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Der General im Gerichtssaal

Von Frank Siering, Handelsblatt
Staranwalt John T. Hickey zählt zu den besten Anwälten der Vereinigten Staaten ? und er wähnt sich immer im Recht. Ein Handelsblatt-Portrait.
LOS ANGELES. Imposante Worte eines privat eigentlich eher leisen Mannes. Der Familienvater von fünf Kindern, seit 25 Jahren verheiratet, verbringt seine Zeit am liebsten mit seinen Söhnen beim Angeln ? und ist längst ein Star in ?Corporate America?. Die Manager von General Motors haben Hickeys Handy-Nummer immer griffbereit, und die Konkurrenz von Daimler-Chrysler zuckt zusammen, wenn der Name Hickey in einem anstehenden Fall auf der Anwaltsliste der Gegner auftaucht.Der Grund: Im vergangenen Jahr gewann Hickey einen sehr prominenten Fall vor dem Gericht in Kansas City. Ein bekannter US-Football-Spieler, Derrick Thomas, war in seinem Chevrolet Suburban bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Die Verwandtschaft von Thomas verklagte GM mit der Begründung, der Wagen sei für die Straßenverhältnisse zu unsicher gewesen. Hickey schmetterte die 75-Millionen- Dollar-Klage ab und zählt seitdem zu den Hausanwälten von GM.

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Er ist Partner in der Wirtschaftskanzlei Kirkland & Ellis, die mit ihren 854 Anwälten auf Platz 20 bei den amerikanischen Kanzleien liegt. Das Außergewöhnliche ist jedoch: Geht es um den Gewinn pro Anwalt, landet Kirkland mit durchschnittlich 1,9 Millionen US-Dollar auf Platz sieben in dieser Riege.Hickey selbst ? er genoss eine jesuitische Universitätsausbildung ? ist davon überzeugt, dass er ständig im Recht ist. Und so verwundert es nicht, dass der 56-Jährige seinen Gegnern gerne vorhält, sie und ihre Hauptzeugen seien absolut im Unrecht. Eine Taktik, die die Geschworenen immer wieder aufs Neue zu beeindrucken scheint. ?Ich bin ein Mensch, der gerne in Schwarz und Weiß denkt?, meint er von sich. Und führt im Gespräch mit dem Handelsblatt fort: ?Nur so kannst Du das Gesetz wirklich gerecht anwenden. Die Geschworenen merken es, wenn Du sie an der Nase herumführen willst. Das ist nichts für mich.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Spezialität sind Produkthaftung, Copyright- und VerbraucherschutzSeine Spezialität sind Produkthaftung, Copyright- und Verbraucherschutz. Sein Name steht ganz oben in dem renommierten ?Leading Lawyers Network?, und Hickey praktiziert mittlerweile überall in den USA. Auch das ist ungewöhnlich für US-Juristen. Normalerweise beschränken sich die Anwälte eher auf Fälle in ihrem eigenen Bundesstaat.Zu den Kunden Hickeys zählen neben General Motors, Morgan Stanley Dean Witter, Hughes Aircraft Company, Amoco Oil, BP und auch die Bierbrauer von Anheuser- Busch. Kaum eines der Forbes500-Unternehmen kennt seinen Namen nicht. ?Ich kann mich über mangelnde Arbeit nun wirklich nicht beklagen?, erzählt Hickey. Er steht deshalb auch jeden Tag um sechs Uhr auf und ist bis 22 Uhr im Büro. ?Ich bin meist sieben Tage in der Woche im Einsatz, bei laufenden Prozessen sogar länger?, witzelt Hickey. ?Das ist wohl auch der Grund, warum keines meiner fünf Kinder in meine Fußstapfen treten möchte. Die Arbeitszeiten sind einfach brutal.?Ehrlichkeit auf der ganzen Linie. Die Prozesskultur in Amerika habe sich heute im Vergleich zu früheren Jahren ?sehr verändert?, meint Hickey. So seien Geschworene heute eher bereit, jemanden zu verurteilen. Der Staranwalt glaubt, dass dies an der Genauigkeit der Beweisklage liegt. ?Heute finden immer mehr Fälle auf Grund der guten Beweislage zumindest einen Weg zum Vergleich?, erläutert Hickey.Als einen seiner größten Fälle bezeichnet der ?General? aus Chicago ? so heißt er im Kollegenkreis ? seine Verteidigung von General Motors gegen den Konkurrenten Daimler-Chrysler. Die Mercedes-Dependance hatte versucht, die Produktion des ?H2? zu stoppen. Dass die Folgeversion des so genannten Hummers mittlerweile durch die Straßen Amerikas braust, ist ist zum Großteil auch der Verhandlungstaktik Hickeys zu verdanken.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Er vergisst nichts. Und das macht ihn fast unschlagbarEin Fall, der den Juristen, der immer auf verschiedenen Hochzeiten gleichzeitig tanzt, im Moment sehr begeistert: Ein Erfinder hat GM verklagt, weil er glaubt, der Autobauer habe die Idee für Teile eines neuen Motors gestohlen. ?Die Klage?, gibt sich Hickey zuversichtlich, ?steht kurz vor der Abweisung.?Hickey praktiziert nun schon seit 28 Jahren als Anwalt. Schon als 15-Jähriger hat er gewusst, dass er ?diesen Beruf ergreifen möchte?, erzählt er. Investment-Koenig Charles Schwab zollt Hickey großen Respekt: ?Er ist in wahrer Gigant unter den Juristen. Sein Gedächtnis gleicht dem eines Elefanten. Er vergisst nichts. Und das macht ihn fast unschlagbar.?Er hat einen Hang zu so genannten ?High-Profile?-Fällen, die oftmals die Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen. Sie machen Hickey sehr viel Spaß. ?Ich habe dann das Gefühl, dass ich besonders gut sein muss. Fast wie ein Fußballspieler, der sich vor einem riesigen Publikum beweisen muss?, erzählt er.Mit Hollywood habe sein Job aber ?nun wirklich nichts zu tun?. Die vielen TV-Serien, die sich im Moment mit Anwälten beschäftigen, zeigen ?leider immer nur die Arbeit von Juristen im Gerichtssaal?, beklagt sich Hickey. ?Ein Prozess wird aber in mühevoller Kleinarbeit und guter Vorbereitung hinter den Kulissen gewonnen?, so Hickey. Auch seien die ?Emotionen in den TV-Serien sehr übertrieben?. Das Gesetz ist immer noch ein ?sehr trockenes, emotionsloses Buch?, meint Hickey. Emotionen seien fürs Kino, ?vor dem Richter zählen nur die Fakten?, weiß der ?General? und verabschiedet sich in das fünfte Meeting des Tages.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.05.2005