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Der große Brückenbauer

Von M. Kurm-Engels
Als Chefvolkswirt der Bundesbank und dann der Europäischen Zentralbank (EZB)prägte Ottmar Issing zunächst die deutsche und später die europäische Geldpolitik. Nach 40 Jahren Berufsleben nimmt er in Frankfurt Abschied von seinen langjährigen Weggefährten.
FRANKFURT. Die Teilnehmerliste liest sich wie das ?Who is Who? der internationalen Geldtheorie und -politik: amtierende und ehemalige Gouverneure der großen Notenbanken, hochrangige Repräsentanten internationaler Währungsbehörden, führende Köpfe aus der Wissenschaft. Dabei hatte Otmar Issing, der Ende Mai als Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank abtritt, zu seiner Abschiedskonferenz nur Weggefährten eingeladen. Doch die Liste derer, mit denen er sich nach rund 40 Jahren Berufsleben in der einen oder anderen Weise verbunden fühlt, umfasste mehr als 300 Personen.Das Thema der Konferenz war einfühlsam gewählt. ?Geldpolitik: Eine Reise aus der Theorie in die Praxis?. Treffender lässt sich Issings beruflicher Werdegang kaum umreißen: In 23 Jahren in der Wissenschaft machte er sich als Theoretiker einen Namen. Als Chefvolkswirt der Bundesbank und dann der EZB prägte er zunächst die deutsche und später die europäische Geldpolitik. Die Konferenz würdigte Issings entscheidenden Beitrag zur Erfolgsstory der EZB und des Euros.

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Wenn heute die Kluft zwischen Geldtheorie und praktischer Geldpolitik kleiner sei als noch vor einigen Jahren, dann liege es an Leuten wie Issing, sagte der renommierte US-Ökonom Allan Meltzer von der Carnegie Mellon University. Issing habe versucht, Brücken zu schlagen. ?Mehr als jeder andere Top-Notenbanker beteiligte er sich aktiv an der wissenschaftlichen Diskussion und versuchte, neue analytische Entwicklungen in die praktische Geldpolitik und in die Forschung seines Stabs zu integrieren.?Meltzer kennt Issing aus Jackson Hole, wo sich die Notenbanker der Welt jedes Jahr im Sommer treffen. Bei fachlichen Diskussionen auf langen Spaziergängen habe man sich kennen- und schätzen gelernt, berichtete er. Mervyn King, der britische Notenbankchef, erzählte von einem Rat, den Issing ihm einmal gab: Wann immer ein Notenbanker glaube, die Wirtschaft gut genug verstanden zu haben, um sie feinsteuern zu können, sollte er gehen und Mozart hören. Von Issing ist bekannt, dass er bei Mozart entspannt.Wie Meltzer und King begann jeder der Redner seine Ausführungen mit einigen Worten über seine persönliche Beziehung zu Issing. Leere Phrasen gab es dabei nicht. Sämtliche persönlichen Anmerkungen waren geprägt von fachlicher Anerkennung, gegenseitigem Respekt, Vertrauen oder Freundschaft.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Es ist wie in einer großen Familie.Das galt selbst für anders Denkende wie Lars Svensson, den glühenden Verfechter des ?Inflation targeting?. Vor allem in den Anfangsjahren der EZB war er einer der erbittertsten Kritiker der von Issing konzipierten geldpolitischen Zwei-Säulen-Strategie. Die erste Säule berücksichtigt die wirtschaftlichen, die zweite die monetären Risiken für die Preisstabilität. Selbst zum Abschied gab Svensson nicht auf. Jetzt will er Issing von der ?flexiblen? norwegischen Variante des ?Inflation targeting? überzeugen.Issing dürfte es gefreut haben, dass Bundesbankpräsident Axel Weber ein Plädoyer für die monetäre Säule der EZB-Strategie hielt und sogar Forderungen nach einer Verschmelzung mit der wirtschaftlichen Säule als ?schlecht fundiert? abtat. 2003 hatte er sich noch für die ?vollständige Integration beider Strategiesäulen? ausgesprochen.Als großen Erfolg darf Issing verbuchen, dass sich auch EZB-Präsident Jean-Claude Trichet uneingeschränkt zur Zwei-Säulen-Strategie bekannte. Er sei zuversichtlich, dass sie über die Grenzen des Euro-Raums an Bedeutung gewinne, sagte der Franzose. Zeitweise war befürchtet worden, das Zwei-Säulen-Konzept werde Issings Ausscheiden nur knapp überleben.Am Ende gab es stehenden Applaus für einen großen Notenbanker. Trichet umarmte seinen Chefvolkswirt herzlich. ?Es ist wie in einer großen Familie?, raunte ein Teilnehmer. Der Gefeierte kaschierte seine Bewegtheit mit Humor. Nach der Beisetzung eines Generals habe Abraham Lincoln einst bemerkt: ,Wenn er gewusst hätte, wie groß seine Beerdigung würde, wäre er Jahre vorher gestorben?, sagte Issing. ?Wenn ich ... .?
Dieser Artikel ist erschienen am 20.03.2006