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Der Glamour-Verleger

Von Peter Heinlein, Handelsblatt
Mit Magazinen wie ?GQ? und ?Vogue? lässt Bernd Runge die Deutschen in die High-Society blicken.
MÜNCHEN. Ruhig liegt es da, das Meer. Leicht gekräuseltes Wasser, dunkeltürkis, Dunst erhebt sich, eine weiße Wand. Was dahinter liegt, bleibt unklar. Auch Bernd Runge, der vor diesem Riesenfoto seinen Münchener Schreibtisch stehen hat, erlaubt zunächst keinen Fernblick. Seine nächsten Projekte? Mal sehen, vielleicht reden wir später drüber. Als deutscher Verleger von Condé Nast, als Vorstand der internationalen Sparte des US-Edel-Publishers von ?Vogue?, ?GQ?, ?Traveller? oder ?Vanity Fair? lebt er erst einmal die Gegenwart.Deutsche Verlage, sofern sie Frauenzeitschriften herausgeben, sind auf Runge nicht gut zu sprechen. Das ist doch dieser Typ, der aus einem kleinen ausländischen Verlagsableger mit einer neuen Art Zeitschrift in den Markt der Frauenblätter einbrach, heißt es in der Branche inzwischen in stiller Anerkennung. Stimmt, ?Glamour? nennt sich sein kleinformatiges Erfolgsblatt. Es ist mit Informationen und Fotos wuselvoll gefüllt. ?Glamour? hat einen unglaublichen Preis- und Verdrängungskampf ausgelöst.

Die besten Jobs von allen

Gewollt hat der in Rostock geborene 43-Jährige das angeblich nicht, nicht so jedenfalls, aber Schuld daran, nein, das sei er nicht. ?Unser Blatt hat einen ordentlichen Preis, eine ordentliche Performance, schreibt schwarze Zahlen?, sagt Runge. Wenn andere ihn und sich selbst kopieren in immer neuen Varianten, dann dürften sie sich nicht wundern, wenn der Erfolg ausbleibt. Geldvernichtung sei das, kompletter Unsinn eben.Inzwischen nehmen sie ihn ernst. Verlegerpräsident Hubert Burda spricht anerkennend von der ?innovativen Kraft?, die Condé Nast in Deutschland entfalte. Solche Bestätigung, auch der frisch verliehene Titel ?Medien-Mann des Jahres?, tut ihm gut.Runge sagt, er selbst habe als angestellter Verlagschef unvergleichlich viel Freiheit. Mit Deutschland, Russland und den Emerging Markets verantwortet er mehr als 20 Prozent des Gesamtumsatzes von Condé Nast International. Wie viel das ist? Über Zahlen redet er nicht. Der Verlag ist Teil von Advance Publications, einem der Ostküstenfamilie Newhouse gehörenden Unternehmen, dessen Umsatz 2002 auf 4,5 Milliarden Dollar geschätzt wurde. Runge hat sein Geschäft in Deutschland auf 330 Mitarbeiter ausgebaut und denkt schon wieder an Angriff.?2005?, so Runge, ?werden wir eine neue Großoffensive starten, wirklich was mit Wucht.? Ob er eine deutsche ?Vanity Fair? einführen wird oder eine neue Entwicklung, sei noch nicht entschieden. Lieber mag er über seine anderen Magazine reden, da strahlen seine blaugrauen Augen. Da sieht man die Leidenschaft dieses Mannes, der in der DDR Journalismus studierte und Management-Qualitäten als Jugendlicher bewies ? beim Organisieren von Festivals.In Ostberlin und Moskau hat Runge gelernt, ging dann als Korrespondent der staatlichen Nachrichtenagentur ADN nach Ungarn, genau in der Zeit der großen Reformen. Vor Ort erlebte er, wie der schwere eiserne Vorhang unter der wuchtigen Brandung westlicher Demokratie verrostete. Darüber, wie sehr diese Entwicklung sein damaliges Weltbild tangierte, mag er nicht reden. Die wenigen biografischen Daten, die es über ihn gibt, beginnen erst mit seiner Zeit im Westen. ?Die letzten 13 Jahre haben mich weit mehr geprägt als alles davor?, erklärt er diesen Mangel.Die erste Station war Axel Springer. Runge hatte dem Verlag vorgeschlagen, westlichen Geschäftsleuten in Ungarn eine deutsche Zeitung anzubieten. Doch der Konzern war mehr an Runge selbst interessiert. Der dankte Springer die Ausbildung, indem er den damals etwas wirr geführten Verlag in Richtung Paris verließ. Dort wurde die lebende Legende Axel Ganz sein Vorbild. Der Mann verantwortet noch heute weltweit für Gruner+Jahr alle nicht deutschen Zeitschriften. Daran, dass Ganz ihn zum Chefredakteur des französischen Societyblattes ?Gala? machte, ist abzulesen, wie schnell der ehemalige DDR-Journalist im Westen angekommen war. Vier Jahre später war er als Manager zuständig für sechs Zeitschriften im Jahreszeiten-Imperium des deutschen Verlegers Thomas Ganske. Dort fand er sich jedoch ?chemisch? nicht zurecht. Was für ein Glück, so kam er zu Condé Nast nach London.Runge strahlt, wenn er dran denkt. Im leichten blauen Anzug mit der schnurgeraden, weißen Kante des ziemlich exakt fünf Millimeter hervorlugenden Einstecktuchs, dem hellblaukarierten Hemd mit aubergine/weiß gestreiftem Schlips, dem gewellten, ein wenig zu langen, grau gesträhnten Haar könnte er auch einer Anzeige in ?GQ? entsprungen sein. Gehobener Lifestyle, dafür steht sein Haus, damit macht Runge Geld. Was schwer genug ist, wenn man an die zurückgehenden Umsätze bei Armani, Bulgari und Co. denkt.Er selbst braucht den Luxus nicht, um sich zu beweisen. Ihn reizt kein Porsche, Golf spielt er mit Handicap 36 frühmorgens, gern auch allein. Tee trinkt er, rührt sich Waldhonig hinein. Der Norddeutsche hat ein Haus in den österreichischen Alpen. Ohne frische Landluft mag er nicht mehr sein.Dabei ist er besessen vom Job, wühlt noch im Bett in Zeitschriften. Seine Familie ist dran gewöhnt. Seit 20 Jahren ist er verheiratet, hat drei Töchter. Die Große macht gerade Abitur. Runde bedauert, zu wenig Zeit zu haben. Drei Wochen im Monat ist er auf Reisen. Das wird wohl auch künftig nicht wesentlich weniger werden.Hinter ihm glaubt man Meeresrauschen zu hören, leise schwappende Wellen, aber der milchigweiße Dunst hat sich nicht gehoben. Wohin es Bernd Runge wohl noch treibt? Für heute ist das klar, er hat einen Termin ? mit einem Anzeigenkunden.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.02.2004