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Der graue Markt und das Haus auf Mallorca

Von Thomas Knüwer
Eigentlich müsste Jürgen Fahr jetzt in Frankfurt sein - auf der Automesse IAA. Doch Jürgen Fahr sitzt in Berlin im Arbeitsgericht. Er soll bei Daimler-Chrysler als Vertriebsleiter für Mercedes, Smart und Maybach gegen hausinterne Daimler-Regeln bei der Vergabe von Großkundenrabatten verstoßen haben.
BERLIN. Eigentlich gehört Jürgen Fahr hier nicht hin. Karg ist es, die Wände sind weiß, ohne Schmuck. Melancholie, dein Name ist Arbeitsgericht Berlin.Eigentlich müsste Fahr jetzt in Frankfurt sein. Auf der Automesse IAA. Er würde im Rund des Daimler-Chrysler-Stands stehen, mit Niederlassungsleitern plaudern, mit Kunden. Vielleicht hätte er sogar ein Wort mit Finanzminister Hans Eichel gewechselt, als der sich vorgestern in der sparsamen A-Klasse ablichten ließ.

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Eigentlich.Doch Jürgen Fahr ist nicht in Frankfurt, er ist der exotische Farbtupfer in Saal 523 des Berliner Arbeitsgerichts. Der Sohn der schwäbischen Landmaschinendynastie Fahr, deren Unternehmen vom Rivalen Deutz übernommen wurde, ist braun gebrannt, seine Krawatte leuchtet pink-rot, an seiner Seite Anwältin Claudia Frank von Probandt & Partner in auffälligem Gelb.Und auch der Prozess, um den es gestern ging, ist etwas Besonderes. Er dreht sich um Graumarktgeschäfte mit Nobelautos, um private Vergünstigungen ? und vor allem um die Ehre des Hauses Daimler-Chrysler.Von diesem war Fahr einst ein nicht unbedeutender Teil. Als Leiter des Vertriebs für Mercedes, Smart und Maybach in Deutschland zeichnete er seit 2002 verantwortlich, schon damals war er ein Vierteljahrhundert in Diensten der Stuttgarter.Zu Fall brachte ihn die Affäre um den Pfaffenhofener Ladenbauer Franz Attinger. Dieser besaß seit den 90ern einen Großkundenrabatt von zehn Prozent beim Kauf von Mercedes-Modellen. Bis zu 300 Stück nahm er pro Jahr ab, was jeden verwundert hätte, der Attingers Mitarbeiterzahl kannte: Sie bewegte sich konstant im einstelligen Bereich.Attinger verkaufte die Wagen weiter und bereicherte sich durch den Rabatt. Graumarktgeschäft nennt man das. Die Hersteller tolerieren solche Zwischenhändler je nach Marktlage: Zwar verhagelt ihnen das ein wenig die Rendite, doch in schlechten Zeiten bleiben zumindest die Verkaufszahlen stabil. Graumarktgeschäfte sind nicht einmal illegal ? aber sie verstoßen gegen die hausinternen Daimler-Regeln.Fahr behauptet, der damalige Mercedes-Lenker Jürgen Hubbert habe ihm aufgegeben, das Graumarkttreiben sukzessive zu unterbinden. Er solle sich ?bemühen, den Interessen beider Unternehmen (also Daimlers und Attingers) angemessen Rechnung zu tragen?.Deshalb habe er für das Jahr 2003 ein neues Rabattabkommen mit Attinger ausgehandelt, höchstens 130 Wagen hätte dieser bekommen können. Im Herbst des Jahres war all dies ohnehin nichtig: Attinger meldete Insolvenz an.?Ja, aber?, ergänzt Daimler-Chrysler-Anwalt Bernd Roock von CMS Hasche Sigle: Für weitere Bestellungen hätte Attinger eine Gutschrift von zehn Prozent erhalten. Es habe also kein Limit gegeben. Außerdem hätte Fahr klar sein müssen, dass es Attinger ausschließlich um den Weiterverkauf gegangen sei: ?Sie sind Profi. Jetzt erzählen Sie uns, Sie hätten geglaubt, dass eine Ladenbau-Firma in größerem Umfang aufgebretzelte Fahrzeuge für den Eigenbedarf gebraucht hätte?? Daimler sieht eine Pflichtverletzung bei Fahr, er hätte den Großkunden Attinger überprüfen müssen. Fahr sieht das anders: Seit 1998 habe es Rabattverträge mit Attinger gegeben. Die hätten nicht in seinem Zuständigkeitsbereich gelegen.Doch das ist nur der eine Teil der verworrenen Geschichte. Der andere ist privater. Und anrüchiger. Er handelt von einer bemerkenswerten Dreier-Konstellation.Lesen Sie weiter auf Seite 2Mit im Spiel ist Eckhard Panka, der ehemalige Deutschland-Vertriebschef von Daimler-Chrysler. Er musste bereits Ende 2004 gehen oder exakter: Er einigte sich mit seinem Arbeitgeber auf den Abgang. Dritte im Bunde ist Fahrs Ex-Frau Astrid ? die im Jahr 2004 Freundin von Panka war. Ihr baute Attinger im selben Jahr eine Balkendecke in ihre Finca auf Mallorca. Dies, so der Vorwurf, stehe in Zusammenhang mit einem Betrag von 50 000 Euro, den die Daimler-Bauabteilung beim Bau des Maybach-Zentrums in München berechnete, das von Attinger ausgestattet wurde. Diese Rechnung zeichnete Fahr ab. Er habe nicht gewusst, dass der Betrag nicht korrekt sei, behauptet Fahr.Je verworrener die Details in Saal 523, desto hitziger die Anwälte. Mancher der Anwesenden fühlte sich an die Polit-TV-Runden der jüngsten Wochen erinnert, so giftig tauschten die beiden Seiten ständig gleiche Argumente aus. Auch Fahr selbst hält sich nicht zurück, immer wieder kräuseln sich Falten über die hohe Stirn, ziehen die Augenbrauen und die Oberlippe nach oben, legen bei dem Ex-Top-Manager die Zähne ein Stück frei, wenn er sich rechtfertigt.Nach über zwei Stunden wird es Richter Holger Augustin zu bunt: ?Es zieht sich hier durch, dass Attinger bei Daimler-Chrysler zu einer Chefsache geworden ist. Warum haben Sie die eigenen Vorgaben außer Acht gelassen?? fragt er.Vor allem die Frage, ob die Affäre Panka-Attinger auf Vorstandsebene bekannt war, erhitzt die Advokaten. Wohl auch deshalb beraumt Augustin für den 22. November noch mal eine Anhörung an: Dann geht es darum, ob der Sprecherausschuss, ein Gremium leitender Angestellter, frühzeitig Bescheid wusste. Wenn ja, wäre Fahr vielleicht aus dem Schneider.Daimler-Anwalt Roock zumindest reichte gestern in letzter Sekunde, gerade als der Richter die Verhandlung beenden wollte, eine Art Fallschirm ein: einen Auflösungsantrag für den Fall, dass der Richter zu Gunsten Fahrs entscheiden sollte. Dann würde man sich doch noch auf finanziellem Wege einigen.?Eine juristische Formalie?, behauptet Roock. So heftig, wie es in diesem Prozess zugeht, ?erwarte ich den Gang in die zweite Instanz?.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.09.2005