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Der Geldgräber

Von Frank Siering
Ausgewaschenes T-Shirt, unrasiert, Schlappen an den Füßen, die aussehen wie nach einer Wanderung über tausend Meilen Wüstensand ? nur als Internet-Gründer schafft man es wohl in solch einer Kleidung auf die Titelseite eines der angesehensten Wirtschaftsmagazine der Welt, der ?Business Week?. Ein schüchterner 29-Jähriger ist der heißeste Jungstar des Silicon Valley. Vor allem klassische Medienkonzerne fürchten Kevin Roses rasant wachsende, nutzerorientierte Nachrichtenseite Digg.com.
LOS ANGELES. Ausgewaschenes T-Shirt, unrasiert, Schlappen an den Füßen, die aussehen wie nach einer Wanderung über tausend Meilen Wüstensand ? nur als Internet-Gründer schafft man es wohl in solch einer Kleidung auf die Titelseite eines der angesehensten Wirtschaftsmagazine der Welt, der ?Business Week?.Kevin Rose zum Beispiel hielt kürzlich beide Daumen nach oben, während die Schlagzeile des Magazins schrie: ?Wie dieser Junge 60 Millionen Dollar in 18 Monaten machte.? Doch gemacht hat er sie nicht, es ist eine Rechnung, die sich an der Bewertung anderer Internet-Startups orientiert ? und Rose hat sein Unternehmen nicht verkauft.

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An Anfragen, es doch zu tun, mangelt es dem 29-Jährigen nicht: Seine Firma Digg.com gehört zum Heißesten, was das Silicon Valley derzeit zu bieten hat.In Deutschland kennen bisher nur Netz-Experten Digg.com ? oder seine deutsche Kopie Yigg.de. Digg.com (To dig heißt übersetzt so viel wie graben, buddeln) funktioniert wie eine elektronische Tageszeitung. Nur das keine hierarchisch besetzte Redaktion die Themen auswählt, sondern die ?Digg Army? ? die Nutzer.Mittlerweile sind das mehr als eine Million Surfer am Tag. Sie melden interessante Storys von anderen Internet-Seiten an und lassen ?total demokratisch? (Rose) abstimmen, welche davon ganz oben auf der Webseite erscheint.Es ist eine Mischung aus personalisierter Nachrichtenquelle und Spielzeug mit hohem Suchtcharakter. Auf der Rangliste der populärsten Web-Seiten ist Roses Schöpfung weltweit auf Rang 24. Schon zittert mancher Verleger: Glauben Nutzer, dass sie über Digg alle für sie relevanten Nachrichten beziehen können, wäre das ein harter Schlag für die Online-Angebote der klassischen Medien.Wenn Kevin Rose in seiner Lieblingskneipe am Hafen von San Francisco von dem erzählt, was Digg heute ist und einmal werden soll, klingt das schon wieder schwer nach einer neuen Internet-Blase. Ist Digg also wieder so eine Eintagsfliege im weltweiten Netz von Surfern und Illusionisten? Eine mit Risikokapital aufgeblasene Pusteblume, die sich wie unzählige Unternehmen vor ihr schon sehr bald im sanften Sommerwind von Silicon Valley auflöst??Mit Sicherheit nicht?, meint Dennis Fong, Mitbegründer der Online-Spiele-Firma Xfire, die unlängst für 102 Millionen Dollar an Viacom verkauft wurde. ?Kevin ist seiner Zeit weit voraus, er hat begriffen, in welche Richtung sich das Internet entwickeln wird. Und Digg.com zeigt uns den Weg.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ohne Risiko macht das Spiel keinen SpaßDie enorme Popularität verfolgt Rose mit Argwohn. ?Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich mein Leben im letzten Jahr verändert hat?, sagt er. ?Manchmal weiß ich nicht, ob ich mir wirklich einen Gefallen getan habe mit einem solchen Mammutprojekt, zweifelt er an seinen eigenen Entscheidungen.Doch ganz ohne Risiko macht das Spiel eben keinen Spaß. Das dürfte Rose früh mitbekommen haben ? schließlich stammt er aus der Zocker-Metropole Las Vegas. Schon früh entdeckte der Sohn eines Steuerberaters und einer Hausfrau seine Liebe zu Computern. ?Ich war ein typischer Nerd?, sagt Rose selbst. Als solche werden gemeinhin Menschen bezeichnet, deren soziale Kontakte sich vor allem in Bits und Bytes darstellen lassen. Nach einem kurzen Aufenthalt an der University of Las Vegas ging er ins Silicon Valley: ?Ich wollte da sein, wo die Action ist.?Bei Tech-TV, einem Nischen-Fernsehsender über Technik, lernt er seinen heutigen CEO Jay Adelson kennen. ?Kevin hat damals eine Show moderiert und still und heimlich Tipps für Hacker on air weitergegeben?, erinnert sich Adelson. Nicht zuletzt diese geheimen Tipps brachten Rose den Spitznamen ?The Dark Tipper? ein.The Dark Tipper war eine absolute Kanone, wenn es um Fachwissen im IT-Bereich ging ? von Finanzfragen allerdings hatte Rose wenig Ahnung. Als er Digg.com zum Laufen bringen wollte, bat er einen Freund um 50 000 Dollar Zuschuss. Während Adelson sich um das Management kümmerte, werkelte Rose an immer neuen Versionen von Digg.comSeine Schöpfung, darauf legt er Wert, ist nicht aus dem Traum vom großen Geld entstanden, sondern aus Überzeugung. Deshalb wehrt er sich vehement gegen Gerüchte, Yahoo werde Digg für über 40 Millionen Dollar übernehmen.?Blödsinn?, schreibt der begeisterte Kletterer und Schokoladen-Freund auf seiner Seite im Online-Netzwerk Myspace. ?Ich will nicht das schnelle Geld machen?, betont der in Las Vegas aufgewachsene Jungstar. Und ?ich will die Community nicht im Stich lassen?.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Viel PotenzialStichwort: Community. Während sich manches Großunternehmen müht, eine solche um sich zu scharen, verdreifacht sich Monat für Monate die Nutzerschaft von Digg.com. ?Kevin ist sehr smart. Er kümmert sich derzeit noch nicht um Umsatz und Gewinn. Er weitet seine Gefolgschaft aus ? der finanzielle Erfolg kommt dann von ganz allein?, sagt Alex Albrecht, ein IT-Experte und ehemaliger Kollege von Rose.Denn auch wenn ?Business Week? mit utopischen Bewertungen um sich wirft: Noch ist der Umsatz von Digg.com überschaubar. Drei Millionen Dollar im Jahr, schätzen Branchenexperten. Trotzdem könnte bei einem Verkauf der Preis bis auf 200 Millionen Dollar hochschießen ? sollte Rose sich entschließen, großflächigere Werbung auf der Seite zuzulassen als bisher. Doch er sträubt sich: ?Warum soll ich unsere Site mit Werbung zuklatschen? Wir sind voll finanziert und wachsen weiter. Alles geht seinen Weg in eine geordnete Profitabilität", erzählt er und rückt die Baseball-Mütze tiefer ins Gesicht.?Es ist eine gute Zeit für neue Business-Matadoren wie Kevin Rose?, sagt John Freeman, Professor für Unternehmensgründung an der Universität von Kalifornien in Berkeley. Und: ?Anders als beim ersten Internet-Boom gibt es diesmal viele kleine Geldtöpfe, aus denen Entrepreneure schöpfen können.? Das bedeutet für Geschäftsleute wie Rose, dass er nicht mehr nur einer Risikokapitalfirma ausgeliefert ist und somit weitaus mehr Kontrolle über sein Unternehmen behält.Das Leben meint es gut mit Kevin Rose. Selbst seine Schüchternheit hat er ein bisschen abgelegt, sagen seine Freunde. Nur eines hat der Fan des 80er-Jahre-Melancholie-Popstars Morrissey dann doch noch gemeinsam mit seinen Vorgängern aus der ersten Generation der Dotcom-Welle Ende der 90er-Jahre: Er arbeitet rund 18 Stunden am Tag. Zu viel für seine Freundin ? die hat ihn kürzlich verlassen, trotz Reichtum und Glamour.Und schon jetzt weiß Kevin Rose, dass er beim nächsten Mal, wenn es um die Frage ?Arbeit oder Privatleben?? geht, ?die Liebe immer der Arbeit vorziehen würde?.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.08.2006