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Der große Integrator

Von Eberhard Krummheuer
Stefan Garber tritt ab morgen an, um bei der Bahn den Netz- und den Servicebereich zusammenzuführen. Damit nimmt der Mann, dessen zurückhaltende Art Mitarbeiter zuweilen als Aura der Unnahbarkeit empfinden, eine Schlüsselstellung auf dem schwierigen Weg der Teilprivatisierung der Bahn ein.
BERLIN. Er beschrieb die Infrastruktur der Deutschen Bahn als ?geölte Produktionsmaschine?, die Volldampf für den Börsengang bringen müsse. Er tat es in seiner gewohnt schnörkellosen Art, ohne jegliche Charts und ohne rhetorische Höhepunkte.Ab morgen wird es dann wirklich ernst für den stämmig wirkenden 50-Jährigen: Er tritt offiziell als Chef des neu geschaffenen Vorstandsressorts Infrastruktur und Dienstleistungen der Bahn an. Damit nimmt der Mann, dessen zurückhaltende Art Mitarbeiter zuweilen als Aura der Unnahbarkeit empfinden, eine Schlüsselstellung auf dem schwierigen Weg der Teilprivatisierung der Bahn ein.

Die besten Jobs von allen

Er wird zugleich Weichensteller und Sanierer sein. Er muss seinen Bereich kompromisslos strukturieren und ? mitentscheidend für die Börsenpläne seines Chefs Hartmut Mehdorn ? reichlich Einsparpotenziale aufdecken. Von der Netz AG bis zu Reinigungsfirmen, von konzerneigenen Planungsingenieuren bis zur Bahnhofstochter Station und Service AG hat sich unter dem Dach der Bahn AG viel unkoordiniertes Eigenleben entwickelt. Das muss er zusammenführen und die etwa 86 000 Mitarbeiter dieser Geschäftsfelder auf Konzerndenke bringen ? eine gewaltige Aufgabe.Aber er hat darin Erfahrungen. Die bisherigen Stationen in seinen fünf Bahn-Jahren beschreibt er mit ?Feuerwehreinsätzen?. Der letzte war der heikle Job, die hoch qualifizierte Truppe der Bahningenieure und die Einkäufer der Bahn zu einem Team zu verschmelzen. Die Techniker neigen dazu, für die Bahn das High-Tech-Optimum zu entwickeln und zu fordern, koste es, was es wolle. Die Kaufleute sind dem sparsamen Wirtschaften verpflichtet.Garber löste das Problem auf die ihm eigene Weise: Pragmatisch, ohne laute Töne, aber konsequent bis hart in der Sache führte er die beiden bislang parallel funktionierenden Organisationen erfolgreich zusammen. ?Er ist sehr analytisch?, beschreibt ein Betroffener, ?denkt digital nach dem Motto: Es gibt immer zwei Lösungen.? Und er neige dazu, sich in die Überlegungen seines Gesprächspartners hineinzufinden ? so sehr, dass er dessen Antworten schon vorab ahnt.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Schwer tun sich die Mitarbeiter zuweilen damit, dass ihr Chef wenig Emotion zeigt, nicht ahnen lässt, wo er steht, wenn etwas nicht klappt. Er sieht das anders: ?Ich gehe pragmatisch an die Sache heran. Wenn?s funktioniert ? gut, wenn nicht , dann funktioniert es eben nicht. Was soll ich mich darüber ärgern??Als Weichensteller muss er sich auf dem politischen Parkett bewegen. Die Bahn hat zwar im letzten Jahr operativ die schwarzen Zahlen erreicht. Doch bei der Finanzierung ihres Schienennetzes hängt sie über den Verkehrsetat des Bundes am Tropf des Bundesfinanzministers.?Große Infrastrukturprojekte auf den Weg zu bringen und zu realisieren, das habe ich gelernt?, sagt Garber, der viele Jahre im Bergbaugeschäft arbeitete. ?Deutlich Lernbedarf habe ich aber hinsichtlich des Einflusses der Politik auf die Bahn. Da bin ich wohl kein allzu guter Diplomat?, räumt er ein.Der Einfluss politischer Denkweisen überrascht den gelernten Juristen auch im Unternehmen immer wieder: ?Es gibt immer noch zwei Fraktionen bei der Bahn. Die einen sehen nach wie vor den öffentlichen Auftrag der Daseinsvorsorge, die anderen den Auftrag des Eigentümers, als Aktiengesellschaft erfolgreich in Märkten Geld zu verdienen.? Das führe in Diskussionen zu völlig unterschiedlichen Argumentationen.?Das ist ungewohnt für einen Mann, der in seinem Berufsleben schon mehrere Börsengänge begleitet hat. Sein bislang letztes Going Public erlebte er bei der Heidelberger Druckmaschinen AG ? gemeinsam mit Hartmut Mehdorn, dem heutigen Bahnchef. Dem folgte er schließlich beruflich von Heidelberg zur Deutschen Bahn nach Berlin.Schnörkellos wie der neue Bahn-Vorstand ist sein schmuckloses Büro in der Konzernzentrale in Berlin, wo lediglich Bilder seiner Frau und seiner beiden halbwüchsigen Kinder den privaten Menschen verraten. Dass er ein Privatleben hat, verhehlt er nicht, und wenn er davon erzählt, wirkt der kühle Analytiker gar nicht mehr so cool. Da erzählt er, dass er in den Ferien mehrtägige Kanutouren durch Kanadas Wildnis unternimmt.Reisen, Neugierde auf fremde Menschen, das habe er schon als junger Mann begonnen: ?Geld hatte ich keins, da habe ich mich um Stipendien beworben.? Die Lust zu reisen habe sich fortgesetzt, sagt Garber, der beruflich viele Jahre in Kanada verbrachte. Mit der Familie tourt er gerne in seinem Wohnmobil.Und das zuweilen ? was bei dem beherrschten Manager Garber überrascht ? ohne große Planung: ?Voriges Jahr etwa sind wir in Bad Homburg einfach losgefahren und wussten nicht, wo wir hinwollten.? Die Entscheidung fiel kurz vor der Autobahnauffahrt nach dem Radio-Wetterbericht. Es ging nach Norden.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.06.2005