihn, einen Beruf mit normaleren Arbeitszeiten zu wählen.Dieser Wunsch hat sich allerdings nicht erfüllt, zu groß ist die Herkulesaufgabe bei T -Systems. Auch Clemens wird die Grundprobleme der Branche, Überkapazitäten und Preisverfall, nur schwer lösen können. Was ihm bleibt, ist ein schwieriger Balanceakt: Er muss eine harte Sanierung durchsetzen und gleichzeitig den T-Systems -Mitarbeitern wieder Mut machen, sie motivieren. "Schafft er das, wäre damit schon sehr viel gewonnen", gibt man sich in T-Systems -Kreisen pragmatisch.Vita1960Er wird am 22. Juli geboren. Reinhard Clemens studiert später Elektrotechnik in Aachen und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Werkzeugmaschinen.1990Er startet seine Karriere als Geschäftsführer der Gesellschaft für Industrieautomation.1994Er wechselt zum IBM -Konzern. Dort befasst er sich in verschiedenen Positionen vor allem mit Vertrieb, Service und Outsourcing-Geschäft.2001Reinhard Clemens geht zur EDS in Deutschland. Dort ist er als Vorsitzender der Geschäftsführung unter anderem für Vertrieb und Strategie zuständig.2007Seit dem 1. Dezember ist er im Vorstand der Deutschen Telekom für Geschäftskunden verantwortlich. Außerdem ist er Chief Executive Officer (CEO) von T -Systems.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.01.2008