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Der Geldmacher von RTL

Von Hans-Peter Siebenhaar
Martin Krapf ist Chef von IP, der Werbetochter von Europas größtem Privatsender. Indirekt entscheidet er, wie teuer für Bertelsmann die Milliardenübernahme eigener Anteile wird.
KÖLN. Für Martin Krapf liegt das Paradies nicht fern. Sein Glück findet er bei Wochenendausflügen zu den von mittelalterlichen Wehrmauern umgebenen Winzerdörfern entlang dem Main. Bei Silvaner und Bratwürsten sucht der geborene Würzburger das Kontrastprogramm zu seinem Alltag: der hektischen Fernsehwelt in Köln.Dort ist Krapf eine feste Größe, auch wenn er der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt ist: Er ist als Chef des Werbezeitenvermarkters IP der Geldbeschaffer für RTL.

Die besten Jobs von allen

Eine Position, die eigentlich nicht recht zu ihm passen mag. Schließlich gehört zur Werbevermarktung immer ein wenig Glamour, ein wenig Chichi, ein wenig Bussibussi. Doch Krapf ist geprägt von seiner fränkischen Heimat. Seine Bescheidenheit ist keine Koketterie, wie sie häufig und gerne in der Fernsehbranche zelebriert wird ? das Understatement ist ernst gemeint. ?Ich brauche die große Bühne nicht?, sagt der 46-Jährige.Niemand seiner Kollegen zweifelt daran. Krapf wirkt eher wie ein Sparkassenangestellter aus Köln-Nippes als einer der mächtigsten Männer im deutschen Fernsehgeschäft. Schrille Partys mit den RTL-Promis scheut der Werbeverkäufer wie der Luxusuhrenhersteller das Schalten von Spots bei ?Big Brother?.Und deshalb kennt außerhalb der RTL-Welt kaum jemand den unscheinbaren Fernsehmanager. Dabei ist IP Deutschland die Geldquelle für den Fernsehkonzern aus dem Reiche Bertelsmann. Durch Krapfs Hände gehen die Werbemilliarden von Großkunden wie Unilever, Procter & Gamble, Ferrero, Henkel oder Volkswagen.Und deshalb wirft auch die Konzernmutter in Gütersloh ein kritisches Auge auf Krapfs Wirken: Denn er muss die Millionen verdienen, mit denen die Patriarchenfamilie Mohn den Anteil des belgischen Finanzmagnaten Albert Frère zurückkaufen will. Derzeit laufen die Geschäfte wieder gut. Das erste Halbjahr übertraf seine Erwartungen. Zahlen nennt der ansonsten redselige Krapf nicht. Doch er macht keinen Hehl daraus, dass seine Laune derzeit bestens ist. ?Viele Kunden haben ihre Werbeausgaben nach vorne gezogen?, sagt er und lächelt.Die Erhöhung der Mehrwertsteuer beflügelt derzeit die Werbegeschäfte der RTL-Sender. Auch von der Fußball-Weltmeisterschaft profitierte der größte deutsche Privatsender, übertrug er doch wenigstens ein paar Spiele des Turniers. In der Halbzeit des WM-Achtelfinalspiels verlangte RTL für einen 30-Sekunden-Spot den Rekordpreis von 155 400 Euro.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Von Gütersloh hält er sich fernMit Spannung wird diesmal das Halbjahresergebnis des Mutterkonzerns RTL Group erwartet, das am Mittwoch veröffentlicht wird. Denn sollten RTL, Vox und N-TV überraschen, verbessert sich das Rating des Bertelsmann-Gesamtkonzerns. Und dann würden die Kredite billiger, um den 4,5 Milliarden Euro teuren Rückkauf der Frère-Anteile zu finanzieren.Von dieser Verantwortung für Bertelsmann lässt sich Krapf nichts anmerken. Von Gütersloh hält er sich ohnehin fern. Doch er spürt den Druck. ?RTL-Chefin Schäferkordt greift direkt in den Verkauf ein?, weiß ein langjähriger RTL-Insider. Zur Senderchefin hat er einen guten Draht. Beide wissen, am Erfolg von IP Deutschland hängt das Schicksal der Senderfamilie ab.Als der fleißige Werbefachmann das Steuer bei IP übernahm, erlebte die Werbekonjunktur gerade ihre schlimmste Talfahrt seit Einführung des Privatfernsehens vor über zwei Dekaden. Nicht umsonst hängt in Krapfs nüchternem Büro auf dem weitläufigen RTL-Gelände am Kölner Stadtrand ein Plakat des deutschen Kinofilms ?Die fetten Jahre sind vorbei?.Bei der IP sind seit dem Amtsantritt von Krapf tatsächlich die fetten Jahre vorüber. Seine Berufung durch den damaligen RTL-Deutschlandchef und jetzigen Vorstandsvorsitzenden Gerhard Zeiler war eine Überraschung. Nur wenige hätten Krapf das Krisenmanagement überhaupt zugetraut.Doch er nutzte seine Chance. Bei RTL hat er die Lautlos-Methode erfunden. Still und heimlich hat der sparsame Franke Personal abgebaut, Kostenblöcke eliminiert und die Rentabilität ausgebaut. Die opulenten Zeiten unter seinem österreichischen Vorgänger Walter Neuhäuser sind heute längst vergessen.Die durchaus schmerzliche Sanierung der IP hat sich gelohnt. Derzeit läuft bei RTL der größte Personalabbau seit Gründung der Senderfamilie. Kein Stein bleibt auf dem anderen. Einzige Ausnahme: Die IP bleibt dank der Vorleistungen verschont. Darauf ist Krapf stolz. Er ist ein Mann der Disziplin: Seine Arbeitstage sind lang. ?Krapf würde das Leben gerne genießen, aber ihm fehlt die Zeit?, sagt ein Senderchef in Köln über den lebensfrohen Franken. In aller Herrgottsfrühe fährt der IP-Lenker vom beschaulichen Taunus-Städtchen Bad Soden zum Frankfurter Flughafen, um dort den ICE nach Köln zu nehmen. Am Abend, irgendwann zwischen ?Heute? und ?Tagesschau?, geht es dann wieder zurück.Krapf liebt das Zugfahren. Mit seinem Blackberry arbeitet er sich dann durch Zahlenkolonnen und E-Mails. Auf der Fahrt ins Büro kann er seiner Mannschaft bereits erste Anweisungen. ?Ich definiere für meine Mitarbeiter klare Vorgaben und lasse sie frei agieren. Wenn es Probleme gibt, interveniere ich?, sagt der studierte Psychologe und Pädagoge. Das Fernsehgeschäft ist heute kompliziert geworden. Längst geht es nicht mehr darum, nur Reklamespots zu verkaufen. ?Wir verkaufen längst nicht nur den 30-Sekunden-Spot, sondern entwickeln konzeptuelle Themen für unsere Werbekunden?, sagt der Werbeprofi, der einst bei der Marktforschungsfirma GfK in Nürnberg die Fernsehforschung leitete. Längst werden alle Register, vom Fernsehen über Internet bis zum Handy, gezogen, um die Reklame wirkungsvoller zu machen.Seinen persönlichen Fernsehgeschmack hat sich der oberste Werbeverkäufer erhalten. ?Ich habe die Dschungel-Show gemocht, weil sie gut gemacht und mutig war?, bekennt er offen. Für die Vermarktung war sie allerdings ein Fiasko. Die Werbekunden gingen auf Distanz zum Dschungel-Desaster. Eine Neuauflage der Ekelshow gab es bisher nicht. Das hat dem Geschäft und damit auch Martin Krapf genutzt.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.08.2006